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Mitte finden
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Sechs Uhr mein Wecker klingelt.
Der erste Blick an diesem Morgen gilt meinem schlafenden Sohn, der sich mal wieder in unser Bett geschlichen hat. Der zweite Blick geht zu dem Ganzjahreskalender mit den schönen Sprüchen: Merk auf dieses feine, unaufhörliche Geräusch; es ist die Stille. Horch auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt schreibt der französische Dichter und Philosoph Paul Valéry. Mit diesen Worten im Hinterkopf schleiche ich mich leise aus dem Zimmer, rolle im Flur meine Matte aus und mache meine täglichen Yogaübungen.
Es ist Fastenzeit. Viele Menschen nehmen in dieser Zeit an der Aktion 7 Wochen ohne teil, und verzichten auf Dinge, die ihnen normalerweise sehr wichtig sind: Zigaretten, Süßigkeiten, Kaffee, Alkohol und ähnliches.
Mir selbst ist das nie gelungen. Es gab immer gute Gründe, auf nichts zu verzichten. Und dennoch empfinde ich diese Wochen zwischen Karneval und Ostern als ruhigere, vielleicht auch etwas ernstere Wochen. Ich denke öfter darüber nach, was Bedeutung hat im Leben, in meinem Leben. Und nicht umsonst sind mir in diesen Wochen meine Yogaübungen besonders wichtig. Ich übe täglich nur eine Viertelstunde; aber manchmal meine ich, dass ich nicht einmal dafür Zeit habe. Termine über Termine in der Gemeinde, der Schreibtisch ist voll und für die Familie soll auch noch Zeit sein. Da kann man sich schon manchmal verzetteln. Man hetzt von einem Termin zur nächsten Veranstaltung, erledigt den Schreibkram zwischendurch, und fragt sich manchmal am Abend, was man eigentlich wirklich geschafft hat. So ein stressiger Alltag, den ja viele Berufstätige haben, macht nicht nur dem Geist zu schaffen. Häufig ist auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen - Verspannungen und Unzufriedenheit sind die Folgen. Dann ist es wichtig, wieder zur Ruhe zu kommen, sich zu erden und seine Mitte zu finden. Das, was wirklich wichtig ist, das, was mich erfüllt und mir Kraft gibt. Man muss seine Ruhequelle finden. Und diese Ruhequelle steht für mich in diesen Wochen im Vordergrund. Dabei helfen mir die Yogaübungen. Man konzentriert sich auf ruhige Bewegungen und achtet sehr bewusst auf seinen Atem. Das hilft zur Ruhe zu kommen. Verspannungen des Körpers wie des Geistes können sich sanft lösen. Wenn das gelingt, dann habe ich auch wieder Raum, die wohltuende Kraft Gottes zu spüren. Denn seine Liebe ist es, die mich erfüllt und die mich leben lässt. Auch wenn ich das im Alltag manchmal vergesse. Er ist meine Mitte, zugleich hält er mich und umgibt mich. Diese Gewissheit kann ich nur in der Stille finden, außerhalb des alltäglichen Trubels.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, auf einem anderen Kalenderblatt steht ein Spruch des Mystikers Franz von Sales: Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig außer wenn man sehr beschäftigt ist. Dann braucht man eine ganze Stunde.
In der Hoffnung, dass es uns gelingt, vielleicht nur eine Viertelstunde innezuhalten um die eigene Mitte zu finden, verbleibe ich mit friedvollen Grüßen für den Tag. Ihre Johanna Krumbach, Pfarrerin in Augustdorf.
Mitte finden
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