Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.02.13; Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Junge Kirche

Dass die Kirche die jungen Leute nicht mehr erreicht, ist schon fast ein Allgemeinplatz.

Der Satz stimmt sogar tatsächlich, jedenfalls in den Großstädten und Ballungsgebieten. In Duisburg zum Beispiel werden mehr als 50 Prozent der Säuglinge mit mindestens einem evangelischen Elternteil erst gar nicht mehr zur Taufe gebracht. Das hat verschiedene Gründe. Bei den meisten liegt es daran, dass sie, die heute 25- bis 30-Jährigen, schon damals, als sie selbst noch Kinder waren, von der Kirche nicht mehr erreicht worden sind. Traditionsabbruch nennt man das.

Dagegen anzukommen ist schwer. Nochmal das Beispiel Duisburg: Dort ist der jüngste Gemeindepfarrer schon über 40. Und wenn gestandene Mittfünfziger anfangen, eine coole Jugendsprache zu sprechen oder das, was sie dafür halten, ist das keine Lösung, sondern peinlich. Der Berufsschulpastor Peter Gördes will deshalb als erstes herausfinden, was ganz normale junge Leute eigentlich mit Kirche überhaupt noch verbinden. Er hat seine Schülerinnen und Schüler gefragt, Auszubildende, zum Beispiel aus der Friseur- oder der Elektrikerbranche. Anonym mit Fragebogen. Nicht mit vorgegebenen Antworten zum Ankreuzen, sondern mit offenen Fragen. Hier eine Auswahl der häufigsten Auskünfte:

Wofür soll sich die Kirche einsetzen? Gegen Gewalt, Drogen, Armut und Tierquälerei. Für Nächstenliebe, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Frieden. Was sind die wichtigsten Aufgaben der Kirche? Religiöse Kindererziehung und Vermittlung von Grundwerten. Welchen Menschen soll die Kirche helfen? Der Dritten Welt, Obdachlosen, Armen, Kranken und allen, die Trost brauchen. Ein Zitat: „Ich möchte nicht nur ein offenes Ohr. Die Kirche soll aktiv werden. Wenn ich sage, dass ich unter Sucht leide, dann soll sie mich in eine Entzugsklinik stecken, mich motivieren, überzeugen, ein wenig dazu drängen.“

Mal ehrlich: Konventioneller und traditioneller könnten die Antworten eigentlich kaum sein. Vor dreißig Jahren hätten Jugendliche im Großen und Ganzen dasselbe gesagt. Und die nicht mehr ganz so Jungen von damals und von heute wohl auch. Gesucht werden bei der Kirche offenbar gerade nicht die ultimativen Sensationen. Selbst bei der Frage nach Freizeitangeboten kommen vor allem die Uralt-Klassiker: Tischtennis. Poker. Kicker.

Das ist überraschend. Oder vielleicht auch gerade nicht. Vermutlich wissen junge Menschen sehr gut, dass man die Organisation von Rock-Konzerten und Mega-Events besser denen überlässt, die was davon verstehen. Die Kirche ist nicht gut beraten, hier mithalten zu wollen und dann doch nur zweit- und drittklassige Ergebnisse liefern zu können. Gesucht wird, of-fenbar durchaus auch von Jugendlichen, bei der Kirche das, was man andernorts in der Gesellschaft vermisst: Werte. Gerechtigkeit. Hilfsbereitschaft. Kirche wird, so scheint’s, immer noch als eine ethische oder moralische Instanz betrachtet, von der man entsprechend glaub-würdiges Reden und Handeln erwartet. Auch wenn man nicht in den Gottesdienst oder zu den meist überalterten Gemeindekreisen kommt.

Eine Kirche, die „jung“ sein will, muss also gar nicht ständig den Jungen hinterher hecheln und pausenlos eine große Trommel rühren. Sie sollte stattdessen vermutlich vor allem an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten. Damit ist es zur Zeit bei beiden Konfessionen nicht gut bestellt. Vielleicht wäre es ja wichtig, sich in Kirchenleitungen, Presbyterien und Pfarrkonventen mitten zwischen den inflationär geführten Struktur- und Reformdebatten mal wieder zu fragen, worin eigentlich das Kerngeschäft der Firma besteht: In der Botschaft vom menschenfreundlichen Gott, die zu Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft ermutigt.

 

Audiobeitrag Junge Kirche


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