Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.02.13; Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Problem und Potenzial zugleich

Ein Kindergartenplatz für ihren Ciprian ist für Luleta das Wichtigste auf der Welt. Da lernt er Deutsch. Dann kommt er später in der Schule mit.

nd dann hat er’s noch später mal besser als in Rumänien. Deshalb ist Iuleta hier. In Duisburg-Hochemmerich glaubt ihr das allerdings kaum einer. Sie könnte es auch niemandem erklären, weil sie selbst kein Deutsch spricht. In Rumänien hatte sie keinen Kindergartenplatz für Ciprian.

Ähnlich dankbar für das, was sie hier bekommen, ist das Ehepaar Kliment und Donka. Für die beiden sind die rund 770 Euro Kindergeld, die sie für ihre vier Sprösslinge monatlich erhalten, ein unfassbarer Reichtum. In Duisburg-Hochfeld glaubt ihnen das kaum einer. Die Menschen dort haben selber nichts. Und dass die Leute in den Dörfern rund ums bulgarische Schumen, von wo Kliment und Donka stammen, noch viel ärmer sind, kann sich keiner vorstellen.

Seit 2007, als Rumänien und Bulgarien in die EU aufgenommen wurden, wandern Armutsflüchtlinge von dort in deutsche Städte. In Duisburg sind es inzwischen knapp 6.500. In Dortmund sieht es ähnlich aus. Die Menschen sind nach EU-Recht völlig legal hier. Eine verrückte Gesetzgebung, die angeblich den deutschen Arbeitsmarkt schützen will, verbietet ihnen allerdings bis zum 1. Januar 2014, hier Arbeit anzunehmen, legal Geld zu verdienen und in die Sozialversicherung einzuzahlen. Entstanden ist stattdessen ein finanzieller Mischmasch aus Kindergeld sowie Einkünften aus Schwarzarbeit, Prostitution und Straßenmusik. Man wohnt unter menschenunwürdigen Bedingungen in menschenunwürdigen Unterkünften. Und, ja, auch die Kriminalität blüht, vor allem Eigentumsdelikte.

Gebeutelte Stadtgesellschaften wie Duisburg und Dortmund werden mit ihrem Problem allein fertig werden müssen. Das scheint kaum möglich. Die Menschen der Bibel vor mehreren tausend Jahren waren da schon weiter als wir. Dass es immer wieder neu Zuwanderung gibt, dass jeder irgendwo und irgendwann „der Fremde“ gewesen ist – das war für sie klar. Also bestand die Aufgabe darin, alle möglichst schnell in ein funktionierendes Gemeinwesen zu integrieren. Das ging oft schief. Das war nie leicht. Aber es war als gemeinsame Aufgabe selbstverständlich.

Davon sind wir heute weit entfernt. Dass man mit denen, die neu dazukommen, das bisschen, was man selbst hat, teilen soll, ist für ziemlich viele ein inakzeptabler Gedanke. Vorurteile sind schnell bedient: Die wollen sich nicht anpassen. Die wollen nicht arbeiten. Die sind kri-minell. Das ist auch keineswegs immer falsch. Die überwältigende Menge der Zuwandernden hat allerdings zwei ganz andere Gedanken: Hier sind selbst üble Lebensbedingungen noch besser als das, was zu Hause herrscht. Und: Die Kinder sollen es mal besser haben.

Die Kinder der Zuwandernden sind das Problem und das Potenzial zugleich. Sie brauchen ordentliche Gesundheitsvorsorge, zusätzliche Kindergartenplätze, zusätzliche Schulplätze und müssen schnell Deutsch lernen. Das kostet alles viel zusätzliches Geld. Aber es muss gemacht werden. Denn die Menschen gehen nicht mehr zurück in das Elend, aus dem sie gekommen sind. Sie bleiben. Auf Biegen und Brechen. Und können vielleicht eines Tages dem Mangel an jungen, ordentlich ausgebildeten Arbeitskräften abhelfen, über den schon heute viel geklagt wird. Ganz zu schweigen von der Renten- und Krankenversicherung, in die auch in zehn, zwanzig Jahren noch irgendwer einzahlen muss. Aus Armutsflüchtlingen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu machen – das ist ohne Alternative. Und das gelingt vielleicht immer erst in der nächsten Generation. Aber gerade die darf deshalb heute nicht verloren gehen.

 

Audiobeitrag Problem und Potenzial zugleich


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