Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.02.13; Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Lehrer

Immer wenn ich daran denken muss, dass wir unseren Kindern eine kaputte Erde samt einem Riesenschuldenberg hinterlassen

und sie darauf mit einem zu Tode reformierten Bildungssystem vorbereiten, fällt mir ein wunderbarer Satz aus den biblischen Psalmen ein: Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk (Psalm 127). Das gefällt mir deshalb so gut, weil eine Gabe ja auch eine Aufgabe sein kann und man mit einem Geschenk, zumal einem wertvollen, sorgsam umgeht. Menschen, die mit Kindern leben und zu tun haben, dürfen sich daran erinnern, dass es nicht zuerst um sie selbst, sondern um die geht, die ihnen anvertraut sind.

Ganz anders wird mir zumute, wenn ich dann im Internet zufällig auf Seiten wie die folgende stoße. Da schreibt unter www.lehrerin.blog eine Lehrerin allerlei über ihr Leben und ihre Arbeit, nämlich zum Beispiel das Folgende: „Da gibt es einen Vater - E.s Vater -, der keinerlei Zugang mehr zu mir hat. E.s Vater hat seine Probleme nicht im Griff, will keinerlei Hilfe an-nehmen und beschwert sich dann bei meinem Schulrat über mich. Da war meine Geduld zu Ende. Ich habe ihn so in die Enge getrieben, dass es letzte Woche zum Eklat kam: ich habe ein Informationsheft angefangen, das er jeden Tag unterschreiben musste. Dort vermerkte ich alle fehlenden Hausaufgaben, Schulsachen und die Verfehlungen seines Sprösslings. Da ich um die Durchtriebenheit der Familie wusste, führte ich das Heft doppelt. Somit hatte ich einen Beweis. Nach einer Woche war - wie erwartet- das Informationsheft verschwunden. Mit meinem falschesten, zuckersüßesten Lächeln sagte ich zu E.: Hast du ein Glück, dass ich alle Vermerke noch einmal habe. Ich kopiere das Heft. Danach kam es zum großen Knall. Der Vater wurde von mir täglich mit seiner Erziehung und dem Verhalten seines Sohnes konfron-tiert - damit konnte er nicht umgehen. Jetzt geht E. ab Montag in die Klasse meines Kollegen.“

Also, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich gehe davon aus, dass dergleichen nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist. Nichts ist billiger als allgemeine Lehrerschelte. Andererseits ist es natürlich schon bemerkenswert, dass so eine gemeingefährliche Menschenfeindin unterrichten darf und offenbar irgendwann von irgendwem als für den Schuldienst geeignet befunden worden ist. Wer mit seiner Aufgabe so sichtlich überfordert ist, dass er mit zuckersüßem Lächeln die miesesten Tricks anwendet und vor diesem Hintergrund Ratschläge zur Erziehung erteilt, sollte wohl besser nicht auf die kleinen Gottesgeschenke losgelassen werden.

Aber es geht ja auch gar nicht um eine anvertraute Gabe, sondern um die „Verfehlungen des Sprösslings“. Hier tritt etwas zu Tage, was ich dann doch ein wenig verallgemeinern will. Eltern gehen inzwischen davon aus, dass Lehrer nichts taugen. Lehrer sind durchdrungen von der Überzeugung, dass die Familien kaputt und die Eltern mit der Erziehung überfordert sind. Unter die Räder kommen dabei die Kinder. Von zu Hause kriegen sie mit, dass ihre schulischen Gegenüber kein Vertrauen verdienen. In der Schule signalisiert man ihnen, dass ihr Wert für die menschliche Gemeinschaft schon in frühen Jahren fraglich ist. Schule würde prima funktionieren, wenn bloß die Eltern nicht wären.

Kinder sind eine Gabe des Herrn. Das mag wohl auch zur Bescheidenheit anleiten: Lehrer sollten sich klarmachen, dass eine pädagogische Ausbildung keineswegs schon zur schwierigen Aufgabe der Kindererziehung befähigt. Eltern sollten sich klarmachen, dass Unterrichten eine Aufgabe ist, die allen Respekt verdient und keineswegs von irgendwem nebenbei erledigt werden kann. Aus beiderseitiger Bescheidenheit könnte dann vielleicht eine fruchtbare Zusammenarbeit entstehen. Damit die Leibesfrucht, das Gottesgeschenk, wieder im Mittelpunkt steht.

 

Audiobeitrag Lehrer


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen