Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.02.13; Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Meine allerliebste Freundin

Die Karte kam spät, erst Wochen nach ihrem Tod, es war eine Klappkarte: außen ein Sonnenuntergang am Meer, und innen die Einladung zu ihrer Beisetzung.

Wir trafen uns an Kapelle 12 und gingen zum Friedwald. Martin ging vorne weg. Er trug die Urne seiner Schwester. Sie war nur 43 Jahre alt geworden. Der Krebs hatte sie zerfressen - in nur wenigen Monaten. Viele waren gekommen, um sich zu verabschieden. Es war ein bunter Haufen: Viele aus der alternativen Szene, auch Kinder. Alle mitten im Leben. Wir stellten uns im Kreis um das Erdloch. Die Sonne schien, der Schnee glitzerte – es war eisig. Dann trat sie nach vorne – riss ihre Mütze vom Kopf und warf sie in den Schnee, auch ihre Handschuhe und Pulswärmer. Sie trat an das kleine Erdloch, in dem ihre Freundin nun für immer verschwunden war und begann zu sprechen: Meine allerliebste Freundin, liebe Susanne…

Sie war gefasst – ich habe sie bewundert. Mit fester Stimme, ohne eine einzige Träne, beschrieb sie ihre geliebte Freundin. 35 Jahre waren sie befreundet. Waren um die halbe Welt gereist, hatten gearbeitet in verschiedenen Städten, sich in Berlin wieder getroffen, die eine hatte Familie gegründet, die andere nicht. Die eine lebte in einer festen Beziehung, die andere ganz anders.

Es ist nicht immer einfach gewesen mit dir – auch das sagte sie ihrer verstorbenen Freundin im Erdloch. Du hast immer deinen eigenen Willen gehabt, warst kompromisslos und hast dich eingemischt. Manchmal auch zu viel.

Wie schön, wie ehrlich – dachte ich. Und trotzdem wie unendlich liebevoll. Und dann sagte sie ihrer toten Freundin im Erdloch:

„Doch das andere war viel wichtiger und viel größer: Du warst immer sehr hilfsbereit, hast dich immer auch um jene gekümmert, die rausgefallen waren: psychisch, sozial, finanziell - die einfach anders waren. Du warst unendlich treu, hast gerne gelacht – bis zum Schluss. Den Stein, den ich dir mitgebracht habe von der See, den wolltest du im Bett behalten. Noch einmal eine Scheibe einwerfen, sagtest du. Das war zwei Tage vor deinem Tod.

Die Frage: Was ist nach dem Tod? blieb offen und doch wurde dem Tod der geliebten Freundin ein Sinn gegeben. Nämlich den angesichts ihres Todes über das eigene Leben nachzudenken. Sich zu fragen will ich wirklich so leben, wie ich lebe …

Was für eine schöne Rede … echt stark –ungeschützt - am offenen Grab. Frei von Floskeln – leeren Bildern – trostlosen Worten.

Will ich so leben wie ich lebe? Auch ich habe mich das gefragt. Will ich meiner liebsten Freundin, bis zu ihrem Begräbnis oder auch darüber hinaus vorenthalten, wie sehr ich sie mag? Nicht immer, aber meistens. Wie gerne ich mich erinnere, an unsere Jugend mit all ihren Verrücktheiten, an das Erwachsen werden, an das gemeinsame Ausbrechen aus dem: Jetzt bin ich groß und vernünftig. An das: Hallo Leben! Hier sind wir! An das still sein, wenn es mal unaussprechlich schwer war. Wenn Beziehungen zerbrachen, Menschen starben … Will ich so leben, dass ich den Menschen, die ich liebe, weiter verheimliche, wie sehr ich sie liebe? Ich mag dich, du fehlst mir, ich freu mich auf dich, ich liebe dich … das gibt es natürlich. Ist ja auch schon was. Aber ein Liebesbrief ist eben doch mehr. Am besten vor dem Tod. Dem eigenen und dem der anderen.

 

Audiobeitrag Meine allerliebste Freundin


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