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Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein
Eine barocke Kirche in Bayern; ich stehe zwischen den Holzbänken und lasse den hoch aufragenden hellen Raum auf mich wirken.
Es ist kühl und riecht nach dem Weihrauch vergangener Gottesdienste. Vor mir der mit Säulen und Marmor reich verzierte Altar, darauf Bilder mit Szenen aus der Bibel; Gold schmückt helle Wände, wallende Formen und Engel in vielen Varianten. Alle Sinne nehmen diese friedvolle Atmosphäre des Kirchenraumes auf. Und dann bleibt mein Blick an der rechten Seitenwand hängen. Dort sind viele schlichte, gerahmte Steintafeln zu sehen, auf denen nur ganz wenige Worte stehen: Maria hat geholfen! oder einfach Danke!
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Uwe Rieske und arbeite als Pfarrer in der Notfallseelsorge.
Meistens habe ich in meiner Arbeit als Notfallseelsorger mit anderen Erfahrungen zu tun als mit diesen Eindrücken aus einer barocken bayerischen Kirche. Hier die Tafeln, mit denen Menschen Gott Danke sagen für Bewahrung in einer Notlage, für eine Heilung oder Rettung aus Todesgefahr. Und dazu im Kontrast: Klagen, fassungsloses Schweigen, Weinen dies erfüllt die Räume der Notfallseelsorge. Diese Räume sind selten Kirchen. Viel öfter geschieht unser Dienst draußen auf der Straße oder in fremden Wohnungen. Wir werden dorthin gerufen, wo jemand gestorben ist. Wir sind dort, wo Menschen bitter erfahren, dass ihr innigstes Wünschen keinen Erfolg hatte. Wenn sie einen geliebten Menschen verloren haben. Wenn jemand schwer verletzt ist. Bei einem Brand, einem Unfall, einer Flut.
So verweilt mein Blick in dieser reich verzierten bayerischen Kirche auf den Votivtafeln, wie sie heißen: Viele sind es. Sie sagen danke dafür, dass Gebete erhört wurden. Viele einzelne Schicksale sprechen aus diesen Danktäfelchen.
Ich bin evangelischer Pfarrer und in unserer rheinischen Kirche gibt es diesen Brauch nicht. Aber ich finde es schön: Danke zu sagen, wenn man spürt: Das war nicht selbstverständlich, dass ich gerettet, dass ich bewahrt wurde. Ich will Gott dafür danken und alle sollen wissen, dass er mir das Leben, die Gesundheit, meinen Partner, mein Kind was auch immer erhalten hat.
Doch es gibt auch die andere Erfahrung. Ein Gebet wurde nicht gehört. Und da regt sich leidenschaftlicher Protest:
1. Musik: BAP - Wenn et Bedde sich lohne dät...
Autor: Wenn das Beten sich lohnen würde, singt Wolfgang Niedecken von der Kölschrockgruppe BAP. Wenn das Beten sich lohnen würde, was meinst du wohl, was ich dann beten würde; dann, aber vielleicht auch nur dann, würde ich beten, was das Zeug hält, für alles, was mir am Herzen liegt und einfällt. In diesem bekannten Song der Kölner Rockgruppe klingt Protest an, ein Zweifel gegen die Votivtafeln in bayerischen Kirchen:
Beten lohnt sich nicht, sagt der Liedtext. Es geht ja doch nicht in Erfüllung, worum man bittet. Resigniert klingt das. Aber ich finde, man kann das Lied auch anders hören. Für mich ist es selbst ein Gebet, eine Klage. Ganz viele Anliegen nennt das Lied und fragt: Darf man für diese tausend Dinge beten? Lohnt sich das? Ist da einer, der die Bitten erhört?
Eine ganz ähnliche Klage findet sich auch in den Psalmen der Bibel. Jesus selbst betet mit den Worten eines solchen Klagepsalms am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Worte aus Psalm 22,2)
Dank und Klage in Worten und Tönen gen Himmel geschickt. Beides gibt es und es schließt sich keineswegs aus: Die Dankbarkeit für eine Bewahrung in Not und die bittere Klage, dass man sich von Gott verlassen fühlt. Beides liegt sogar ziemlich nah beieinander.
In meiner Arbeit habe ich Menschen kennen gelernt, die nach einem Unglück oder dem Verlust eines geliebten Menschen ihre Beziehung zu Gott neu entdeckt haben. Auch sie haben sich von Gott verlassen gefühlt. Ihn angeklagt. Wo warst du? Wo bist du? Warum? Und in diesem klagenden Zwiegespräch mit Gott fühlten sie sich ihm nah. Einige haben das Beten neu für sich entdeckt. Manchmal finden Menschen einige Zeit nach einem Schicksalsschlag sogar wieder zur Dankbarkeit. Sie haben erlebt: Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mit meinem Partner so lange zusammen sein durfte. Dass ich den Menschen, den ich geliebt habe, kennen lernen und lieben durfte. Nach den Tränen, ja sogar mitten in ihnen, liegt die Dankbarkeit.
Christlicher Glaube ist ein Glaube für alle Lebenslagen und zuweilen auch trotz alledem. In der Gewissheit, dass Gott Menschen nahe kommt und nahe bleiben will, was auch passiert. Im Leid und in der Bewahrung davor und in der Zeit danach.
2. Musik: Herbert Grönemeyer Mensch
Autor: In der Kirche in Bayern habe ich mich vor den Votivtafeln gefragt: Da danken Menschen Gott für die segensreiche Bewahrung und dann? Vergessen Sie das dann wieder oder wirkt sich das in ihrem Leben bleibend aus? In den Märchen der Brüder Grimm ist oft die Rede davon: Man kann den Segen, der einem zuteil wird, auch verspielen. Etwa durch Undankbarkeit, indem man ihn nicht zu schätzen weiß. Im bekannten Märchen vom Fischer und seiner Frau fängt ein armer Fischer einen Butt, der ein verzauberter Prinz ist. Der Fischer lässt den Butt wieder frei. Seine Frau Ilsebill drängt ihn, vom Butt dafür ein Geschenk zu fordern. Der dankbare Butt erfüllt nun einen Wunsch nach dem anderen: zunächst ein kleines Häuschen, dann ein Schloss und schließlich sogar die Kaiserwürde. Ein Segen für dieses verarmte Paar. Aber der Frau des Fischers ist es nie genug. Immer wieder schickt sie ihren widerstrebenden Mann mit einem neuen, noch größeren Wunsch zurück ans Seeufer:
Sprecherin:
"Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
mine Fru, de Ilsebill,
will nich so, as ik wol will."
Autor: Der Ilsebill ist der Ertrag des Segens nie genug. Bei ihr hat zwar nicht das Beten, aber das Wünschen sofort und völlig ohne Anstrengung die gewünschten Folgen. Doch sie geht nicht selbst hin und redet mit dem Butt, sondern schickt ihren widerstrebenden Mann. Im ist das Drängen seiner Frau unangenehm. Aber Ilsebill bleibt beharrlich mit ihrem Wünschen auf sich selbst und ihr Mehr-Haben-Wollen gerichtet. Und damit stellt das Märchen vor die Frage, die ängstlich beschäftigt: Kann man das, was einem zuteil wird, durch Undankbarkeit und Unersättlichkeit nicht auch verspielen?
In der Bibel ist der Umgang mit dem göttlichen Segen sehr oft Thema. So beginnt die Geschichte des Volkes Israel damit, dass Gott Abraham seinen Segen zusagt:
Sprecherin:
Ich will dich zu einem großen Volk machen und will dich segnen und Dir einen großen Namen machen, und Du sollst ein Segen sein. (Gen 12, 2)
Autor: Segen wird hier versprochen. In der Glaubensgeschichte Israels heißt dies, zahlreiche Nachkommen zu haben. Für Israel heißt Segen seit Abrahams Zeiten bis in unsere Tage, ein Volk werden und als ein Volk in seinem Land leben. Und zugleich ist damit eine Aufforderung verbunden: Du sollst ein Segen sein. Anders als bei der Fischersfrau Ilsebill heißt das: Der Segen, der dir selbst zuteilwird, stellt dich zugleich in Verantwortung: Du sollst für andere ein Segen sein.
3. Musik: Giora Feidman, CD The Singing Clarinet, Track 5 Liri (M. Katz), 1987 Verlag pläne GmbH Dortmund, LC 0972.
Autor: Klage und Dank, Schmerz und Trost, Aufschrei und Dankbarkeit. Sie liegen so nah beieinander. Ich möchte Ihnen von meiner eigenen Votivtafel erzählen. Ich bin Vater von fünf Kindern und wenn alles gut geht, dann sind es im Mai sogar sechs. Für mich ist dies eine unglaublich beglückende und bereichernde Erfahrung, dieses Leben und Kinderlachen, das sich bei uns eingestellt hat. Es ist alles andere als selbstverständlich für mich. Denn es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich sehr gebetet, dass alles gut wird. Meine Frau war vor acht Jahren schwer erkrankt. Da gab es bei uns zwei Kinder. Und es war sehr ungewiss, ob uns beiden noch eine Spanne Zeit bleibt. Ich habe während der Krankheit meiner Frau oft intensiv gebetet, aber auch mit Gott gehadert. Beides braucht seinen Raum. Damals wie heute mache ich überrascht immer die gleiche Erfahrung: Das, was mir auf dem Herzen lastet, wird leichter, wenn ich es Gott anvertraue. Mein Leid und das Leid anderer Menschen lege ich in Seine Hand. Und die Dankbarkeit für den Segen auch.
Meine Frau ist gesund geworden. In der uns seither geschenkten Zeit wurden uns drei weitere Kinder geboren. Jedes dieser drei ist für mich ganz persönlich ein Wunder. Und ein Gottesbeweis. Und für jedes meiner fünf Kinder könnte ich nicht nur eine Votivtafel anbringen mit dem Text Danke, Gott, sondern eine ganze Kapelle stiften.
In der Notfallseelsorge kümmern wir uns um Menschen, die bei Unfällen und Unglücksfällen, bei Katastrophen, aber auch bei Gewalttaten nahe Angehörige verlieren. Hier, in diesen Situationen, so scheint es, hat jeder Segen ein Ende gefunden. Aber stimmt das wirklich? Es gibt im Rheinland rund 600 Mitarbeitende aus der evangelischen und der katholischen Kirche, die sich rund um die Uhr zu solchen Einsätzen rufen lassen. Sie arbeiten an der Seite von Feuerwehrleuten und Rettungskräften und begleiten Polizistinnen und Polizisten beim Überbringen von Todesnachrichten. Oft hören wir: Wie gut, dass es diesen Dienst gibt. Und ich weiß: Nicht wenige von den Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge hatten in ihrem Leben eigene Schicksalsschläge zu verwinden. Der Dienst in der Notfallseelsorge ist ihre ganz persönliche Konsequenz, mit der sie sagen: Was ich an Hilfe erlebt, aber auch das, was ich vermisst habe, möchte ich anderen anbieten. Ich finde in dieser Bereitschaft lebendige Votivtafeln, mit der diese Menschen danke sagen für ihren ganz persönlichen Weg, mit allem Leid und aller Bewahrung. Denn beides kann ein Leben prägen: Verlust und Leid und die Stärke, die danach und daraus wächst. Und mit der Stärke die innere Bereitschaft und die Kraft, sich einzusetzen für andere.
Dies ist EIN Weg, mit Dank auf den Segen zu antworten, der uns geschenkt wurde. Es gibt viele Möglichkeiten, mit denen ich zeigen kann: Es ist nicht selbstverständlich, dass mein Gebet in Erfüllung ging, dass ich trotz allem Leid wieder auf die Beine gekommen bin, dass ich mich gesegnet fühle. Manchmal stellt ein Segen auch vor ganz besondere Aufgaben. Unsere fünf Kinder sind so ein Segen für mich. Sie stellen mich vor viele Herausforderungen. Langweilig ist es mir und meiner Frau so gut wie nie. Es ist mächtig viel Leben bei uns im Haus. Aber es ist mir recht und macht mich dankbar. Jeden Morgen.
4. Musik: Dieter Falk (Interpret), Track 12 Nun danket alle Gott - vom Liederdichter Martin Rinckart (1586-1649) - CD: A tribute to Paul Gerhardt, produziert und arrangiert von Dieter Falk, Komponist Johann Crüger (1598-1662), Gerth Medien, 2006, LC 13743.
Autor: Nun danket alle Gott, heißt es in einem Kirchenlied, mit Herzen, Mund und Händen. Ich finde diese Reihenfolge gut. Dankbarkeit beginnt im Herzen, dort, wo ich spüre: Das, was mein Leben bestimmt, ist nicht selbstverständlich und nur zum allerkleinsten Teil von mir selbst bestimmt und ausgesucht. Ein Sprichwort sagt: Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über. Ich muss es weitererzählen und auch weitergeben. Ich kann dann nicht mehr gleichgültig bleiben, wenn andere Menschen leiden. Ich fühle mit. Wenn Kinder in Gefahr oder in Not sind, nicht nur meine eigenen. Wenn Menschen verletzt werden durch Worte oder Taten. Wenn Eltern um ihre Kinder trauern. Du sollst ein Segen sein, sagt Gott zu Abraham. Dort, wo es am meisten gebraucht wird, soll niemand alleine sein.
Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Ihr Pfarrer Uwe Rieske aus dem evangelischen Landespfarramt für Notfallseelsorge in Bonn.
5. Musik: Dieter Falk (Interpret), Track 12 Nun danket alle Gott - vom Liederdichter Martin Rinckart (1586-1649) - CD: A tribute to Paul Gerhardt, produziert und arrangiert von Dieter Falk, Komponist Johann Crüger (1598-1662), Gerth Medien, 2006, LC 13743.
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