Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.02.13; Pastor Christof Lenzen

Von Gott und Geigern

An einem kalten Januarmorgen, im Januar 2007, betrat ein Mann mittleren Alters in Jeans, langärmeligem T-Shirt und Basecap eine Metrostation in Washington D.C..

Dann öffnete er seinen Geigenkasten, holte sein altes Instrument heraus, warf einige Dollars und Kleingeld als Startkapital hinein und begann, auf seiner Geige zu spielen. Er spielte ab 07:54 Uhr 43 Minuten lang sechs Stücke unter anderem von Bach und Schubert.

Während dieser Zeit der morgendlichen Rush Hour eilten fast 1100 Personen an ihm vorbei - die meisten von ihnen auf dem Weg zur Arbeit. Hunderte von Passanten, die die Rolltreppen hoch- und runterfuhren und vorbei eilten, ignorierten ihn oder nahmen ihn nur flüchtig zur Kenntnis. Einige warfen ihm eine kleine Spende in den Geigenkasten und sieben Leute blieben länger als 60 Sekunden stehen. Drei Minuten vergingen, als ein Mann mittleren Alters bemerkte, dass der Musiker ungewöhnlich gut spielt. Er verlangsamte seinen Schritt und hielt für einige Sekunden an - bevor er davoneilte, um seinen Zeitplan einzuhalten.

Derjenige, der dem Geiger die größte Aufmerksamkeit schenkte, war ein ungefähr drei Jahre alter Junge. Seine Mutter zog ihn eilig weiter, doch der Junge hielt inne und betrachtete den Geiger eindringlich. Schlussendlich stieß ihn die Mutter kräftig und das Kind setzte seinen Lauf fort, drehte jedoch ständig seinen Kopf nach den herrlichen Klängen. Dieses Verhalten wiederholte sich bei mehreren anderen Kindern. Alle Eltern zwangen sie ohne Ausnahme, sich zügig weiter zu bewegen. In den Minuten, als der Musiker spielte, hielten nur wenige Personen an und blieben für eine Weile stehen. Ungefähr 20 Leute gaben ihm Geld, setzten jedoch ihren Lauf in normaler Geschwindigkeit fort. Er verdiente 32 Dollar und 17 Cent. Als er das Spielen beendete, alles zusammen packte und wieder Ruhe einkehrte, nahm keiner Notiz von ihm. Keiner spendete Beifall, noch gab es Anerkennung.

Keiner wusste, dass dieser Geiger Joshua Bell war - einer der besten Musiker der Welt, ein mit dem Grammy ausgezeichneter Spitzengeiger. Er spielte einige der schwierigsten Musikstücke, die jemals komponiert wurden - auf einer Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Drei Tage vor diesem ungewöhnlichen Experiment füllte der bekannte Geiger mit einem seiner Konzerte die "Symphony Hall" in Boston, bei der die günstigste Karte 100 Dollar kostete… Den Auftritt in der Metrostation hatte die Tageszeitung Washington Post arrangiert und nebenbei das Treiben mit Kameras festgehalten...

Mich fasziniert die Gleichgültigkeit der Erwachsenen. Der fehlende Blick für das Besondere und Unerwartete in gewohnter Umgebung. Mich fasziniert auch, dass es anders geht. Wenn wir sind wie die Kinder: Mit geschärften Sinnen, achtsam und neugierig gehen sie ihren Weg und entdecken, wo etwas Ungewohntes im gewohnten Gewand daher kommt…

In der Bibel wird erzählt, dass die Menschen vor 2000 Jahren selbst an Jesus achtlos vorbeigegangen sind und nicht merkten, welch ein besonderer Gast da unter ihnen war. „Doch obwohl er, Jesus, unter ihnen lebte…, erkannten ihn die Menschen nicht. Er kam in seine Welt, aber die Menschen nahmen ihn nicht auf.“ (Johannes 1,10.11), heißt es da. Und an einer anderen Stelle: „Vergesst nicht, gastfreundlich zu sein. Durch ihre Gastfreundlichkeit haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen.“ (Hebräer 13,2)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung des Besonderen im Alltäglichen: Gott ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

 

Audiobeitrag Von Gott und Geigern


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