Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.02.13; Pfarrerin Gerlinde Anders

Von der Freiheit eines Christenmenschen

Autorin: „Mir ist wieder einmal klar geworden wie unperfekt ich bin und wie viele Fehler ich gestern gemacht habe.“ Diesen Satz schrieb ich neulich meinem Mann.

Wir hatten gestritten und statt dafür zu sorgen, dass der Streit beigelegt werden kann, hatte ich mehrmals kräftig Öl ins Feuer gegossen. Ja, es passiert mir, und es passiert mir immer wieder, dass ich Fehler mache und andere damit kränke und verletze. So sündige ich. Denn als Christin glaube ich: Alles, was ich meinen Mitmenschen antue, tue ich Gott an. Gott liebt meine Mitmenschen genauso wie mich und ist deshalb genauso verletzlich wie meine Mitmenschen und ich.

Der Reformator Martin Luther kannte dies auch. Auch ihm war klar, dass Menschen immer wieder und wieder schuldig werden. Selbst dann, wenn sie sich vornehmen gute Menschen zu sein. Zu Martin Luthers Zeiten fürchtete man, von Gott bestraft zu werden, wenn man gesündigt hatte. Luthers große Frage lautete deshalb: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Und er hat dann folgende Erkenntnis gehabt: Christus ist Gott und Mensch zugleich. Und zwar ein gerechter Mensch, der alle Sünden der Menschen auf sich nimmt.

Sprecher: „Denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark (…). Unsere Kälte ist in Christi Liebe verschlungen und ersäuft.“,

Autorin: schreibt Martin Luther in seiner Schrift ‚Von der Freiheit eines Christenmenschen’. Durch Christi Gerechtigkeit haben unsere Ungerechtigkeiten keine Chance, durch Jesu Menschlichkeit sind unsere Menschlichkeit und sogar unsere Unmenschlichkeiten aufgehoben. So ist unsere Freiheit entstanden.

Sprecher: „Ein Christenmensch ist frei von allen Dingen und über alle Dinge, so dass er keiner guten Werke dazu bedarf, damit er fromm und selig sei“.

Autorin: Mein Konfirmationsspruch aus der Bibel unterstreicht das noch. Er steht im Römerbrief und lautet:

Sprecher: „So sind wir denn gerecht geworden durch den Glauben. So haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus unseren Herrn.“ (Römer 5.1)

Autorin: Frieden mit Gott geschieht nicht durch meine Worte, nicht durch meine Fähigkeiten, nicht durch mein Verhalten, sondern allein durch Jesus Christus. Und weil ich immer wieder erleben muss wie fehlerhaft und unfriedlich ich sein kann, ist mir mein Konfirmationsspruch zu einem wichtigen Begleiter für mein Leben geworden. Manche meinen ja, dass ich es mir damit zu einfach mache. Sie sagen: „Es ist zu einfach, zu sagen: Alles wird gut, was man an Schlechtem macht. Nein. Irgendwann muss jeder zur Rechenschaft gezogen werden für sein Verhalten. Wenn nicht, dann wäre es doch egal, was man macht.“

Gnade und Barmherzigkeit – mich entlasten sie. Sie stören aber auch unser Gerechtigkeitsempfinden. Und das ist gut so. Denn dass bei Christus unsere Sünden aufgehoben sind, heißt ja nicht, dass ich mir alles erlauben darf, mir alle Freiheiten herausnehmen und damit möglicherweise anderen Schaden zufügen. Für das Gelingen des Zusammenlebens unter uns Menschen ist es nötig, im Blick zu behalten, dass wir andere nicht überfordern oder ihre Freiheit einschränken. Vielleicht stehen bei Luther die entscheidenden Sätze deshalb als Motto gleich am Anfang seiner Schrift:

Sprecher: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Autorin: Das eine geht nicht ohne das andere, aber es ist leichter, wenn ich Menschen aus freien Stücken um Vergebung bitte als aus Angst vor Gott. Es ist leichter, wenn ich aus freien Stücken an meinem Verhalten arbeite als aus Angst. Und wenn ich an meinem Verhalten meinen Mitmenschen gegenüber arbeiten will, dann habe ich immer noch genug zu tun. Ein friedliches Wochenende wünscht Ihnen, Gerlinde Anders, Pfarrerin in Leverkusen.

 

Audiobeitrag Von der Freiheit eines Christenmenschen


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