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Wahre Freiheit
Autorin: In seiner Ausgabe vom 23. November 2012 berichtete der Kölner Stadtanzeiger: Aus dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sei die Kernaussage
gestrichen worden, dass die gesellschaftliche Spaltung zunehme. Auch die folgende Bemerkung sei weggefallen:
Sprecher: Stundenlöhne, die bei Vollzeit zur Sicherung des Lebensunterhalts eines Alleinstehenden nicht ausreichen sowie eine einseitige und polarisierende Lohnentwicklung (
), verschärfen Armutsrisiken und schwächen den sozialen Zusammenhalt.1
Autorin: Augenwischerei und Schönfärberei warf man der Bundesregierung in den Medien vor. Als evangelische Pfarrerin haben mich diese Nachrichten bewegt. Denn ohne finanzielle Freiheiten für alle Menschen, kann es keine wahre Freiheit geben. Deshalb: Einspruch um der Freiheit willen, für Arme und Reiche, um Gottes Willen.
Damals wurde die Veröffentlichung verschoben und für Ende Januar angekündigt. Am 30. Januar, in der vergangenen Woche also, berichtete der Kölner Stadtanzeiger: Die Beschlussfassung und Veröffentlichung des Armuts- und Reichtumsberichtes solle erneut verschoben werden. Der Kölner Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge befürchtet, dass die Lage beschönigt werden soll. Außerdem befürchtet er, dass viele alte Menschen aus Scham oder aus Unkenntnis der Rechtslage keine staatliche Grundsicherung beantragen2. So werden sie von der Armutsstatistik aber gar nicht erst erfasst. Dadurch erscheint die Gesellschaft viel reicher als sie in Wirklichkeit ist, meint Butterwegge.
Ich denke oft: Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht. Wir nehmen die Wirklichkeit so hin wie sie ist und beschreiben sie so wie wir sie gerne sehen würden.
Dieses Problem gab es auch schon vor 2000 Jahren in der christlichen Gemeinde in Korinth. Dort hatte es sich eingebürgert, dass sich die reichen Mitglieder der Gemeinde schon am Nachmittag trafen und aßen und tranken, selbstverständlich nur vom Besten. Wenn dann diejenigen dazu kamen, die vorher noch gearbeitet hatten, als Diener, als Sklaven, dann feierte man im Gottesdienst gemeinsam das Abendmahl mit Brot und Wein und ging von dort nach Hause. Dagegen erhebt der Apostel Paulus Einspruch, wenn er schreibt:
Sprecher: Ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. (1. Korinther 11,21)
Autorin: Der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. Auch in Korinth und auch im ersten christlichen Jahrhundert klaffte die Schere auseinander zwischen Arm und Reich, zwischen Freien und Sklaven.
Erst am Abend konnten die Diener und Sklaven zur Abendmahlsfeier dazukommen und mussten dann mit einem Stück Brot und einem Schluck Wein im Magen den Heimweg antreten. Gegessen haben sie sicherlich zu Hause noch etwas, denn wirklichen Hunger leiden, mussten sie damals nicht. Aber von der wirklichen Gleichheit in Christus waren sie meilenweit entfernt, die Mitglieder der ersten christlichen Gemeinden - genauso wie wir heute.
Als Christin will ich der Wahrheit ins Gesicht sehen und auf ein paar eigene Freiheiten verzichten. Zum Beispiel bin ich bereit, auf einige Steuervergünstigungen zu verzichten, wenn ich weiß, dass dieses Geld für die Bekämpfung von Armut eingesetzt wird. Und ich will mich dafür einsetzen, dass wir alle sehen können, wo es große Unterschiede gibt zwischen Arm und Reich - in unserem Stadtteil und im Vergleich mit Menschen in anderen Ländern dieser Welt. Deshalb: Einspruch, um der finanziellen Freiheit willen, für Arme und Reiche, um Gottes Willen meint Pfarrerin Gerlinde Anders aus Leverkusen.
1 Kölner Stadtanzeiger, 23.11.2012, Druckfassung, S. 6.
2 http://www.ksta.de/politik/umstrittenes-dokument-armutsbericht-wird-erneut-verschoben,15187246,21594392.html
Wahre Freiheit
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