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Die Entscheidungsfreiheit und der Karneval
Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin, für die einen ist Karneval eine todernste Angelegenheit, für die anderen ein großer Spaß,
für die dritten eine unverständliche Narretei, von der sie sich lieber fernhalten oder flüchten. Mein Mann und ich sind beide nicht in Leverkusen aufgewachsen, leben inzwischen aber schon eine ganze Weile im Rheinland. Und für uns ist es in jedem Jahr ein großer Spaß, unsere Verkleidung vorzubereiten und uns dann ab Weiberfastnacht in das bunte Treiben zu stürzen. Wenn wir feiernd unterwegs sind, denke ich natürlich nicht nach über das, was wir beide gerade erleben, aber ich spüre sehr genau, wann und in welcher Situation ich mich wohlfühle und was mir angenehm oder unangenehm ist. Und aus einer gewissen zeitlichen Distanz betrachtet, ist mir sehr klar, was das Karnevalfeiern mit der Freiheit und den Freiheiten zu tun hat.
Ich nehme mir zum Beispiel die Freiheit, Karneval, auch Weiberfastnacht mit meinem Mann gemeinsam zu feiern und unterwegs nicht jeden x-beliebigen Mann zu küssen. Immer wieder merken wir: So wie wir denken scheinbar auch andere, denn in unserer Karnevalsstammkneipe treffen wir viele andere Leute, die einzeln oder als Paar unterwegs sind und auch nicht dauernd bützen oder mit Fremden knutschen müssen. Wir haben trotzdem alle viel Spaß miteinander, am Tanzen, am Bier, an den phantasievollen, bunten Kostümen, ganz einfach an der guten Stimmung.
Manch andere Karnevalisten werden mich als Spaßbremse oder Stimmungstöterin bezeichnen denn für sie gehört es unbedingt zum Karneval dazu, ohne Partnerin auf Tour zu gehen oder Strüssche zu erbützen. Ich finde das auch in Ordnung so. Nicht nur in unserer Kneipe in Nippes, sondern auch bei den vielen verschiedenen Karnevalszügen verhalten sich alle Menschen so, wie es ihnen eben am besten gefällt, tun das, was sie für ihre gute Karnevalsstimmung brauchen. Wichtig ist nur, dass wir die Entscheidung und das Verhalten der anderen akzeptieren, egal wie es wirkt auf uns.
Sprecher: Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt,
Autorin: sagt der Evangelist Matthäus. Als den kategorischen Imperativ bezeichnet es der große Philosoph Immanuel Kant.
Sprecher: Mer muss och jünne könne!,
Autorin: sagt der Rheinländer. Sagt die Liebe, möchte ich hinzufügen. Denn alles Nachdenken über die Freiheiten, alles Reden über die eigene Freiheit bleibt leeres Gerede, wenn nicht die Liebe die Freiheit erst zur wirklichen Freiheit werden lässt. Meint der Apostel Paulus. Meine Freiheit endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt.
Aber nicht überall und nicht alle Tage ist Karneval, und manchmal habe ich nicht die Wahl zwischen verschiedenen Arten des Vergnügens. Eine bestimmte Arbeit ist zu erledigen, oder einem Problem kann ich nicht ausweichen. Allerdings, die Art, wie ich damit umgehe ist meine Entscheidung. Ich kann mich überwältigen und niederdrücken lassen von Problemen und Anforderungen, ich kann aber auch versuchen, mit ihnen umzugehen und mich möglichst wenig stressen zu lassen von dem, was ich nicht ändern kann.
Egal wo Sie leben, egal was Sie heute tun, ich wünsche Ihnen, dass Sie, wenigstens einen Moment lang das Gefühl der Freiheit spüren können. Egal ob Sie sich in das närrische Treiben stürzen oder Ihre freie Zeit anders nutzen, egal wo Sie feiern oder wie Sie es sich gehen lassen, genießen Sie die Entscheidung, denn es ist Ihre...
Ins bunte Treiben stürzt sich heute Ihre Gerlinde Anders, Pfarrerin in Leverkusen.
Die Entscheidungsfreiheit und der Karneval
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