Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.02.13; Pfarrerin Gerlinde Anders

Ich bin so frei, ich glaube und bete

Sprecher: „Nichts. Alles! […]Kein Sinn. Keine Fragen. Nur ein Erstaunen. Eine Gewissheit. Ein Glück, das unendlich zu sein schien. Ein Frieden, der ewig zu sein schien.

Der Sternenhimmel über mir, unermesslich, unergründlich, strahlend, und in mir nur dieser Himmel, dessen Teil ich war, in mir nur das Schweigen, das Licht, wie ein Beben des Glücks, wie eine Freude ohne Subjekt und ohne Objekt. Nichts anderes war in mir, in dieser dunklen Nacht, als die leuchtende Gegenwart des Ganzen. Unermesslicher Friede. Einfachheit. Gelassenheit. Heiterkeit.“1

Autorin: So beschreibt der französische Philosoph André Comte-Sponville ein Erlebnis, das er einmal während eines abendlichen Waldspaziergangs hatte. Ganz plötzlich hatte es ihn ergriffen. Manche Menschen erleben solch intensive Gefühle beim Tauchen im Meer, andere beim Bungee-Springen, wieder andere beschreiben den Moment erfüllter Sexualität mit ganz ähnlichen Worten. Im letzten Urlaub war es auch der Blick in den Sternenhimmel, der mich dazu brachte „Danke, Gott“ zu denken. Ich bin so frei, ich glaube und bete. André Comte-Sponville hat bei diesem Blick in den Himmel nicht an Gott gedacht. Im Gegenteil. Er schreibt:

Sprecher: „Ich vermisse nichts. (…)Was braucht man noch, wenn man sich mit allem eins fühlt? Gott? Wozu? Das Universum genügt. Eine Kirche? Unnötig. Die Welt reicht aus. Einen Glauben? Warum? Die Erfahrung tut’s auch.“2

Autorin: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten...“, heißt es in einem Gebet der Bibel. Wenn ich es höre, spüre ich Dankbarkeit dafür, dass ich geborgen bin bei Gott. Ganz gleich, was auch immer ich als kleiner Mensch in diesem großen All anstellen mag, welche Zweifel und Sorgen mich quälen, welche Ängste mich gefangen nehmen wollen: Ich bin geborgen in Gott. André Comte-Sponville bezeichnet sich selbst als undogmatischen Atheisten, ich bin Christin. Ich lese seine Gedanken gerne und finde sie sympathisch. Das liegt vermutlich daran, dass Comte-Sponville sich so wenig vereinnahmend äußert, undogmatisch eben. Und ich hoffe, dass auch ich so bin. Denn beweisen, wer von uns beiden Recht hat, können wir ja nicht. Oft im Leben zeigt es sich: Es hat fatale Folgen, wenn Menschen die Begriffe ‚Gauben’ und ‚Wissen’ verwechseln. Was beweist mir denn die Tatsache, dass mir mein Mann eine rote Rose schenkt? Dass er mich verehrt, dass er mich liebt? Die rote Rose beweist lediglich, dass mein Mann bereit war, eine bestimmtes Quäntchen Zeit und aufzubringen für den Kauf der Rose. Beweisen kann er mir seine Liebe nicht und es wäre ungerecht das zu fordern. Deshalb muss ich an seine Liebe glauben. Liebe ist unbeweisbar. Aber: Ich bin so frei: Ich glaube an die Liebe, an die Liebe meines Mannes und an die Liebe Gottes. André Comte-Sponville sagt sogar:

Sprecher: „Wenn Sie jemanden treffen, der behauptet: „Ich weiß, dass Gott nicht existiert’, ist das kein Atheist, sondern ein Idiot. Und genauso verhält es sich meiner Ansicht nach, wenn Ihnen einer sagt: ‚Ich weiß, dass Gott existiert.’ Das ist ein Idiot, der seinen Glauben für Wissen hält.“3

Autorin: Zu glauben oder nicht zu glauben, ist immer Entscheidungssache, liegt immer im Bereich unserer ganz persönlichen Entscheidungsfreiheit. Und auch woran man glaubt, ist Entscheidungssache. Natürlich könnten Kritiker mir nun vorwerfen, es gebe ja gar keinen wirklich freien Willen. Stimmt, und ich habe auch das Gefühl, dass ich gar nicht anders kann als an Christus zu glauben. Dass das bei mir so ist, ich glaube, das hat Gott bewirkt. Aber es ist meine freie Entscheidung, mich auf Gott und den Glauben zu verlassen. Deshalb, ich bin so frei: Ich glaube und bete: Danke, Gott. Es verabschiedet sich, Ihre Gerlinde Anders, Schulpfarrerin in Leverkusen.

1 Comte-Sponville, André, Woran glaubt ein Atheist?, Spiritualität ohne Gott, Diogenes: Zürich 2008, S. 183f.
2 Ebd., S. 177.
3 Ebd., S. 89.

 

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