Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.02.13; Maike Siebold

Gut altern

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See. Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.“ so stellt sich Peter Fox in einem seiner Songs seine Wohnsituation im Alter vor.

Meine Wunschvorstellung hat auch mit einem idyllischen Ort am Wasser zu tun. Mit meinen Freunden und meiner Familie denke ich gerne über den Erwerb einer eine Immobilie mit dem Namen „Gut Altern“ nach, um dort in einer Art Riesen-WG zusammen zu leben.

Günter ergeht es da ganz anders. Er lebt auf zehn Quadratmetern. Hat nur das Nötigste: Ein zu niedriges Bett, einen bescheidenen Tisch, einen schmucklosen Schrank, eine Toilette und ein Waschbecken - Der über 80jährige lebt zwar in einer Art Alters-WG, aber die Mitbewohner sind nicht frei gewählt. Barrierefreiheit ist in seinem Umfeld ein Fremdwort, obwohl einige seiner Mitbewohner eine Gehhilfe brauchen oder im Rollstuhl sitzen Auf Pflegefälle ist seine Einrichtung nicht eingestellt, auch wenn Erkrankungen wie Gicht, Rheuma, Diabetes, Herzerkrankungen, schwere Depression und beginnende Demenz an der Tagesordnung sind.

Günter lebt im Gefängnis. Unsere Gesellschaft wird älter und damit auch unsere Straftäter. 1994 waren 588 inhaftierte Straftäter älter als 55 Jahre. Heute sind es 4016 und die Zahl steigt stetig. Senioren brauchen andere Haftbedingungen. Behindertengerechte Toiletten, bessere Matratzen, eine andere medizinische Betreuung und besonderes Essen. Es gibt Jugendvollzugsanstalten, warum nicht auch Seniorenvollzugsanstalten?! Das erste und einzige Seniorengefängnis in Europa eröffnete bereits 1970 in Baden-Württemberg. Mittlerweile sind eine Handvoll Haftanstalten dazu gekommen, die versuchen, zumindest durch getrennte Abteilungen, den älteren Insassen gerecht zu werden. In Detmold nennen die Einsitzenden diesen Bereich mit 22 Plätzen die „Röchelabteilung“.

Joe Bausch, Gefängnisarzt der Justizvollzugsanstalt Werl und Darsteller des Pathologen im Kölner Tatort, sagt: »Wenn ich mit dem Gefangenen keine Gespräche mehr führen kann, weil der Alzheimer zu weit fortgeschritten ist, dann ist Schluss«. » Hier hat das Gesetz seine Gültigkeit verloren. Hier macht Strafe keinen Sinn mehr. Der gehört nicht mehr ins Gefängnis.«

Viele Fragen tun sich auf! Sind Strafen noch Strafen, wenn sie die Täter, weil sie verwirrt sind, sie nicht mehr mitbekommen? Was ist den Justizvollzugsmitarbeitern an Pflege zu zumuten? Was ist mit den Opfern, wenn die Täter Strafverschonung oder starke Erleichterungen in der Haft erfahren? Ich bin davon überzeugt, dass das Eingesperrtsein und die vielen Einschränkungen die sich daraus ergeben in jeder Hinsicht Strafe genug sind. Unser Umgang mit den Tätern zeigt auch, wie human ist unsere Gesellschaft ist.

Unser Strafrecht sorgt sich im Großen und Ganzen um Gerechtigkeit und Recht ist besser als Unrecht, aber besser als Recht sind Barmherzigkeit und Gnade. Jesus hat diese Einstellung einzigartig vorgelebt. Es kann für uns alle nur besser werden, wenn wir danach leben auch im Umgang mit unseren Gefangenen.

 

Audiobeitrag Gut altern


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