Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.02.13; Pfarrer Titus Reinmuth

weniger planen, mehr leben

Karriere nach Plan, Hausbau wie gewünscht, Kinder auf Kommando. Manche leben ihr Leben wie auf dem Reißbrett, als könnte man alles planen.

Die Liebe, den Beruf, das Haus, alles zur rechten Zeit. Junge Frauen lassen ihre Eizellen schockgefrieren bei minus 197 Grad. Für den Tag X. Wenn Mister Wright gefunden ist, wenn der entscheidende Karriereschritt getan ist, wenn… ja, und wenn nicht? Andere setzen auf möglichst viel Sicherheit: Bausparvertrag, Lebensversicherung, Altersvorsorge. Möglichst früh an später denken. In keinem andern Land der Welt gibt es so viele Versicherungen wie bei uns. Ist das hilfreich? Schützt es denn vor den Gefahren des des Lebens? Und auch im Alltag bleibt nichts dem Zufall überlassen. Mein Handy zeigt mir den Weg wenn ich mich verlaufen habe. . Es meldet, wenn der Zug Verspätung hat und ob es in drei Stunden regnet. Klar, etwas Planung ist gut. Wer nicht einkauft, hat nichts im Kühlschrank. Wer keine gute Ausbildung macht, bekommt meist nur die schlechten Jobs. Wer nicht vorausschaut, hat oft das Nachsehen. Aber wo ist die Gelassenheit geblieben? Das Grundvertrauen, dass schon werden wird, was werden soll? „So Gott will“ sagen Menschen oft, wenn sie zeigen wollen: Es liegt nicht nur an mir. Ich kann nicht alles selber machen. Ob meine Pläne aufgehen, ist offen. Find ich eine sympathische Haltung. Ich möchte jedenfalls offen sein für die Zufälle des Lebens. Die, über die man sich freut, und auch solche, die einen durcheinander bringen. Dass meinem Freund mit Anfang 50 noch mal eine neue Stelle angeboten wurde, war völlig unvorhersehbar. Wir waren alle überrascht und haben uns mit gefreut. Dass die junge Kollegin plötzlich schwanger ist, war so nicht geplant. Jetzt freut sie sich riesig, will heiraten und umziehen. Das Leben ist doch oft launisch und nicht linear.

Weniger Planen und mehr leben – schön wäre das. Leben unter Vorbehalt. Leben als Versuch. Sich mal überraschen lassen. Das Navi abschalten und trotzdem den Weg finden. Nicht alles absichern, sondern dem eigenen Gefühl trauen. In diesem Moment leben – und nicht erst in der Zukunft. Im Grunde haben wir Menschen alles, was wir dafür brauchen. Gott hat uns mit vielen Fähigkeiten begabt und mit einer guten Intuition. Die gilt es zu entdecken und zu entwickeln. Und auf die müssen Menschen sich auch letztlich verlassen. So wie der Mittelstürmer, der den Pass plötzlich nach hinten links spielt, ohne sich umzudrehen. Er hatte nur so eine Ahnung, dass sein Mitspieler mit aufgerückt war. Oder die Krankenschwester auf der Intensivstation, die den Patienten sieht und sofort den Arzt alarmiert. Die Geräte zeigten gar nichts Auffälliges an. Aber der Arzt kommt gerade noch rechtzeitig. Es war nur so ein Gefühl, sagt sie hinterher. Wo Menschen einfach mal auf ihre Erfahrung setzen oder ihrem Bauchgefühl trauen, treffen sie oft die richtige Entscheidung. Klar, man kann auch mal daneben liegen. Oder grandios scheitern. Aber wer einfach Erfahrungen sammelt, Ideen ausheckt und Chancen sucht, den trifft womöglich auch das Glück. Gott hat das Leben gut geschaffen. Also kann es auch gut werden. Nicht weil wir alles im Griff haben, nicht weil wir alles gut geplant hatten, sondern weil wir einfach Vertrauen hatten, in uns selbst und in Gott.

 

Audiobeitrag weniger planen, mehr leben


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