Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.02.13; Pfarrerin Gerlinde Anders

Einigkeit und Recht und Freiheit

Autorin: Einigkeit und Recht und Freiheit. Das sind die grundlegenden Bestandteile einer biblischen Erfolgsgeschichte.

Nein, Sie haben sich nicht verhört, natürlich weiß ich, dass Einigkeit und Recht und Freiheit zu unserer Nationalhymne gehören. Aber angefangen hatte eigentlich alles schon in der Bibel. Allerdings zunächst ganz anders, ganz traurig, denn plötzlich standen sie alleine da, die fünf Töchter Zelofhads.1 Ihr Vater war gestorben, ganz unerwartet in der Wüste. Und so mussten sie sehen, wie sie alleine klarkamen, würde man heute sagen. Damals allerdings war es anders in Israel: Starb der Vater einer Familie und hatte keine männlichen Nachkommen, so sorgte automatisch die Familie des Onkels für die unverheirateten Töchter und die Mutter. Man hielt zusammen und ließ niemanden im Stich. Doch Zelofhads Töchter Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza waren sich sofort und absolut einig: Wir wollen dafür eintreten, dass der Name unseres Vaters nicht in Vergessenheit gerät, nur weil er keine Söhne hat. Das war nämlich so damals: Die Erinnerung an einen Menschen erlosch, wenn man ohne männliche Nachkommen starb, egal wie viele patente Töchter man auch hatte.

So ist geschehen, was bisher noch niemand gewagt hatte: Statt Schutz zu suchen bei der Familie ihres Onkels, traten Zelofhads Töchter vor Mose und die ganze Gemeinde vor der Tür der Stiftshütte. Dort, in aller Öffentlichkeit und vor den obersten Vertretern ihres Stammes forderten sie ihr Erbe – das Erbe ihres Vaters.

Das hatte es noch nie gegeben, und Mose und die anderen Stammesfürsten waren wohl auch etwas überfordert von dem Ansinnen der jungen Mädchen, die hier plötzlich geltendes Recht außer Kraft setzen lassen wollten. Aber, sie haben gut reagiert, haben nicht gepoltert oder mit juristischen Tricks versucht, die Mädchen loszuwerden. Sondern Mose hat sich im Gebet an Gott gewandt und dann Gottes Wort verkündet. So hörten alle den Richtspruch Gottes:

Sprecher: „Die Töchter Zelofhads haben Recht. Gib ihnen ebenfalls Grundbesitz unter den Verwandten ihres Vaters und übertrag ihnen den Besitz, der ihrem Vater zugestanden hätte.“ (Übersetzung: Neues Leben. 4. Mose 27,7)

Autorin: Nun ja, es kam dann natürlich wie es kommen musste. Die Männer überblickten sehr schnell die Konsequenzen, die diese Gesetzesänderung haben würde: Wenn eines oder mehrere der Mädchen Männer aus anderen Stämmen heirateten, würde das Vermögen als Mitgift an den anderen Stamm gehen und sie wären alle ärmer. Das wog schwer, denn der gesamte Stamm trug ja die Verantwortung für alle nachkommenden Generationen.

Also beratschlagten die Männer zuerst miteinander wie sie auf dieses Urteil reagieren sollten und kamen zu dem Schluss, ebenfalls vor Mose und die Ältesten zu treten und das Problem zu schildern. So erging ein neuererneuter Richtspruch Gottes über die Töchter Zelofhads:

Sprecher: „Lasst sie heiraten wie es ihnen gefällt; nur sollen sie in ein Geschlecht aus dem Stamm ihres Vaters heiraten.“ (Übersetzung: Luther 1984, 4. Mose 36,6)

Autorin: Es war schwer für die Männer, diesen Spruch Gottes so zu akzeptieren. Es bedeutete ja einen echten Machtverlust für sie. Es war eine grundlegende Änderung eingetreten im gesamten Rechtsverständnis – und das hatte es wirklich weder vorher noch später jemals so gegeben: Fünf junge Frauen bekommen von Gott ihr Recht und damit eben auch ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit – dem gesamten Stamm gegenüber. – Für ganz Israel geltendes Recht wurde geändert – für immer – unglaublich …und: ganz schön mutig, diese Frauen...

Die fünf jungen Frauen waren sich einig über ihr Ziel, sie sind eingetreten für ihre Rechte und haben so ihre Freiheit erlangt und - das Andenken ihres Vaters bewahrt.
Genügend Mut für diesen Tag wünscht Ihnen Ihre Gerlinde Anders, Schulpfarrerin in Leverkusen.

1 Die Bibel, Numeri 27,1-11, Josua 17,4-6, Numeri 36.

 

Audiobeitrag Einigkeit und Recht und Freiheit


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