Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.02.13; Pastor Christof Lenzen

Wie sich die Baumwolle in die Erdnuss verwandelte

Manchmal geschieht innerhalb von kurzer Zeit eine radikale Verwandlung. Zum Beispiel von Baumwolle in Erdnüsse. Klingt seltsam? Stimmt. Doch der Reihe nach…

Die Hitze flimmert über dem Asphalt der wenigen, geraden Straßen, die das kleine Provinznest Enterprise durchziehen wie graue Adern. Wir befinden uns in den USA, im Bundesstaat Alabama. Der kleine Ort zählt nicht einmal 20.000 Einwohner - für deutsche Verhältnisse immerhin eine Kleinstadt, für den weiten amerikanischen Kontinent ein Fleckchen auf der Landkarte. „City of progress“ - Stadt des Fortschritts - so heißt dieser Flecken im Volksmund. Das lässt aufhorchen…

Ich blicke auf die Straßen und Häuserfronten dieses beschaulichen Ortes mit seinen Burger-Bars und den davor parkenden Vans und Geländewagen. Vor meinem inneren Auge verschwimmt das Bild langsam und ich gehe in Gedanken zurück ins Jahr 1915… die Straßen größtenteils unbefestigt. Staubig, trocken und verweht liegt das Örtchen da. Die Hitze sticht unbarmherzig und treibt den Schweißfilm auf den Nacken. Ich dränge auf eine der Bars zu, um mir Erfrischung zu verschaffen. Enterprise - in den 1880er Jahren gegründet mit rund 250 Einwohnern hat dieses Nest 1915 schon über 4000 Bewohner und das Geschäft floriert. Erntezeit. Pferdegespanne rattern vorbei mit offenen Hängern. Voll gehäuft mit weichen, fluffigen kleinen Knubbeln - Baumwolle! Was für ein Geschäft. Amerika! Baumwolle! Jeans! Spontan bilden sich Assoziationsketten… doch die Idylle trügt…

Denn dieses Jahr ist die Ernte nahezu ausgefallen. Für eine kleine Stadt, die fast ausschließlich von Baumwolle lebt, ein gravierender Einschnitt. Die Stimmung ist getrübt in Enterprise. Doch was ist geschehen? Während ich an meiner eiskalten Cola nippe, spricht mich ein älterer Mann an, der die härtesten Jahre seiner Erntearbeit bereits hinter sich hat. Tief haben sich die Anstrengung und die Hitze in den Falten seines Gesichts eingegraben…

„Baumwollkapselkäfer“. Mistvieh! Wütend zischt der Mann diesen Namen über den Tresen und starrt dabei entnervt auf den Spiegel hinter der Bar. Baumwollkapselkäfer. Alles kaputt. Eingegangen. Nächstes Jahr? Können wir komplett vergessen…

Was für eine Tragödie. Da kann man doch als kleiner Ort fast nur aufgeben. Neue Pflanzen anbauen? Teuer - und das Mistvieh ist ja immer noch da! Inspiriert von einem faszinierenden Mann namens George Washington Carver, der nicht nur gegen die Sklaverei, sondern auch für die Erdnuss kämpfte, wagen die Bewohner dieses Ortes einen radikalen Wechsel. Vernichten die Baumwollfelder und begeben sich an die unbekannte Nuss, die eigentlich eine Hülsenfrucht ist und somit verwandt mit Bohne und Erbse. Schon zwei Jahre später, 1917, bauen die Menschen rund um Enterprise mehr Erdnüsse an als jeder andere Bezirk in Amerika. Und so errichten sie 1919 ein großes Denkmal mit einer Frau, die einen Baumwollkapselkäfer in die Höhe reckt - heute noch kann man es betrachten. Und auf dem Denkmal steht: „In tief empfundener Anerkennung des Baumwollkapselkäfers und dessen, was er als Vorbote des Wohlstands vollbracht hat.“. Das wohl erste Denkmal für ein Mistvieh. Aber eben auch für eine Krise, die als Chance begriffen wurde.

Negative Situationen müssen wir nicht krampfhaft schön reden. Aber aus ihnen kann etwas Gutes entstehen. Etwas Neues wachsen. In der Bibel heißt es: „Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten. Dies gilt für alle, die Gott nach seinem Plan und Willen zum neuen Leben erwählt hat.“ (Römer 8,28)

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und die Entdeckung in der Krise: Gott ist da! Die Chance ist da! Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

 

Audiobeitrag Wie sich die Baumwolle in die Erdnuss verwandelte


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