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Rosen an Karneval
Autor: Heute gibt es Blumen für Sie. Denn es ist Karnevalszeit. Strüssje, sagt man bei uns, wo ich lebe. Das ist im Rheinland.
Guten Morgen, mein Name ist Joachim Gerhardt, ich bin Pfarrer in Bonn. Es gibt Blumen, und zwar für jeden! Karneval ist das Fest der Massen, der großen Umzüge, der schunkelnden Festsäle. Ich möchte den Blick auf den Einzelnen lenken, egal ob mit oder ohne Pappnase, und auf die Blumen. Und auch nicht auf irgendwelche, sondern auf ganz bestimmte:
Musik: Hildegard Knef: Für mich solls rote Rosen regnen (Hildegard Knef: Aber schön war es doch, Track 1, LC 0370)
Für mich solls rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen
die Welt sollte sich umgestalten
und ihre Sorgen für sich behalten.
Autor: Rosen. Genau, es gibt Rosen! Weil bald Rosenmontag ist. Und der heißt nicht zufällig so. Mit den Rosen und dem Karneval, das hat eine heilige Geschichte. Sie beginnt vor rund 200 Jahren in Köln. Bei Napoleon Bonaparte und seinen Franzosen. Die hatten das ganze Rheinland besetzt, manch Gutes, aber auch viel Elend gebracht. Und sie untersagten was die Rheinländer besonders hart traf das karnevalistische Treiben.
Doch wie das Leben spielt, auch Napoleons Macht und Zeit war begrenzt. Nach seiner großen Niederlage wurden die Grenzen der Welt auf dem Wiener Kongress 1815 neu geordnet. Und in Köln, da wurde der Karneval reformiert und lebte neu auf. Jeder tat eben, was ihm wichtig war.
Hier am Rhein, im Schatten des Kölner Doms, gründeten die Jecken 1822 das so genannte Festordnende Comitee. Das traf sich immer schon vier Wochen nach Aschermittwoch mitten in der Fastenzeit, um mit der Vorbereitung der nächsten Karnevals-Session zu beginnen. Und zwar genau am Montag nach dem Kirchensonntag Lätare. Das bedeutet übersetzt Freut euch. Und jetzt wird es spannend: Dieser besagte Sonntag wird seit dem Mittelalter auch Rosensonntag genannt. Denn just an diesem Tag ließ sich der Papst damals eine goldene Rose reichen, weihte sie feierlich und überreichte sie dann einer Persönlichkeit, die sich um Glauben, Gott und Kirche verdient gemacht hatte.
Musik: La vie en rose, Track 27 von CD La Mome, Un film de Olivier Dahan, Komponist: Christopher Gunning, Interpret Frederic Foret (Accordeon), Edith Piaf / Louis 'Louiguy' Guglielmi, Verlag: Capitol Po (EMI) (2007), LC 0542
Autor: Die Rose ist die Blume der Engel, sagt der Volksmund. Sie wird einem lieben Menschen überreicht, der sich wie ein Engel besonders verdient gemacht hat. An dem Montag nach diesem Rosensonntag nun tagten also die Jecken und nannten sich ganz fromm Rosenmontagsgesellschaft. Und der große Umzug, den sie planten, heißt seitdem: Rosenmontagszug. Am 10. Februar 1823 zog der erste mit diesem Namen durch Köln und dann zwei Jahre später auch durch Düsseldorf und weitere Orte im Rheinland.
Also: Der Rosenmontag ist ein heiliger Tag. Nicht nur, weil er jeck ist. Nicht nur, weil er an die Befreiung von der französischen Besatzung erinnert. Sondern weil sein Name an eine wunderbare, geistliche Handlung erinnert: Die Rosenübergabe durch den Papst. Menschen brauchen Anerkennung. Und Menschen, die das besonders verdient haben, bekommen eine Rose verliehen. Aus Dankbarkeit, weil sie sich für den Glauben, die Kirche, für die Liebe eingesetzt haben.
Musik: Hildegard Knef: Für mich solls rote Rosen regnen (Klaviersolo) / (Hildegard Knef: Aber schön war es doch, Track 21, LC 03708)
Autor: Leider sind aus dem Vatikan keine Listen überliefert, wer warum vom Papst mit einer Rose ausgezeichnet wurde. Da kann man nur mutmaßen. Sicherlich hat der Papst mit der Rose auch Politik gemacht sie Herrschern überreicht, die für seine Interessen und die des Vatikans von Bedeutung waren.
Martin Luther, dem Begründer der evangelischen Kirche, hätte er sicher keine Rose verliehen. Dabei hätte dem Reformator die Idee mit der Rose bestimmt gefallen. Denn die Rose war seine Lieblingsblume.
Sprecher: Die Rose ist ein Merkzeichen meiner Theologie. Damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, dass der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Die Rose steht für den Glauben und zeigt, dass Glaube Freude, Trost und Frieden gibt.
Autor: Allerdings, Luthers Rose ist nicht rot, sondern weiß, aus guten Gründen:
Sprecher: Denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose steht im himmelfarbenen Feld, dass solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig.
Autor: Das schrieb Martin Luther in einem Brief 1530 an seinen Mitstreiter Lazarus Spengler. Martin Luther hat sich seine weiße Rose auf blauem Grund sogar auf Wappen und Briefpapier geprägt und damit täglich vor Augen gehabt. Sie sollte jedem sagen und vielleicht auch ihm selbst:
Sprecher: Auch ich bin es wert, bin ich doch ein Ebenbild Gottes, mir täglich neu die schönste aller Blumen aus Gottes Garten schenken zu lassen.
Musik: Hildegard Knef: Für mich solls rote Rosen regnen (Hildegard Knef: aber schön war es doch, Track 1, LC 03708)
Für mich solls rote Rosen regnen,
mir sollten sämtliche Wunder begegnen
die Welt sollte sich umgestalten
und ihre Sorgen für sich behalten.
Autor: Bis heute schmücken Darstellungen von Rosen viele lutherische Kirchen, Kanzeln, Kirchenbänke und Portale. Ich stelle mir vor: Der Reformator hätte sicher anders als der Papst, nicht nur eine, sondern ganz viele Rosen verliehen. Denn heilig, recht und würdig sind nach reformatorischer Einsicht nicht nur Einzelne, sondern das ist grundsätzlich jeder Mensch. Und man muss sich die. Rose auch nicht erst mühsam verdienen. Sondern ich bin wertvoll und von Gott geliebt, von der Taufe, von Geburt an. Das war Luther wichtig.
Und darum passt es schön, dass Hildegard Knef singt: Für mich soll´s rote Rosen regnen. Ich habe jahrelang gedacht, das Lied hieße: Für Dich soll´s rote Rosen regnen. So ein schön schmalziges Liebeslied für den Freund oder die Freundin. Ist es aber nicht. Die Rosen sind für einen selbst gedacht. Für mich soll es regnen. Ich bin es wert, beschenkt zu werden. Das kommt einem ja immer ein bisschen egoistisch vor, so auch Hildegard Knef. Die sagte einmal über ihren vielleicht größten Hit:
O-Ton Knef: Das habe ich einmal in einem Moment des (wörtl. der) absoluten Größenwahns geschrieben. Das ist ja ein wirklich hoch aggressives Lied. Ich will, und für mich soll´s rote Rosen regnen, was den anderen passiert, ist mir eigentlich so ziemlich egal. Und dann wurde es mein größter Hit.
(aus: Hildegard Knef: A woman and a half, LC 03708, Track 20)
Autor: Ist das zu egoistisch? Selbst wenn Hildegard Knef das Lied tatsächlich in so einer Stimmung geschrieben hat, in der sie nur an sich gedacht hat, dann ist das Lied doch für viele Menschen heute so ein richtiger Mutmachsong. Denn es gehört viel Mut dazu, es sich mal selbst gut gehen zu lassen. Viele von uns sind darauf getrimmt, anderen immer zu gefallen, Erwartungen zu anzumelden. Nicht nur tun, was andere denken, was man erfüllen. Doch: Eigene Bedürfnisse tun soll, sondern eigene Gaben ausprobieren. Das ist für mich etwas Lebenswichtiges. Und auch etwas sehr Christliches. Jesus selbst hat das gesagt, übrigens auch im Bild der Blumen:
Sprecher: Sehet die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen, sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht und sind doch schöner als König Salomons Seide. (nach Mt 6, 28f)
Autor: Sorge dich nicht! Ist die Botschaft von Jesus. Dein himmlischer Vater wird dir geben, was du zum Leben brauchst. Mach dich nicht verrückt, ob du im Leben bestehen kannst, und ob du zu kurz kommst. Und mach dich vor allem nicht kaputt mit der Angst, du könntest anderen Menschen nicht genügen. Gott hat dich und jeden anderen Menschen reich ausgestattet mit wunderbaren Gaben.
Genieß das Leben, das Gott dir schenkt. Das ist für mich auch der Geist von Karneval. Viele Menschen brennen aus im Beruf, in der Familie, in der Ehe. Gott möchte, dass wir wachsen wie Blumen. Und dass wir die Welt mit unserer Schönheit verzaubern.
Ist das zu egoistisch gedacht? Ich glaube nicht. Ich glaube sogar: Erst wenn ich mich selbst wachsen und reifen lasse, mich selbst lieben und schätzen lerne, dann kann ich auch anderen Menschen Liebe und Wertschätzung schenken. Auch das ist für mich Karneval und wunderbar zusammengefasst in einem alten Karnevalsschlager:
Musik: Lotti Krekel: Mer schenke der Ahl e paar Blömcher (Viva Express: die 40 schönsten Karnevalsklassiker von Anno Pief), CD 1, Track 5, LC 15236
Mer schenke der Ahl e paar Blömcher,
E paar Blömcher für ihr Fensterbrett,
Autor: Mer schenke der Ahl e paar Blömcher Wir schenken der alten Dame ein paar Blumen. Ein Lied so alt wie ich, 45 Jahre, von Hans Knipp. Ein Lied über eine Frau, die nicht reich ist, aber aus vollem Herzen und gerne das, was sie hat, mit anderen teilt. Ganz alltägliche Nächstenliebe also, das ist ihre Leidenschaft, und eben die Blumen auf ihrem Fensterbrett. Und da soll sie neue bekommen, als Dank dafür, dass sie so herzlich gerne gibt.
Musik: Lotti Krekel: Mer schenke der Ahl e paar Blömcher (Viva Express: die 40 schönsten Karnevalsklassiker von Anno Pief), CD 1, Track 5, LC 15236
Mer schenke ihr e paar Blömcher, Denn die ahl Frau Schmitz, die es esu nett.
Autor: Mer schenke der Ahl e paar Blömcher Wir schenken der alten Dame ein paar Blumen. So wie im Mittelalter der Papst seine Rose am Rosensonntag verliehen hat. Blumen haben eine lange Geschichte in der Kirche. Die Rose besonders. Allerdings, in der Bibel kommen 120 Pflanzen vor, die Rose nicht. Ihrer Bedeutung für den Glauben hat das keinen Abbruch getan. Ihre Pracht hat Menschen so wie dem Reformator Martin Luther Mut gemacht, die Welt um sich herum zu verändern.
Musik: Hildegard Knef: Für mich solls rote Rosen regnen (Klaviersolo) / (Hildegard Knef: aber schön war es doch, Track 21, LC 03708)
Autor: Eine der für mich schönsten Rosengeschichten erzählt von Elisabeth von Thüringen. Eine Legende, sie heißt Das Rosenwunder:
Sprecherin: Elisabeth war eine Königstochter und der Landgraf von Thüringen war ihr Gemahl. Doch das Herz von Elisabeth gehörte den Armen. Sie konnte es nicht ertragen, auf der Burg in Saus und Braus zu leben, während im Land ringsum so viele Menschen Hunger leiden mussten. Darum stieg sie täglich vom Berg hinab zu den Bettlern und teilte mit milder Hand aus, was sie zum Leben brauchten.
Der Ruf ihrer Barmherzigkeit und Milde verbreitete sich im ganzen Land. Der Landgraf allerdings sah das nicht gerne und gebot ihr Einhalt. Als er Elisabeth wieder einmal mit ihrem Korb voller Brot und Wein auf dem Weg von der Burg traf, hielt er sein Pferd an und fragte sie: Was tragt Ihr da in Eurem Korbe? Elisabeth wollte ihren Gemahl nicht betrüben und stammelte in der Not: Es sind Rosen, Herr
Da riss der Landgraf zornig die Decke vom Korb. Und sah: einen Korb voller Rosen. Von diesem Tag an ließ der Landgraf seine Frau tun, was ihr liebendes Herz ihr eingab.
Autor: Da, wo Menschen teilen, ihren Besitz, Brot und Wein, ihr Geld, ihre Zeit, da werden wunderbare Dinge wahr. Die Burg, um die sich diese Legende rankt, ist übrigens die Wartburg. Also genau die Burg, auf der Martin Luther rund 300 Jahre später Zuflucht fand und das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Zufall? Wer weiß. Diese Rose zumindest verbindet Luther und Elisabeth, die Geschichte und die Legende, und den Geist der Veränderung, der beide beseelt hat.
Sprecher: Die Rose steht für den Glauben und zeigt, dass Glaube Freude, Trost und Frieden gibt.
Autor: Martin Luthers Wort zur Rose wird in diesen Tagen an vielen Orten bestätigt. Die Rose ist ein Zeichen des Friedens. Bei den Karnevalszügen präsentieren die Stadtsoldaten oben an ihren Gewehrläufen Strüssje, also diese kleinen Blumengestecke. Sie sind ein Zeichen dafür, dass diese Waffe nicht schussbereit ist, sondern nur eine Blumenträgerin. Ein kleiner, närrischer Protest gegen jede Form von Militarismus, Krieg und Gewalt- Schon damals vor 200 Jahren, sozusagen noch im Nachhinein gegen die Soldaten Napoleons und bis heute.
Musik: Hildegard Knef: Für mich solls rote Rosen regnen (Hildegard Knef: aber schön war es doch, Track, 1, LC 03708)
Für mich solls rote Rosen regnen,
mir sollten ganz neue Wunder begegnen
Autor: Für mich solls rote Rosen regnen, aber auch für jeden anderen Menschen, der nicht mitmachen will bei Gewalt und Zerstörung. Rosen soll es regnen für alle Menschen, die sich und anderen Gutes tun. Die gibt es zahlreich auf der Welt und die sollten sich gegenseitig bestärken und darum munter miteinander Karneval feiern.
Mein Tipp: Kaufen Sie sich in den nächsten Tagen einfach mal eine Rose oder noch schöner: Lassen Sie sich neben Bützchen und Kamelle eine schenken. Denn Sie wissen warum: Weil Sie es wert sind und weil es das Leben wert ist. Und wer weiß, welches Wunder in Gottes Namen noch aufblüht, sagt Ihnen die Rose und mit einem herzlichen Alaaf und Helau Ihr Joachim Gerhardt von der evangelischen Kirche in Bonn.
Musik: La Vie En Rose (Bossa Nova). Track 1 von CD La Vie En Rose, Interpretin: Delphine Lemoine (Accordeon), Label: Rendez-Vous Digital, Copyright: (c) 2011 Rendez-Vous Digital. LC unbekannt.
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