Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.01.13; Pastor Christof Lenzen

Eine Geschichte, die die Welt bewegt

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer… mitten aus dem Leben gegriffen: Ein 15-jähriger Junge hat schulisch eine faule Phase

und bringt in einer Deutscharbeit eine 5 nach Hause. Die Mutter schimpft: „Bist du doof? Aus dir wird nie was!“ Ein älterer Mann sitzt im Rollstuhl, die Gehkraft ist verloren. Im Vorbeigehen sagt ein Mann in den sogenannten besten Jahren: Schau dieser Alte - mit dem kann die Geselllschaft doch nichts mehr anfangen! Ein einfacher Arbeiter, der gerade kurzarbeitet, trifft auf einen Banker und platzt heraus: Du bist das doch auch schuld! Ihr seid doch alles Halsabschneider und Betrüger! Ein junge Frau rutscht in eine tiefe Depression. Als sie sich langsam erholt, verliert sie ihre Arbeit mit der inoffiziellen Begründung: „Sie werden eh nie wieder voll leistungsfähig sein“

Schubladen. Wir verhalten uns. Andere beobachten uns. Wir werden eingeordnet, abgeheftet, katalogisiert und bewertet. Ein Stück weit ist das ganz normal. Wir müssen uns Bilder von Menschen machen. Wenn wir jeden Menschen jeden Tag ganz neu entdecken müssten, wären wir vollkommen überfordert und hätten keine Handlungssicherheit mehr. Wir handeln ja aufgrund von gemachten Erfahrungen so oder so. Bilder von Menschen sind also normal. Aber Schubladen? Dürfen sich Bilder verändern?

Matthäus 9,9: Jesus ging von dort (von Kafernaum) weiter. Da sah er einen Mann an seiner Zollstation sitzen, der hieß Matthäus. Jesus sagte zu ihm: "Komm, folge mir!" Da stand er auf und folgte ihm…

Die Zöllner waren wie die Hirten am unteren Ende der sozialen Skala. Aber aus anderen Gründen. Es handelte sich um jüdische Volksgenossen, die sich freiwillig in den Dienst der römischen Besatzer stellten und von anderen Juden Zölle einnahmen. Und für sich selbst nahmen sie einen kräftigen Aufschlag - einfach so. Sprich: Die durften offiziell vom Feind abgesegnet ihren Brüdern und Schwestern das Geld aus der Tasche ziehen. Und in den Taschen der Bestohlenen blieb häufig nur die geballte Faust übrig… gegen die Zöllner. Matthäus ist so einer. Jesus geht in der flirrenden Mittagshitze auf seinen Unterstand zu. Matthäus wird ihn erkannt haben. Jesus erkennt ihn auch - aber auf viel tiefere Weise. Jesus als Sohn Gottes sieht nicht, was ist, sondern was möglich ist und was drin steckt in Matthäus. Jesus sieht nicht den Ist-Zustand, sondern das Potential. Jesus sieht Matthäus, wie er sein wird, wenn er Vergebung und Heilung erfahren hat. Er sieht ihm ins Herz und sieht seine Not, seine Schuld. Aus dieser umfassenden Sicht heraus beruft er Matthäus. „Komm folge mir!“ Dieser Teil der Geschichte um den Zöllner Matthäus kann uns dazu ermutigen, dass wir es Jesus nachmachen. Das Potential in Menschen zu sehen und zu wecken und nicht zuerst die Haare in der Suppe wahrzunehmen. Nicht bei dem stehen zu bleiben, das direkt vor Augen ist. Und er kann uns dazu herausfordern, die innere Not der Menschen zu sehen, das Schreien nach Heilung und Vergebung. Vordergründig ist da Fehlverhalten, viel Oberfläche, vielleicht Fassade. Aber womöglich steckt mehr dahinter? Diesen Blick zu bekommen - das ist eine Entscheidung, zu der uns Jesus befähigen möchte.

Und ein zweites springt ins Auge… können wir uns selbst mit diesen Augen Jesu anschauen? Nicht wenige, gerade sensible und selbstkritische  Menschen gehen ja mit anderen Menschen barmherziger um, als mit sich selbst... Sehen wir die Möglichkeiten und Potentiale in uns? Allzu oft regiert doch der innere Richter, der verurteilt und klein macht. „Ich kann mich nicht ändern, so bin ich“. „Ich bin ein hoffnungsloser Fall“. Und selbst hinter so manchem selbst großspurigen Verhalten mit breiter Brust steckt eigentlich tiefe Unsicherheit… Jesus schaut dich an, sieht hinter deine Wunden, deine Schuld und sagt: „Nein! Niemals! Du hast ein enormes Potential. Egal ob du 15 bist oder 85…“

Jesus beruft also den Matthäus vom Zoll weg in seine Nachfolge… doch dabei bleibt es nicht...

Matthäus 9,10 Später war Jesus im Haus zum Essen. Und sieh doch: Viele Zolleinnehmer und andere mit Schuld beladene Menschen kamen dazu. Sie aßen mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: "Warum isst euer Lehrer mit Zolleinnehmern und solchen schuldbeladenen Menschen?"

Wir können diese Bibelverse vom Kopf her aufnehmen - aber emotional nur erahnen, was hier für eine Revolution geschieht! Welche Wut in den Pharisäern, den Schriftgelehrten hochkocht… Jesus war ein klassischer Rabbi, aber fiel gleichzeitig so dermaßen komplett aus dem Rahmen… Während Rabbis nach langer Prüfung vieler junger Männer nur die besten der besten beriefen und diese schwere Lehren lernen mussten - beruft Jesus Männer und Frauen, die quer durch die ganze Bevölkerung gehen. Er beruft Terroristen, Handwerker, Huren und Gelehrte und nun eben: einen Verbrecher und Verachteten. Von der Straße weg. Und würdigt sie damit… was für Affront gegenüber den Schriftgelehrten. Jesus sprengt alle Grenzen! Sie schäumen vor Wut! Und nun isst er auch noch mit ihnen - diese im Orient so freundschaftliche Würdigung eines Menschen… miteinander essen, d.h. hieß und heißt: wir teilen einander mit und öffnen Haus und Herz… was macht Jesus da als Rabbi? Will er die pharisäischen Kreise in den Schmutz ziehen?

Was hier aufeinander prallt ist frohe Botschaft - also Evangelium - und verkrustete Religion - und die findet sich nicht nur damals in dieser Phase der Zeit Jesu. Während die Pharisäer sehr ehrenwert und ernsthaft gegen die „Schlaffis“ im Glauben kämpften und ihren Glauben zur neuen Blüte führen wollten, indem sie alle Regeln korrekt hielten… geht Jesus andere Wege. Viele  Pharisäer sagten: Halte die Regeln und du gehörst dazu. Jesus sagt: Du gehörst dazu, deswegen wirst du auch die Regeln halten, die Gott gefallen. Die Pharisäer sagten: Bemühe dich Gott zu gefallen, damit dein Leben gesegnet ist! Jesus sagt: Gott bemüht sich um dich, er macht sogar, dass du ihm gefällst. Die Pharisäer sagten: Opfere dein Leben und folge ernsthaft den Geboten, damit du möglichst ohne Schuld bist. Jesus sagt: Ich opfere mein Leben, dadurch bist du ohne Schuld und befreit. Die Beziehungsstörung zwischen dir und mir ist aufgehoben.

C.S. Lewis, Freund von Tolkien und Professor in Oxford in der ersten Hälfte des letzten Jahrhun-derts, beschreibt in seinen Büchern u.a. seinen Wandel vom Agnostiker zum Christen. Dabei spricht er provokativ vom Ende der Religion durch Jesus Christus. Religion - das ist der Versuch des Menschen, sich Gott zu nähern. Evangelium: Das ist die Nachricht: Gott hat sich unmissver-ständlich den Menschen genähert. Jesus macht es vor: Er beruft Matthäus - und dieser folgt. Er hätte nicht folgen müssen. Gott ist ein Gentleman - er respektiert den Willen des Menschen. Liebe kann eben nicht erzwungen werden…

Und so treffen wir auf einen Jesus, der weit weniger Schwierigkeiten mit Sündern, Verbrechern, Prostituierten, Ausgegrenzten, Verwundeten und Verletzten hat - als mit den Superfrommen, die vor allem in der Kategorie: „Du bist drin, wenn du alles richtig machst und sonst bist du draußen“ denken. Und genau dieser Kampf ist ständig aktuell… Denn auch das Evangelium, diese frohe, gegen den Strich gebürstete, herrlich unlogische Botschaft der Liebe Gottes, wie wir sie an Jesus ablesen können…. Auch diese Botschaft der Liebe wird immer wieder in religiöse Formen gepresst und damit entkräftet, ja vernichtet. Dabei ist nichts gegen Formen, Rituale und Dogmatik zu sagen. Aber wie leicht ersetzen sie… die konkrete, alltägliche Nachfolge Christi?! Wie leicht ist es, über Jesus zu reden! Wie Jesus mit anderen essen, trinken, reden, lachen, weinen, diskutieren - das ist etwas anderes! Der Pharisäer steckt in uns. Wir brauchen gar nicht auf die Schriftgelehrten der damaligen Zeit herab zu schauen. Auch heute wird alles verkehrt, wenn Menschen sich nicht mehr berühren lassen von dieser Liebe Gottes, wenn sie sich nicht mehr irritieren lassen durch diesen Jesus, wenn sich niemand mehr auf solche Wege macht, wie Jesus sie gegangen ist… sondern nur noch über ihn gesprochen wird...

Jesus hat den Zöllner, den verachteten Matthäus berufen und hat auch noch mit ihm und seinen Freunden geschmaust - was die Pharisäer erbost, verwundert, schier aus dem Häuschen bringt… wie geht Jesus damit um?

Matthäus 9, 12 Jesus hörte ihre Fragen und gab ihnen zur Antwort: "Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. 13 Überlegt doch einmal, was es bedeutet, wenn Gott sagt: 'Ich will, dass ihr barmherzig seid, und nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt!' Ich bin nicht ge-kommen, um die Gerechten zur Umkehr zu rufen, sondern die Menschen, die voller Schuld sind."

Jesus, der oft körperlich heilt, um auf die geistliche Heilung hinzuweisen - benutzt hier genau diese Sprache! Er sieht, wie bedürftig und verloren die Randfiguren der Gesellschaft sind. Er schaut hinter das Image, hinter den gesellschaftlichen Ruf - und sieht ihre Not. Und dann zitiert er den Propheten Hosea, der viele Jahrhunderte vorher deutlich macht, dass schon im Alten Testament Gott Beziehungen zwischen Menschen und zu ihm, Gott, wichtiger sind als religiöse Rituale…: 'Ich will, dass ihr barmherzig seid, und nicht, dass ihr mir irgendwelche Opfer bringt!' Die Übersetzung hier täuscht ein wenig. Die Formulierung „Nicht irgendwelche Opfer, sondern Barmherzigkeit“ meint im Sprachraum damals eigentlich: „Barmherzigkeit mehr als Opfer!“. Rituale, Gottesdienste, Gebetszeiten, Spenden - diese Dinge werden nicht auf „Null“ gesetzt und total abgewertet - aber sie sind eben eindeutig auf Platz zwei verwiesen - hinter der Beziehungsebene. Für Gott sind Beziehungen zentral. Die zwischen Mensch und Mensch und die zwischen ihm, Gott, und seinen Menschen…

Überall da aber, wo Rituale, Opfer, Gewohnheiten - und seien sie auch sonst durchaus sinnvoll - in den Vordergrund rücken, da beginnt die Religiösität aufzublühen und das gelebte Evangelium zu schwinden… ob Jesus hier die Pharisäer ironisch als Gerechte bezeichnet? Ich denke schon. Wenn ich mir vorstelle, wie bestimmte Pharisäer Jesus in Frage stellen, weil er sich mit ihnen nicht abgibt, sondern mit seltsamen Gestalten…. und er sagt: Für die bin ich gekommen und nicht für die Gerechten… dann werden sich diese Gelehrten doch gefragt haben: Warum will Jesus uns nicht begegnen? Sind wir jetzt außen vor? Sind wir vielleicht gar nicht gerecht? Sind wir kranker als wir denken? Schuldiger? - Ich weiß nicht, ob die Pharisäer diese Gedankengänge in ihrem Herzen so vollzogen haben. Aber ich weiß, dass Jesus in seinem Humor, aber eben auch seiner Liebe zu den Pharisäern gerne auch subtile Methoden verwendet hat, um sie ins Nachdenken zu bringen…

Unwillkürlich muss ich daran denken, wo wir uns im Kirchenjahr befinden. Der heutige Sonntag heißt Septuagesimae. 70 Tage vor Ostern. Wir befinden uns also in diesem Raum zwischen Weihnachten und Ostern – die Bibel sagt: Gott ist Fleisch geworden. Wir betrachten in Jesus, was diese Menschwerdung bedeutet… und dazu gehört anscheinend, dass Gott es liebt, mitten hinein ins Getümmel zu gehen. Die Trennung von der Welt mit ihrer Gottabgewandheit bedeutet eben nicht Isolation von der Welt - im Gegenteil. Hinein!

Da, wo es anstrengend ist! Wo schuldige und verletzte Menschen warten. Kranke. Psychisch Lei-dende. Arbeitslose. Alleinerziehende. Singles. Mitten in die Kneipen, Diskotheken, Vereine, Parteien… Wenn wir die Menschwerdung Jesu ernst nehmen, dann befähigt sie uns und spornt uns vielleicht an, genau das zu tun. Mitten hinein zu gehen als Gesandte, die Gottes Herzenswunsch folgen.

Die Dreiecksgeschichte von Jesus, Matthäus und den Pharisäern - sie zeigt die ganze Vielfalt des Glaubens. Jesus lebt vor und ermutigt und befähigt uns, es ihm nachzumachen. In anderen Menschen das Potential zu sehen und sie aus Schubladen heraus zu holen. Damit verkrustete Fronten zwischen Menschen brechen. Aber auch in sich selbst das zu erkennen, was Jesus sieht! Er sieht in dir und in Ihnen, was möglich ist!

Die Geschichte um Matthäus kann uns auch ermutigen, religiöse Formen, die sich entleert haben, abzustreifen und wieder einen lebendigen Beziehungsglauben zu suchen und zu wagen. Mit anderen Christen in seiner Gemeinde, als Gesandte zu allen Menschen und über allem: Zu diesem Jesus, der bis heute ruft: Komm, folge mir nach!
Und zuletzt: Jesus zu folgen, mitten unter die Menschen zu gehen, sich einzumischen! Was für ein farbiges und strahlendes Programm fürs Leben. Lebendig und aufregend bis zum letzten Atemzug. Dazu befähige uns der lebendige Gott… Amen.


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