Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.01.13; Pfarrer Dieter Beese

Hören und Sehen

Liebe Hörerin, lieber Hörer, „schlecht hören kannst du gut.“ Meine Eltern fanden das witzig, wenn sie so mit mir geredet haben, und ich habe den Tadel wohl verstanden.

Schlecht hören, dem lässt sich in seinem solchen Fall durch ein Hörgerät nicht beikommen. Das ist ein Erziehungsproblem: Es ist eine große Kunst für Eltern und Erzieher, das Ohr der Kinder zu finden und zu öffnen. „Sesam, öffne dich“ – möchte man rufen. Wenn es Dosenöffner gibt, warum gibt es eigentlich keine Ohrenöffner?
Was den Ohren recht ist, das ist den Augen billig:

Es gibt eine schöne Szene in Bertolt Brechts Drama „Leben des Galilei“. Der Forscher Galilei will seinem Schüler Andrea begreiflich machen, dass sich die Erde und um die Sonne dreht. Andrea erwidert dagegen: „Aber ich sehe doch, daß die Sonne abends woanders hält als morgens. Da kann sie doch nicht stillstehn! Nie und nimmer!“ Da herrscht Galilei ihn an: „Du siehst? Was siehst du? Du siehst gar nichts. Du glotzt nur. Glotzen ist nicht sehen.“(GW 3, 1235) Wenn es Türöffner gibt, warum gibt es keine Augenöffner?

Die Liebe macht nicht, wie oft behauptet wird, blind, sondern zugleich hörend und sehend:

Ein Hollywoodspielfilm: Er ist erfolgreicher Geschäftsmann, ganz in seine Welt der oberen Zehntausend eingeschlossen. Sie ist eine attraktive und sympathische junge Frau, vital und mit Kindern, Freunden und Familie mitten im Leben stehend, gescheiterte Vorbeziehung und Chaos eingeschlossen. Es kommt zur Begegnung, und es funkt. Durch dramatische Wendungen und Krisen hindurch gelingt es der Liebe der Frau, den Geliebten aus der Gefangenschaft der Scheinwelt des großen Geldes zu befreien. Er hört hin und macht die Augen auf: Das große Glück kann beginnen.

Im Buch der Sprüche im Alten Testament können wir lesen: „Ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, die macht beide der Herr.“ (Sprüche 20,12)

Das ist eine große Hilfe auf unserer Suche nach dem Ohren- und Augenöffner. „Hört zu!“ Mit diesem Satz hat Jesus einst das Gleichnis vom Sämann eingeleitet. Es handelt von einem Bauern, der sein Saatgut auswirft. Manches fällt auf den Weg, auf den Felsen oder und unter die Dornen. Es vertrocknet in der Sonne, wird von den Vögeln gefressen oder erstickt. Und doch fällt ein Teil auf fruchtbaren Boden und bringt vielfachen Ertrag. „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Damit schließt Jesus das Gleichnis. Und wir könnten fortfahren: „Und wer Augen hat, zu sehen, der sehe!“

Das macht Hoffnung. Vieles von dem, was wir sagen, geht verloren. Ist in den Wind geredet, in der Hitze des Streits verbrannt und unter den Dornen der Alltagsroutine vertrocknet; aber der Augenschein trügt: Nicht alles ist verloren. Es bleibt so viel, dass es aufgeht und dreißig, sechzig oder gar hundertfältig trägt. Das sollten wir nicht übersehen und überhören.

Gott hat viel Übung und Erfahrung als Augen- und Ohrenöffner; denn „ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, die macht beide der Herr.“ Und was er macht, das macht er, wie wir aus der Schöpfungserzählung wissen, sehr gut.

Vielleicht haben Sie ja morgen Zeit und Gelegenheit, Gottesdienst zu feiern, in der Kirche oder als Hörergemeinde am Radio oder als Zuschauer mit der Fernsehgemeinde.
Halten Sie die Augen offen und die Ohren steif! Mit allen guten Wünschen für einen gesegneten Sonntag grüßt Sie Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.

Literatur: Cathbart, Thomas / Klein, Daniel: Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar… Philosophie verstehen durch Witze, München 6. Aufl. 2010, S. 93.
Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. In: Ders.: Gesammelte Werke 3, Frankfurt: Suhrkamp 1967, S. 1229-1345, (Zitat: S. 1235).

 

Audiobeitrag Hören und Sehen


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