Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.01.13; Pfarrer Dieter Beese

Hochmut kommt vor dem Fall

Liebe Hörerin, lieber Hörer, den hohen Kletterkasten auf dem Spielplatz habe ich als Kind nie wirklich gemocht. Die große Rutschbahn auch nicht.

Und später habe ich die anderen Kinder und Jugendlichen bewundert und beneidet, wenn sie vom Fünf- oder Zehnmeterbrett im Schwimmbad gesprungen sind. Immerhin – ich bin mal als kleiner Junge mit dem Fahrrad bis in die entfernte Nachbarstadt gefahren, obwohl das strikt verboten war. Ganz schön mutig, oder?

Man muss sich eben auch mal was trauen, sonst wird das nichts. Entmutigte, duckmäuserische, ängstliche Menschen sind nicht das, was Gott sich wünscht. Wie weit wäre der Apostel Paulus wohl gekommen, hätte er sich bei seinen Missionsreisen nicht aufs Meer hinausgewagt? Nicht eine einzige Gemeinde wäre neu gegründet worden, wenn er gesagt hätte: „Nicht doch, ich könnte ja nasse Füße bekommen, mein Schiff könnte untergehen, ich könnte abgelehnt werden. Das traue ich mich nicht!“

Von dem Hirtenjungen David ganz zu schweigen, der sich – nur mit einer Steinschleuder bewaffnet – dem Kampf mit dem Riesen Goliath gestellt hat.

Ich glaube, Gott freut sich über jedes Geschöpf, das sich seiner Gaben und Kräfte gewiss wird und darin wächst und gedeiht.

Im Buch der Sprüche in der Bibel heißt es allerdings auch: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“ (Sprüche 16,18) Das ist sprichwörtlich geworden.

Zu meiner Spruchkartensammlung zählt eine Karte mit einer glänzenden falschen Marmoroberfläche. Auf der ist in Gold eingraviert: „Ich bin stolz, eine Postkarte zu sein.“

Schon die Jünger Jesu stritten sich gerne über die Frage, wer denn wohl der Größte unter ihnen sei. Und die ganz Großen halten sich gerne mal für so groß, dass sie meinen, sie stünden über dem Gesetz, über allen Regeln und über allen anderen Menschen.

Das gewöhnliche Fußvolk muss für sein Geld arbeiten und davon Steuern zahlen. Herr Gernegroß ist gekränkt, wenn man ihn fragt, aus welchen Quellen sein Geld stammt und was er davon an die Gemeinschaft zurückzugeben gedenkt. Die hat ihn immerhin ausgebildet, stellt ihm die Verkehrsmittel und die äußere Ordnung und die Arbeitskraft anderer Menschen zur Verfügung, so dass er seine Geschäfte überhaupt machen, sein Erbe genießen und die Erträge seines Kapitals verwerten kann.

Und wie ist es bei Otto Normalverbraucher? Da steht das Eine oder Andere Wunschgebäude, mit dem wir uns groß und wichtig träumen, schon auch auf tönernen Füßen. Der Turmbau zu Babel bleibt das Sinnbild für jede Art von Selbstüberschätzung. Ob Imponiergehabe und einschüchterndes Auftreten, die Lust, andere vor Publikum zu blamieren, das Reden und Leben über die eigenen Verhältnisse, das Kleinhalten, Kleinreden und Verschweigen der Verdienste anderer – da ist uns allen wohl nichts Menschliches fremd.

Bei einem Stadtbummel bot sich mir ein anrührendes Bild: Eine Schulklasse von Grundschulkindern zog in Zweierreihen Hand in Hand durch die Fußgängerzone und dann über die viel befahrene Straße. Ab und an tanzte der Eine oder die Andere mal ein bisschen aus der Reihe. Aber das blieb alles im Rahmen. Kein Hochmut, kein Fall, alle kamen heil ans Ziel.

Ich glaube, die weise Mahnung „Hochmut kommt vor dem Fall“ ist keine Parole der Schadenfreude: „Siehste wohl, ich hab’s doch gewusst!“

Sie hat etwas Wohlmeinendes, Fürsorgliches, Mitfühlendes. Am Ende sagt sie uns doch nur: „Pass auf dich auf. Tanz nicht allzu sehr aus der Reihe. Komm gut an!“

Dass Sie heute gut in diesem Tag ankommen wünscht Ihnen herzlich Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.

 

Audiobeitrag Hochmut kommt vor dem Fall


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