Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.01.13; Pfarrer Matthias Köhler

Schmutzige Schokolade

Ich weiß nicht, wie der kleine Junge hieß. Ich kann mich nur noch an seine Tränen erinnern. Und an sein Blut. Er begegnete mir in der Vorweihnachtszeit.

Er hatte sich mit einer Machete ins Bein gehackt – eine üble und gefährliche Wunde! Der Zehnjährige, der sich auf meinem Fernsehschirm vor Schmerz und Schock krümmte, arbeitete auf einer Kakaoplantage. Sein Schweiß, seine Tränen und sein Blut flossen für unsere Schokolade: „Schmutzige Schokolade – Teil 2“ heißt die Reportage des dänischen Journalisten Miki Mistrati. Bereits 2010 hatte Mistrati in einer Dokumentation aufgedeckt, dass Kinderarbeit und sogar Kindersklaverei nach wie vor zum Alltag auf den großen Kakaofarmen der Elfenbeinküste gehört, in denen der Rohstoff für die vor allem europäische Schokoladenindustrie geerntet wird. Bereits zehn Jahre zuvor haben Menschenrechtsorganisationen diese Missstände öffentlich gemacht. Passiert ist daraufhin offenbar nichts.

Nestle, Mars, Kraft Foods, Cargill und andere versprachen zwar dafür zu sorgen, dass Kinderarbeit auf den Plantagen verhindert wird. Es sollten sogar Projekte sozialer Entwicklung in den Herstellerländern gefördert werden. Aber als Mistrati 2012 die versprochenen und in Hochglanz-Werbebroschüren gefeierten Hilfsprojekte besuchen will, wird ihm die Einreise in die Elfenbeinküste verweigert: Nur wer eine Einladung der Schokoladenindustrie vorweisen kann, bekommt von der Botschaft der Cote d’Ivoire ein Visum ausgestellt. In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn Schokoladenproduzenten darüber bestimmen, wer wann in welches Land reisen darf?

Mistrati hat mithilfe einheimischer Kollegen dennoch die versprochenen Hilfsprojekte filmen können. Das Ergebnis ist nach der Vorgeschichte ebenso vorhersehbar wie skandalös: Keines der gemachten Versprechen seitens der europäischen Industrie ist gehalten worden. Nach wie vor werden Kinder verschleppt und als Sklaven zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen.

Mit den Ergebnissen der Recherchen konfrontiert zogen sich die Pressesprecher der involvierten Unternehmen auf Allgemeinplätz zurück: Ob die Bilder denn überhaupt echt oder repräsentativ seien und die Partner vor Ort seien schließlich verantwortlich aber nur schwer zu kontrollieren und so weiter.

Mir als Fernsehzuschauer und zumindest gelegentlichem Konsumenten von Schokolade blieb in diesem Moment die Spucke weg. Dokumentierte Tatsachen einfach wegdiskutieren zu wollen – so viel Kaltschnäuzigkeit hätte ich keinem Unternehmen zugetraut.

Ich habe noch am selben Abend eine E-Mail an Nestle geschrieben: „Du sollst nicht lügen“. Ich habe den Konzern, der mit einem Jahresumsatz von mehr als 60 Milliarden € der weltgrößte Lebensmittelkonzern ist, daran erinnern wollen, dass die Gebote der Bibel auch für wirtschaftliche Entscheidungen und auch für die Öffentlichkeitsarbeit gelten.

Als Antwort erhielt ich zwei Tage später eine höfliche Kopie aus eben den Hochglanzbroschüren von Nestle, versehen mit dem Hinweis, dass der Filmemacher Mistrati ja leider nicht gesprächsbereit sei und sein Film so ja auch nicht stimme. Zum einen macht es mich natürlich wütend zu lesen, für wie blöd mich die Öffentlichkeitsbeauftragen von Nestle offenbar halten. Zum anderen habe ich es in meiner E-Mail aber ernst gemeint: Du sollst nicht lügen! Das ist kein Gebot, dass man nur kleinen Kindern bei der Erziehung hinter die Löffel schreibt. Dieses Gebot gilt immer und unbedingt!

An dieser Geschichte ist mir schmerzlich bewusst geworden, wie anders unsere Welt aussehen würde, wenn dem Gebot des Nicht-Lügens Folge geleistet würde. Hochglanzbroschüren wären nicht mehr nötig, weil es nichts zu verstecken gäbe.

Bleibt zu hoffen, dass sich der PR Einsatz für die Industrie nicht auszahlen wird, weil die Konsumenten ein ehrlich hergestelltes und gehandeltes Produkt höher schätzen als irgendeinen Markennamen.

Wie man fair und ehrlich produziert und erfolgreich Handel treibt machen entsprechende Siegel, kirchliche Träger und die Gepa übrigens seit Jahren vor. Vielleicht sollte die Großen der Branche dort mal eine Fortbildung besuchen.

 

Audiobeitrag Schmutzige Schokolade


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