Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.01.13; Pfarrer Dieter Beese

Knappheit und Überfluss

„Wer großzügig gibt, wird dabei immer reicher. Wer aber sparsamer ist, als er sein sollte, wird immer ärmer dabei.“ (Sprüche 11,24) (Übersetzung Neues Leben. Die Bibel)

heißt ein Spruch in der Bibel. Und zwei biblische Erzählungen scheinen den Wahrheitsgehalt des alten Spruches zu belegen: Die eine Erzählung handelt von fünf Broten und zwei Fischen. Eine große Volksmenge ist versammelt. Der Morgen war lang, der Mittag wird heiß. Jesus hat vom Reich Gottes gepredigt, und alle haben Hunger. Es könnte knapp werden: Fünf Brote und zwei Fische, was ist das schon für so viele? Aber siehe da, Jesus bricht das Brot und teilt den Fisch, und unter dem Austeilen vermehren sich die Gaben. Alle werden satt, und es bleiben noch zwölf Körbe übrig.

Jetzt die zweite Erzählung: Einem reichen Kornbauern geht es gut. Der Acker hat gut getragen. Die einzige Sorge des Bauern ist: Wohin mit dem ganzen Korn? Er hat eine gute Idee: Er lässt sich einen neuen, größeren Speicher bauen, und alles scheint unter Dach und Fach. Er sagt zu sich: „Liebe Seele, lass es dir wohl sein, nun hast du gute Ruhe.“ Aber da redet Gott mit ihm: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“

Der Kornbauer hat ein Problem, wo eigentlich gar keines ist. Wo Überproduktion ist, sieht er Knappheit. Womöglich geht er mit seiner Knappheitsideologie auch noch hausieren und trifft viele, die ihm das abnehmen: Dass die Güter knapp sind und der Bedarf unendlich ist. Dass nichts verbraucht werden darf. Dass gespart werden muss. Der Überfluss an Ernte wird für den Kornbauern zu einem Mangel. Andere Menschen kommen in seinen Planungen überhaupt nicht vor. Die hätten ganz sicher gute Ideen, was mit dem angesammelten Reichtum zu tun wäre.

Bei Jesus ist es umgekehrt. Unter seinen Händen verwandelt sich die vermeintlich offensichtliche Knappheit von nur fünf Broten und zwei Fischen zum Überfluss. Interessant dabei ist: Die wenigen Lebensmittel werden nicht etwa sofort verbraucht, sondern vorher auch noch geteilt. Und dann geschieht das Wunderbare: Am Ende ist genug für alle da, ja mehr als genug. Es bleibt noch etwas übrig und weggeworfen wird schon gar nichts.

Sie meinen, das geht ziemlich an der Realität vorbei? Nehmen wir ein anderes Beispiel: Am Abend wird der Faule fleißig, sagt der Volksmund. Ich muss zugeben, ich komme auch erst so richtig in Schwung, wenn die Zeit knapp zu werden beginnt. Das heißt nicht unbedingt, dass ich vorher faul gewesen wäre. Ich habe mir halt etwas mehr Zeit gelassen, die Gedanken schweifen zu lassen, hierhin und dorthin zu schauen, mich ein bisschen treiben zu lassen. Es gibt Tage, da ist man für jede Störung dankbar.

Der Punkt, wann es dann mit Blick auf Kalender und Uhr so langsam aber sicher aufs Ende zugeht, kommt ohnehin auch ohne mein Zutun. Und dann stelle ich oft fest: Ohne dieses Flanieren, ohne das Schwätzchen hier und das Scherzchen da würden mir viele Ideen und Einfälle fehlen.

Und dann würde nicht nur die Zeit knapp, sondern dann wäre ich wirklich arm dran. Keine Zeit für dies, keine Zeit für das. Keine Aufmerksamkeit für dies, kein Interesse für das. Wie arm machen wir uns künstlich, obwohl doch der Reichtum unermesslich ist?

Gottes Geschöpfe schöpfen immer aus dem Vollen. Knapp sind weder der Raum noch die Zeit noch die Güter, die Gott gibt. Eng ist allenfalls das menschliche Herz, das kargt, wo es nicht soll und doch dabei ärmer wird. Und wo wir Gottes Fülle wahrnehmen und annehmen, da ist nicht nur genug zum Austeilen und zum Teilen mit Anderen da - es wird sogar noch mehr als zuvor meint Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.

 

Audiobeitrag Knappheit und Überfluss


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