Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.01.13; Pfarrer Dieter Beese

Die Plaudertasche

Liebe Hörerin, lieber Hörer, sie reden und reden und reden – die Plaudertaschen. Sie sorgen für Unterhaltung und halten das Gespräch am Laufen. Eigentlich ganz praktisch.

Da kann man sich selbst dann mal entspannt zurücklehnen und muss keine Verantwortung übernehmen für den Verlauf der Konversation. Wenn kleine Plappermäuler sich ihre Welt zurechtlegen und wissen lassen, was ihnen durch den Kopf geht, hat das bisweilen philosophische Qualität. Da sagt eine Fünfjährige: „Mama, wir sind das Volk, und ich habe einen Volksmund!“ – Aha.

„Schon Säuglingen und kleinen Kindern hast du dein Lob in den Mund gelegt, damit sie deine Macht bezeugen“, sagt der 8. Psalm in der Bibel. (Neue Genfer Übersetzung) So fängt Mündigkeit an. So formt sich langsam aus dem Plappern und Plaudern die verantwortliche und vernünftige Rede.

Wo es aber nicht klappt mit dem Hineinwachsen in die verantwortliche und vernünftige Rede, da ist Vorsicht geboten: Wo öffentliche Rede zur Propaganda verkommt, beginnen Verführung und Gewalt. Wo vertrauensvolle Beratung sich zum verdeckten Verkaufsgespräch verwandelt, beginnt der Betrug. Und wo geheucheltes Interesse sich in persönliche Beziehungen einschleicht, findet das Misstrauen Nahrung.

Im alttestamentlichen Buch der Sprüche findet sich die Mahnung:

Sprecherin: „Wo viele Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab; wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug.“ (Sprüche 10, 19)

Autor: Lippen im Zaum halten. Manchmal sind unsere Lippen wie wilde Pferde. Sie galoppieren einfach los. Aber auch gezähmte Pferde können manchmal durchgehen, und dann wird es gefährlich. Ein guter Reiter respektiert die Vitalität und Spontaneität seines Pferdes und wird seine individuelle Eigenart nicht unterdrücken. Aber er muss doch die Zügel führen, nicht zu straff, aber auch nicht zu locker. So kommt er unbeschadet zur rechten Zeit von A nach B. Er hat Spaß am Reiten, von ihm geht keine Gefahr aus, und er macht eine gute Figur.

Was machen wir für eine Figur, wenn wir mit unserem Pferd einen Ausritt machen? Gelingt es uns, die Lippen im Zaum zu halten, oder ist es doch so, dass es nicht ohne Sünde abgeht, weil einfach so viele Worte im Spiel sind und die Pferde mit uns sprichwörtlich durchgehen? Der Pfarrer und Liederdichter Kurt Rommel hat den Text für ein nachdenkliches Lied gedichtet:

Sprecherin: „Ich rede, wenn ich schweigen sollte, und wenn ich etwas sagen sollte, dann bin ich plötzlich stumm. Ich schweige, wenn ich reden sollte, und wenn ich einmal hören sollte, dann kann ichs plötzlich nicht.“

Autor: Bei dieser selbstkritischen Einsicht bleibt es jedoch nicht. Der Refrain führt den Gedanken weiter ins Gebet:

Sprecherin: „Herr, hilf das Rechte sagen. Hilf uns das Gute wagen. Herr, hilf das Rechte tun.“

Autor: Mir hilft das beten um das rechte Hören und um das rechte Wort zur rechten Zeit. Das gibt mir einen Schutzraum. Bevor ich mich allzu sehr vom irgendeinem Gerede beeindrucken lasse, das groß und wichtig - sozusagen in Hochglanz - daher kommt, oder bevor ich selbst mit unbedachtem Geplapper herausplatze, darf ich in diesen Schutzraum einkehren. Das Gebet ist auch ein Ort, an dem ich mich selbst vergewissern kann: „Ist das jetzt nötig, was du sagst?“ Oder: „Jetzt muss ich was sagen. Ich habe zwar Angst, aber es muss sein.“ Oder: „Irgendwas ist komisch. Will er mich reinlegen?“ Oder: „Warum sagt sie nichts? Ich frage sie jetzt einfach.“

Und das Gebet ist schließlich ein Ort, an dem ich mich stärken lassen kann: „Gott, hilf mir, das Richtige zu sagen, den richtigen Ton zu treffen.“ So ist das: Zunge und Lippen im Zaum halten, einander stärken und ermutigen und bei aller Liebe in der Wahrheit bleiben. Das ist klug, und das tut gut.
Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum

Literatur: Rommel, Kurt: Ich rede, wenn ich schweigen sollte (1965) © Gustav Bosse Verlag, Kassel. In: Eckert, Eugen; Kramer, Friedrich; Plisch, Uwe-Karsten (Hg.): Durch Hohes und Tiefes. Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinden in Deutschland. München 2008, Nr. 165, Str. 1 und 2.

 

Audiobeitrag Die Plaudertasche


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen