Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.01.13; Pfarrer Dieter Beese

Der Professor und die Turmuhr

Liebe Hörerin, lieber Hörer, kennen Sie Menschen, auf die Sie sich ohne Wenn und Aber verlassen können?

Das zählt zu den großen Geschenken, die uns das Leben macht, kann aber auch skurrile Züge annehmen. In Königsberg lebte der Philosoph Immanuel Kant. Er hatte herausgefunden: Wir können mit unserer Vernunft die Welt nicht erfassen, wie sie in Wahrheit ist; denn wir legen immer nur unsere menschlichen Maßstäbe an sie an.
Einen solchen, vermeintlich sicheren Maßstab hatte auch der Königsberger Küster.

Das kam so: Professor Kant hatte feste Gewohnheiten. Dazu gehörte auch sein Verdauungsspaziergang. „Ah, der Professor tritt aus dem Haus. Es ist also halb vier“, sagte sich der Küster - so wird erzählt - und begann irgendwann, die Turmuhr nicht mehr nach der tatsächlichen Uhrzeit zu stellen, sondern danach, wann Professor Kant sein Haus verließ. Er hatte jetzt eine vernünftige Weltanschauung, nach der er sich richtete: Der Professor spaziert, also ist es halb vier. Logisch. So ist das mit Weltanschauungen: Ich bin mir sicher, dass die Welt genau so ist, wie ich sie anschaue. Aber das hat Folgen: Wenn ich die Welt zum Beispiel so anschaue, als sei sie eine Maschine, warum sollte ich die Menschen und die Dinge nicht wie Maschinenzubehör behandeln? Richtig einstellen, kontrollieren, benutzen, und dann entsorgen.

Wenn ich die Welt so anschaue, als sei sie ein Marktplatz, warum sollte ich dann die Menschen und die Dinge nicht wie Waren behandeln? Herstellen, verkaufen und benutzen, bis es keinen Zweck mehr hat.

Und wenn ich die Welt wie einen Zuchtstall anschaue, warum sollte ich die Menschen nicht so behandeln, dass sie dem Überleben der Gattung dienen? Lebenswertes, starkes Leben fördern, lebensunwertes, schwaches Leben aussortieren. Die ganze Welt ein Trainingslager. Schließlich kenne ich die Gesetze der Evolution ja genau so gut wie der Königsberger Küster die Spaziergänge von Professor Kant.

Nun schlage ich meine Bibel auf und finde dort im Buch der Sprüche folgenden Satz: „Verlass dich auf Gott, den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern denke an ihn, was immer du tust, dann wird er dir den richtigen Weg zeigen.“ (Sprüche 3, 5.6) (Übersetzung nach Neues Leben. Die Bibel)

„Denke an ihn.“ Ich denke also: Ich denke daran, dass ich mein Leben und nur dieses eine Leben nicht von mir selbst habe; vielmehr empfange ich es von Gott als Gabe und als Aufgabe mit allen Geschöpfen gemeinsam täglich neu. Ich denke, dass mich Gottes Geist aufschließt und aufmerksam macht für die Wege, die er mir zeigen will: in einem Gedanken der Bibel, in der Stille, durch einen Menschen, der mir begegnet. Ich denke, dass Gott mir einen guten Blick auf die Dinge und auf die Welt und die Menschen gibt, sogar dann, wenn sie mich enttäuschen.

Dieser Blick stärkt mich in dem Vertrauen, dass Gott mich und alle, die an ihn glauben, recht führen will. Je nach Weltanschauung werden Menschen mir erklären, wie unwissenschaftlich und unvernünftig das ist. Mag sein – es wird sich zeigen. Absolute Sicherheit gibt’s da nicht. Aber mir ist Gottes Wort gewiss und verlässlich genug, dass ich es von Tag zu Tag mit ihm probiere, gemeinsam mit allen anderen, die Gott vertrauen. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich – ein schöner Gedanke! Dann teilen wir miteinander eine Glaubenszuversicht, die so gewiss und verlässlich ist - wie das Amen in der Kirche. Ihr Pfarrer Dieter Beese aus Bochum.

Literatur: Cathbart, Thomas / Klein, Daniel: Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar… Philosophie verstehen durch Witze, München 6. Aufl. 2010, S. 93.

 

Audiobeitrag Der Professor und die Turmuhr


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