Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.01.13; Pfarrer Matthias Köhler

Maria und Josef in Deutschland

Es begab sich aber in der Zeit, die eine große deutsche Wochenzeitung ist, dass vor Jahr und Tag eine Schauspielerin und ein Reporter sich aufmachten

und sich in die adventlich geschmückten Städtchen Kronberg und Königsstein im Taunus begaben, um wie weiland Maria und Josef nach Herberge und Hilfe zu fragen. Aber die Türen Kronbergs blieben ihnen verschlossen und in Königsstein wollte ihnen niemand helfen. Dort, wo die reichsten Menschen Deutschlands leben, gab es keine Hilfe für zwei durchreisende Menschen. „Hier ist‘s halt scheiße für solche wie euch“ ließ ein Teenager sie wissen und „Mama, da sind wieder die faulen Feiglinge!“ rief ein Kind. „Maria und Josef im Ghetto des Geldes“ titelte die Zeit und zitierte eine Studie des amerikanischen Psychologen Keltner. Der Professor an der University of California hatte behauptet, dass vermögende Menschen weniger mitfühlend seien, als ärmere. Oder anders ausgedrückt: je reicher wir werden, umso weniger sind wir bereit, anderen zu helfen.

Die Bewohner Königssteins aber, als sie den Bericht in der Zeit lasen, erregten sich und riefen zu einer Bürgerversammlung. Dort kritisierten sie dann, dass eine schauspielerisch gestellte Szene doch wohl kaum die Realität abbilden könne, dass der Reporter wohl mit einer vorgefertigten Meinung in den Taunus gereist sei und überhaupt der Artikel von Polemik strotze. „Ich nehme mit, dass Sie genau so über ihren Auftritt nachdenken müssen, wie ich über meinen“ sagt der Reporter am Ende der erregten Diskussion, in der der Vorwurf der faulen Feiglinge ebenso wiederholt wird, wie die Stereotype des mildtätigen Reichen als Rückgrat der Gesellschaft. Und er nimmt einen Arbeitsauftrag mit: Gehen Sie doch nach Neukölln – Arme sind nicht mitfühlender als Reiche, da wird es Ihnen genauso gehen!

Und so begab es sich, dass nach Jahresfrist die Schauspielerin und der Reporter sich aufmachten zum Berliner Stadtteil Neukölln, der verrufen ist für seine Armut und Gewalt, um dort erneut ihr Krippenspiel zu inszenieren. Und um eine Antwort auf die Frage zu finden: Macht Reichtum den Menschen blind für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen?
Die Antwort, ist so einfach wie erschreckend. Sie lautet: Ja. Die Unterstützung, Beratung und Solidarität, die dem durchreisenden Paar in Berlin Neukölln zuteil wird, war im Taunus undenkbar. Schlafplätze, Lebensmittel, Einladungen und sogar ein Jobangebot standen am Ende der Woche auf der Haben Liste. Das soziale Experiment in einer der reichsten und einer der ärmsten Gegenden Deutschlands bestätigte in erschütternder Weise mitten in der Weihnachtszeit die Ergebnisse der amerikanischen Studien. Je höher der soziale Status, je höher das Einkommen oder das Vermögen, umso geringer das Verständnis für prekäre Lebenssituationen. Je reicher wir werden, umso weniger sind wir bereit zu teilen.

So einfach ist das. Und so bleibt die Frage bei mir und bei jedem einzelnen hängen: Wie reagiere ich, wenn mich andere um Hilfe bitten. Wie reagiere ich, als Christ, als Pfarrer, als Mensch?

Ein Jesuswort ist mir angesichts der nachgewiesenen psychologischen Tatsachen ungeheuer wichtig geworden: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Ich habe mir fürs neue Jahr vorgenommen, nicht vorschnell den Stab zu brechen. Nicht über den Kronbergern oder Königssteinern, nicht über den Neuköllnern. Und nicht über denen, die mir im Alltag begegnen und vielleicht meine Hilfe und Unterstützung brauchen. Sondern zu versuchen das zu tun, was nötig und mir möglich ist. Anderen zu helfen ohne Ansehen der Person.

 

Audiobeitrag Maria und Josef in Deutschland


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