Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.01.13; Pfarrer Klaus Eberl

Erinnern - gedenken

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Klaus Eberl. Ich bin Oberkirchenrat und Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Lieben sie auch alte Fotoalben? Beim Blättern reisen die Gedanken in die Vergangenheit. Für mich gibt es nichts Schöneres als an einem grauen Januarmorgen alte Fotos zu betrachten und sich zu erinnern. Schau, das war bei der Taufe unseres Sohnes! Oder die Konfirmation unserer Tochter. Oder alte Hochzeitsfotos. Wie jung wir damals waren! Kaum zu glauben! Das ist lange her. Manche Leute auf den Fotos leben nicht mehr. Wir vermissen sie. Das Bild ist eine Brücke in die Vergangenheit. Glänzende Farbfotos und - je weiter wir zurückgehen - schwarz-weiße oder bräunliche. Alle fein säuberlich eingeklebt.

Erinnerungen sind wichtig. Jeder Mensch kommt aus einer unverwechselbaren Geschichte. Ich muss meine Herkunft, meine Geschichte kennen, wenn ich nicht blind durch die Zeit rasen will. Wenn ich nicht alte Fehler wiederholen will, sondern das Leben und die Zukunft positiv gestalten. Alte Fotos helfen dabei. Alle Stationen meines Lebensweges, alle großen und kleinen Ereignisse, haben mich geprägt und beeinflusst. Ob sie schön oder schwierig waren. Nichts ist überflüssig. Nichts vergeblich. Nach und nach verstehe ich, warum ich bin wie ich bin. Alte Fotos erinnern mich an meine Wurzeln.

Musik: CD The Beatles: 1, LC 00542 - Track 11: Yesterday

Autor: In Fotoalben werden ja oft nur die schönen, glanzvollen Erinnerungen festgehalten. Feste, Urlaube, besondere Begegnungen und Ereignisse. Die Sonnenstunden überlagern dunkle Erfahrungen. Eine solche Fotoalben-Erinnerung schönt und entlastet. Manches wird einfach ausgeblendet, woran niemand erinnert werden möchte. Aber manchmal wird sie zum Anlass, tiefer zu graben.

Beim Blättern in einem sehr alten, abgegriffenen Album meiner Eltern fand ich ein Foto meines Vaters in Wehrmachts-Uniform. War Opa auch im Krieg? fragten mich meine Kinder, als sie das Bild sahen. Ja, er war im Krieg. Und er hat den Krieg gehasst. Zeitlebens. Denn er war erst 18 Jahre alt, als er nach Stalingrad geschickt wurde.

Hitlerdeutschland hatte 1941 die Sowjetunion überfallen. Ein Vernichtungskrieg. Ein Verbrechen. Das russische Volk sollte ausradiert werden. Die Schlacht von Stalingrad war eine der größten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Und die Niederlage der deutschen 6. Armee in Stalingrad vor ziemlich genau 70 Jahren gilt als Wendepunkt des Krieges. Es war der Anfang vom Ende. Nach hohen Verlusten durch Kampf, Kälte und Hunger kapitulieren die Reste der deutschen Armee im Februar 1943. Über 700.000 Menschen kamen auf beiden Seiten ums Leben. Opa überlebte, weil er sich nicht in der eingekesselten Stadt befand. Er gehörte einer Heeresgruppe an, die die eingeschlossenen Kameraden befreien sollte. Vergeblich. - Der tägliche Kampf ums nackte Überleben. Die Angst. Die allgegenwärtige Brutalität. Überall lauerte der Tod. Nie hat er diese schreckliche Erinnerung vergessen. Opa wurde durch diese Erfahrung zu einem konsequenten Gegner jeder Gewalt. Im Kleinen wie im Großen.

Meine Kinder haben ihren Großvater nicht mehr kennengelernt. Aber sie haben verstanden, wie sein Gedenken mich geprägt hat. Meine Werte, meine Ziele. Und das Bewusstsein, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll.

Auch wenn die Erinnerungen verblassen: das Gedächtnis bleibt genau. Es ist auf Konsequenzen aus. Peter Beier, der ehemalige rheinische Präses, hat das mit der ihm eigenen Poesie so formuliert:

"Gedenkt!
Erinnert nicht nur!
Erinnerung atmet flach.
Gedächtnis atmet tief.
Erinnerung spielt sentimental.
Gedenken arbeitet schwer
und ist ein Werk des Glaubens,
der weiß:
Vergangenheit ist nie vergangen,
Tote sind nicht nur tot,
im Haus wohnt das Gestern,
und die Zukunft braucht ein langes Gedächtnis."

(aus: Peter Beier, Übergänge, Düsseldorf 1999, S. 140)

Autor: Ich glaube, Peter Beier meinte damit: Bloße Erinnerung kann sich aus der Gegenwart und der Verantwortung stehlen. Sie schaut Daten und Fakten wie vorübergehende Schatten an, die keinen Anlass zu Veränderungen mit sich führen. Das Gedenken geht andere Wege. Es lässt zu, dass ich das Vergangene in die Gegenwart hole und mich davon berühren lasse bis in die Tiefen der Seele.

Das Gedenken - es verändert und befreit, das Leben neu in die Hand zu nehmen. Und die Welt, in der wir leben, besser zu gestalten, gerechter, friedlicher. Der Begriff des Gedenkens hat in der Bibel deshalb eine besondere Qualität. Gott, der Lebendige, ist nicht einer, der nur erinnert und vergangen sein lässt, was vergangen ist. Gott gedenkt der Menschen - ohne Unterschied. Vor ihm ist nichts vergangen und nichts gleichgültig. Die Bibel staunt immer wieder darüber, dass Gottes Liebe so groß ist: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" heißt es im 8. Psalm.

Musik: CD BAP: Für Usszeschnigge, LC 0193 - Track 5: Jupp

Autor: Gott gedenkt - und Christen gedenken. Sie erinnern nicht nur. Vor gut 20 Jahren - kurz nach der Wende, wurde vielen Menschen bewusst: Nach den Jahren des kalten Krieges ist jetzt die Chance, den Ost-West-Konflikt beizulegen. Die evangelische Landessynode im Rheinland hatte einen Beschluss zur Versöhnung mit der Sowjetunion gefasst. Und daraufhin begannen Besuchsreisen: Menschen aus Deutschland und Russland begegneten sich, um einander kennenzulernen, Erinnerungen auszutauschen, das Gedenken einzuüben und Wege zu finden, wie Versöhnung möglich wird, die nicht nur auf dem Papier steht.

In meiner Gemeinde in Wassenberg fand 1991 ein ökumenischer Gedenkgottesdienst statt - evangelisch, katholisch, russisch-orthodox. Die Kirche war überfüllt. Der orthodoxe Priester hatte sich extra aus Russland aufgemacht, um zu uns zu kommen. Gemeinsam gedachten wir des 2. Weltkrieges. Wir baten Gott, dass er uns auf dem Weg der Versöhnung helfen möge, damit eine Brücke zwischen ehemaligen Feinden entstehen kann. Ein schwieriges Unterfangen. Denn immer noch gab und gibt es Menschen, die lieber vergessen als gedenken wollen. Die sagen: Einmal muss Schluss sein. Menschen, die die Geschichte verzerren und ausblenden, wer Verursacher des Krieges war. Die alten und neuen braunen Parolen nachlaufen.

Aber die Mühe des Gedenkens führt Menschen zusammen. Sie laufen vor ihrer Geschichte nicht weg, sondern stellen sich ihr. Sie gestehen ihre Schuld und die ihrer Vorfahren ein und erbitten das, was niemand fordern kann: Vergebung. Wo Menschen sich versöhnen, ist das stets ein kleines Wunder.

In diesem Gedenkgottesdienst geschah nach der Predigt etwas, das ich nie vergessen werde. Es kommt ja selten vor, dass jemand ungeplant während eines Gottesdienstes aufsteht, an den Abendmahlstisch tritt und etwas sagt. Zunächst war ich etwas beklommen. Was wollte der Mann da vorne, den ich nicht kannte? Unsicher zog er ein kleines Foto aus seiner Jackentasche, das er aus seinem Fotoalbum herausgenommen hatte. Es zeigte ihn in Uniform. Er hielt es hoch und begann von seiner Zeit als deutscher Soldat während des Weltkriegs in Russland zu erzählen: „Ich habe immer auf eine Gelegenheit gewartet, um um Vergebung zu bitten für all das Schlimme, das wir euch angetan haben.", sagte er. Es wurde ganz still in der Kirche. Alle hielten den Atem an. Da stand der russisch-orthodoxe Priester auf, ging auf ihn zu und segnete den Mann.

Musik: CD Loreena McKennitt: Book of Secrets, LC 4281 - Track 8, Dante's Prayer

Autor: Der Gedenkgottesdienst hatte Folgen. Unerwartete Folgen. Niemand konnte damals ahnen, dass dieser Gottesdienst der Auftakt zu einer Hoffnungsgeschichte war. Denn die Evangelische Kirchengemeinde Wassenberg entschloss sich danach, in der russischen Stadt Pskow ein konkretes Zeichen der Versöhnung zu setzen: Das Heilpädagogische Zentrum Pskow. Menschen taten sich mit Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in der russischen Stadt zusammen und hoben das Projekt aus der Taufe. Und der Mann, der in dem Gedenkgottesdienst das Wort ergriffen hatte, Anton aus der Kirchengemeinde Wilms, wurde regelmäßiger Unterstützer dieser Arbeit.

Heute werden etwa fünfzig Kinder und Jugendliche mit schweren und mehrfachen Behinderungen im Heilpädagogischen Zentrum Pskow gefördert und betreut. Es braucht dazu unsere Unterstützung, weil in Russland Menschen mit Behinderungen über Jahrzehnte hinweg als hoffnungsloser Störfall im System galten. Sie wurden weggeschlossen - zu Hause oder in Anstalten. Kategorie: nicht förderfähig! Sie sind bis heute die Verlierer in der sich dramatisch schnell wandelnden russischen Gesellschaft.

Im Heilpädagogischen Zentrum erleben sie etwas anderes: Sie werden wertgeschätzt und nach ihren jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnissen gefördert. Sie lernen, sich selbst zu versorgen und sich im Alltag zu orientieren. Sie singen zusammen, spielen und feiern – gemeinsam mit ihren Lehrern und Therapeuten.

Längst zieht das Projekt Kreise. In unmittelbarer Nachbarschaft ist durch die „Initiative Pskow“ eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung entstanden, die zum Beispiel Holzspielzeug und Textilien produziert. Dadurch haben nun auch die Schüler eine Perspektive, die das Heilpädagogische Zentrum mit 18 Jahren verlassen müssen.
Mitten in der Stadt wurden Wohnungen gekauft, in der junge Leute mit Behinderung das selbstbestimmte Wohnen in einer Wohngemeinschaft ausprobieren können. Und über Pskow hinaus vernetzen sich engagierte Mitstreiter in ganz Russland, um tragfähige Konzepte auszutauschen und die politischen Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderungen zu verbessern.

Aus Erinnerung ist Gedenken geworden. Aus beidem eine hoffnungsvolle Zukunft. Ob Anton Wilms geahnt hat, dass ein altes Foto und ein Gedenkgottesdienst solche Folgen haben?

"Erinnerung atmet flach, Gedächtnis atmet tief", hat Peter Beier gesagt. Wenn Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, noch einmal ihre alten Fotoalben zur Hand nehmen und Ihre Erinnerungen schweifen lassen, denken Sie auch an die Geschichten, die hinter den Bildern stehen. Geschichten, die Vergegenwärtigung brauchen, damit aus Erinnerung Gedenken wird. Ganz gleich ob es sich um Kriegserfahrungen früherer Generationen handelt, um Wendepunkte der Weltgeschichte oder um wichtige Stationen des eigenen Lebens. Lassen Sie die alten Fotos zu sich sprechen. Sie helfen, richtige Entscheidungen zu treffen, auf andere zuzugehen und Versöhnung zu wagen. Die Menschen in Wassenberg und Pskow können davon ein Lied singen.

Musik: CD Keith Jarrett: La Scala, LC 2516 - Track 3: Over the Rainbow

Musikinformation

Musik Internetfassung komponiert und produziert von Ulrich Klingel, Medienverband der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Audiobeitrag Erinnern - gedenken


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