Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.01.13; Pfarrer Martin Vogt

Herzlichen Glückwunsch!

„Guten Morgen“, sagte mein Radiowecker. „Aufwachen! Ich gratulier dir schön!“ Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, dass mein Radiowecker ab und zu mit mir sprach.

Gerade heute hatte ich zwar überhaupt keine Lust darauf. Aber ich wusste schon, dass ihn das nicht aufhalten würde.

„Ich wünsch’ dir heute einen tollen Geburtstag“, redete er fröhlich weiter.

„Vielen Dank auch“, brummte ich.

„Gern geschehen. Soll ich dir vielleicht noch ein Ständchen singen?“

„Eh, es ist schlimm genug, dass du ab und zu redest, ja? Du musst nicht auch noch anfangen zu singen.“

„Ist ja gut, ist ja gut! Du klingst, als würdest du dich gar nicht über deinen Geburtstag freuen.“

„So besonders groß ist meine Freude wirklich nicht“, gab ich zu. „Ich hab’ keine Lust, ein Jahr älter zu sein. In der letzten Zeit komme ich mir sowieso schon ziemlich alt vor.“

„Also, auf mich wirkst du heute nicht anders als gestern.“

„Aha. Du willst mir also sagen, ich seh’ so verpennt aus wie immer, ja?“

„Genau. Außerdem hast du schon ziemlich graue Haare, kriegst immer mehr Falten und zugenommen hast du in der letzten Zeit auch. Mann, jetzt komm mal wieder ’runter von deinem Selbstmitleid! Ich weiß gar nicht, was du willst.“

„Ich will nicht älter werden. Hab’ ich doch schon gesagt.“

„Ach so. Wolltest du lieber jung sterben?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Also, was beklagst du dich dann? Du musstest nicht jung sterben. Also wirst du alt. Ist doch logisch! Und eigentlich ist es ein Grund, um sich zu freuen.“

„Wieso das denn?“

„Na, zum Beispiel, weil du diesen Geburtstag feiern kannst. Ist das denn so eine Selbstverständlichkeit für dich?“

„Phh. Ja, weiß nicht. Hab’ ich noch nicht so drüber nachgedacht.“

„Den Eindruck hab’ ich auch. Aber denk doch mal zum Beispiel an deinen Sturz mit dem Fahrrad, letzten Herbst.“

„Da möcht’ ich jetzt überhaupt nicht dran denken. Mein Knie hat mir danach ziemlich lange weh getan.“

„Allerdings! Ich kann mich noch gut erinnern, wie du danach abends immer versucht hast, ins Bett zu steigen. Für dein Stöhnen hätte man Eintritt nehmen können.“

„Eh, komm, jetzt übertreib nicht, ja?“

„Doch, doch! Besonders schlimm wurde es, wenn deine Frau nicht in der Nähe war. Aber jetzt ist doch alles wieder in Ordnung, oder?“

„Ja, jetzt tut’s nicht mehr weh.“

„Du sagst das wirklich so, als wäre das nichts Besonderes. Dabei hätte der Sturz doch auch ganz anders ausgehen können!“

„Ja, gut, klar, da hab’ ich Glück gehabt. Schön für mich. Aber muss ich deswegen jetzt glücklich sein?“

„Du musst gar nichts. Aber wenn du’s versuchen würdest, hättest du vielleicht bessere Laune. Denn dann würdest du merken: Es ist gar nicht so schlecht, älter zu werden. Und selbstverständlich ist es auch nicht. Es ist sogar ein richtiges Geschenk!“

„Ein Geschenk?“

„Ja, und zwar ein geradezu göttliches! Denn wenn du sagst, du hast Glück gehabt bei dem Sturz, dann heißt das doch im Klartext: Gott hat auf dich aufgepasst. Und hat dich vor Schlimmerem bewahrt.“

„Du meinst, sonst könnte ich meinen Geburtstag gar nicht feiern?“

„Genau. Ohne Bewahrung kein Geburtstag. So aber hast du heute allen Grund zum Feiern. Weil du leben darfst. Dass du dabei älter wirst, lässt sich nicht vermeiden. Aber alles andere wäre ziemlich unerfreulich.“

„Hmm. Ich muss zugeben: Wenn man’s so sieht, fühlt sich mein Geburtstag tatsächlich besser an.“

„Na, dann kann das doch noch ein richtig fröhlicher Tag werden,“ erwiderte mein Wecker und - schaltete auf WDR 2 um.

 

Audiobeitrag Herzlichen Glückwunsch!


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