Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.01.13; Pfarrer Dr. Titus Reinmuth

Schatzkiste

Die Kiste steht ganz oben im Regal. Es ist ihre ganz persönliche Schatzkiste. Denn sie steckt voller Erinnerungen.

Nur ab und zu klettert sie auf einen Stuhl, holt die Kiste herunter und stöbert darin. So auch dieser Tage zwischen den Jahren. Dann schwelgt sie in Erinnerungen und kommt ins Erzählen. Weißt Du noch: Im Sommer dieser schöne Abend in dem kleinen Restaurant an der See. Und guck mal: Der Zeitungsartikel von diesem tollen Konzert in der Kirche. Und hier: Der Stein, den wir von dem Spaziergang mitgenommen haben.

Erinnerungen sind etwas Wunderbares. Sie lassen uns an schöne Momente denken. Auf einmal haben wir den Duft des lauen Sommerabends noch mal in der Nase und meinen, den Wind am Meer noch einmal zu spüren. Und wenn wir den Stein von dem Spaziergang in die Hand nehmen, ihn zwischen den Fingern hin- und hergleiten lassen, dann ist auch alles andere wieder da: Das gute Gefühl dieses Nachmittags, das Lachen und Toben der Kinder im Wald, das lange Gespräch, das wir damals geführt haben.

Solche Erinnerungen, solche Bilder sind nicht nur schön, sie können uns auch stark machen. Immer dann, wenn andere Bilder sich nach vorne drängen oder wenn wir gerade eine schwere Zeit durchmachen.. Weil wir an einen lieben Menschen denken, den wir verloren haben. Oder weil wir mal wieder spüren: Ich werde doch älter. Oder einfach so, weil’s regnet, die Ferien vorbei sind und der Alltag wieder losgeht.

Solche Zeiten gibt es: Wo alles sich verändert, wo es Umbrüche gibt. Vielleicht weil einer geht. Der beste Freund, die beste Freundin zieht weg. Nicht nach Essen oder Köln, sondern nach Rostock oder München. Klar, es gibt Telefon und Facebook. Aber sich mal eben treffen auf ein Glas Wein, das geht jetzt nicht mehr. All das Vertraute wird jetzt zur Geschichte.

Die Bibel sagt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14). Der Satz aus dem Hebräerbrief ist in unseren Kirchen die Jahreslosung für 2013. Ein biblisches Motto, mit dem Menschen ins neue Jahr gehen.

Das ist ja ab und zu dran im Leben: der Wandel ! Dann gibt es einen Wendepunkt, einen Neuanfang. Zum Beispiel, wenn die Schulzeit für die Kinder unwiederbringlich vorbei ist. Nie wieder zum Schulbus, keine Aufführung mehr in der Aula, sondern Lehre oder Studium. Vielleicht sogar Ausziehen von Zuhause. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Oder einer tritt einen neuen Job an, obwohl’s doch eigentlich ganz schön war all die Jahre. Eine lernt jemanden kennen, verliebt sich sogar, obwohl ihr das Singledasein doch so gut gefallen hatte. Wie ist das eigentlich an solchen Wendepunkten? Ist dann alles neu? Oder knüpfen wir nicht immer an Erfahrungen an, die wir früher schon gemacht haben?

So eine Schatzkiste ist etwas Wunderbares. Erinnerungen können uns stark machen. Das Gute, die positiven Bilder, wecken alle Kräfte in uns. Gerade, wenn es schwer wird, können wir in unserer Geschichte stöbern und dabei entdecken: Wie habe ich das eigentlich früher gemacht? Wie habe ich das schon einmal geschafft? In der Vergangenheit liegen meine Ressourcen, um auch das zu schaffen, was vor mir liegt. Wer sich erinnert, in Fotoalben blättert oder in Erinnerungskisten stöbert, der entdeckt die Bilder und die Erinnerungen an das Gute. Und findet Kraft für das Neue.

 

Audiobeitrag Schatzkiste


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