Wir haben hier keine bleibende Stadt
Autor: Ein gutes neues Jahr wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Einen solchen Wunsch bekommen wir in diesen Tagen öfter zu hören
und sprechen ihn ebenso oft selbst aus. Ein gutes neues Jahr, wenn ich diese Worte wortwörtlich nehme, bemerke ich ihre Zweideutigkeit. Was eigentlich wünsche ich dabei anderen oder mir? Dass das gerade beginnende und sozusagen noch in der Wiege liegende neue Jahr sich gut entwickelt und dabei so weitergeht wie das alte? Oder wünsche ich, dass dieses 2013 wirklich Neues und Anderes bringt als das alte und bisherige? Das neue Jahr fängt ja nicht wirklich neu an, sondern schleppt das alte mit sich herum und führt es weiter. In einem Gedicht mit dem Titel Der Januar heißt es:
Sprecherin: Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.1
Autor: So der Schriftsteller Erich Kästner. Wünsche ich jemandem Neues und Anderes, dann wünsche ich Veränderungen und Neuland. Veränderungen aber bedeuten immer Ungewissheit und Unsicherheit. Vielleicht ist es da doch bequemer, dass im Grunde alles beim Alten bleibt, schließlich ist es ja, wie es in einer rheinischen Redewendung heißt, noch immer jot jegange Ein gutes neues Jahr: ein Wunsch, zwei unterschiedliche Verstehensmöglichkeiten. Darüber möchte ich am heutigen ersten Morgen des neuen Jahres nachdenken. Mein Name ist Werner Max Ruschke; ich bin Pastor und in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes, einem großen diakonischen Träger in Westfalen vor allem für alte, aber auch für behinderte und für sozial benachteiligte Menschen.
1. Musik Mr. Acker Bilk: Stranger on the Shore
Autor: Dass alles im Grunde weitergehen soll wie bisher, ist ein nur zu verständlicher Wunsch, jedenfalls dann, wenn es einem einigermaßen gut geht. Dann wähnt man sich vor Gefahren gefeit, und die Ungewissheiten halten sich in Grenzen. Vor allzu großer Selbstsicherheit allerdings warnt Erich Kästner in seinem kurzen Gedicht Zum neuen Jahr:
Sprecherin: Wirds besser? Wirds schlimmer?
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer
lebensgefährlich.
Autor: Leben war und ist gefährdet Tag für Tag. Noch erinnern sich viele ältere Menschen in unserem Land daran, wie das ist. Sie haben das im Zweiten Weltkrieg miterlebt. Häuser zerbombt und ganze Städte zerstört, Hab und Gut unwiederbringlich verloren. Da musste man sich neue Orte zum Überleben suchen. Viele kamen mit den Flüchtlingstrecks auf der Flucht vor herannahenden Soldaten oder als Vertriebene. Nur Rucksack oder Handkoffer konnten sie mitnehmen, machten sich auf einen unendlich langen Marsch von Ost nach West und suchten neue Orte zum Weiterleben.
Hunderttausende, ja Millionen von Einzelschicksalen verbergen sich hinter diesen Andeutungen, und doch sind es keine Einzelfälle. Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden wiederholt sich immer das Gleiche: Menschen verlassen ihre Heimat oder müssen sie verlassen, weil Staaten, Völker, ja Bürger eines Landes gegeneinander Krieg führen.
Und wenigstens ebenso viele Menschen verließen oder verlassen noch immer ihre Dörfer, ihre Städte und ihre Heimat, weil ihre Lebensumstände hoffnungslos oder entwürdigend waren oder sind. Ungezählte Schiffe haben Menschen aus Deutschland und allen anderen Ländern Europas nach Nordamerika gebracht, weil sie auf der Flucht waren vor Arbeitslosigkeit, vor Hungersnöten oder vor politischer und religiöser Unterdrückung. Sie haben damals ihre Dörfer und Städte ebenso verlassen, wie das heute jene Menschen tun, die etwa aus Afrika in unserem Lande Zuflucht und Asyl suchen. Alle diese Menschen eint eine Erfahrung, die die Bibel so beschreibt:
Sprecherin: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14)
2. Musik Scorpions: Wind of Change
Autor: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Dieses Wort stammt aus dem biblischen Brief an die Hebräer und ist die Jahreslosung für 2013, also jenes Bibelwort, das Christenmenschen das ganze neue Jahr hindurch begleiten soll. Da ist nichts zu hören von Et is noch immer jot jegange, nichts vom Festhalten am Alten, nichts von: Weiter so. Weiter ja, aber nicht so, sondern anders. Weiter ja, aber in eine andere Richtung.
Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wer so spricht, befindet sich in einer fast ausweglosen Situation, befindet sich in einer Krise. Vor dem drohenden Aus retten nur neue Wege. In genau einer solchen Krise ist das Wort der Jahreslosung zum ersten Mal gesprochen und geschrieben worden. Im Jahr 70 nach Christus zerstören römische Soldaten unter ihrem Kaiser Titus den Tempel in Jerusalem rauben alle wichtigen Kultgegenstände. Lediglich eine Tempelwand bleibt erhalten, die heutige Klagemauer. Auf dem Forum Romanum in Rom steht ein gut erhaltenes prächtiges Triumphtor: der Titusbogen. Hier sieht man in Stein gehauen die Szene, wie der große siebenarmige Leuchter aus dem Jerusalemer Tempel fortgetragen wird. Damit ist das jüdische Glaubenszentrum zerstört, und es gibt keine zentrale Opferstätte mehr. Israel hört auf, als Staat zu existieren, die Zerstreuung des Volkes beginnt. Viele Völker haben im Lauf der Geschichte die Erfahrung machen müssen: Wir haben nicht nur keine bleibende Stadt, sondern auch keinen bleibenden Staat.
Kein Weiter-so-wie-bisher also, sondern nur Neuanfang bietet Zukunft. Diese Möglichkeit des Neuanfangs ist für den Verfasser des Hebräerbriefs unmittelbar mit Jesus Christus und mit Gott verknüpft. Dazu erinnert er an ein altes Trostwort aus den Psalmen (Hebräer 13, 6):
Sprecherin: Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten. (Psalm 118,6)
Autor: Gott ist ein verlässlicher Zukunftsbegleiter. Dieses alte Bibelwort wird hier zum Wegweiser in die Zukunft. Das ist typisch für das hebräische Denken. Wenn wir heute in Deutschland an Zukunft denken, dann ist dieser Begriff wesentlich durch das Denken der antiken Griechen geprägt. Und danach kommt uns die Zukunft von vorne entgegen. Im hebräischen Denken hingegen überholt uns die Zukunft aber sozusagen von hinten. Nur wer auch nach hinten schaut und sich Rechenschaft gibt über das eigene Handeln in der Vergangenheit, über Fehler und Schuld, nur dem wird ein wirklicher Neuaufbruch möglich sein.
Doch nicht nur, um Fehler zu erkennen, blicke ich zurück, sondern auch, um in den Schriften der Bibel zu lesen, was das Fundament für einen wirklichen Neuanfang sein kann. Ein Neuanfang der mehr ist, als ein Wiederanknüpfen ans Alte. Und der über das Finden von neuer Heimat hinausgeht. Der Verfasser des Hebräerbriefes nennt Beispiele für einen gelingenden Neuanfang, die alles andere als von gestern sind.
Sprecherin: Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, denn auf diese Weise haben einige Engel beherbergt, ohne es zu merken. (Hebräer 13,2)
Autor: Ich denke dabei an Flüchtlinge und Asylbegehrende, die in unseren Städten ihre neue Stadt suchen, denke an behördliche und bürokratische Hürden, an denen sie scheitern, denke an Sätze wie Das Boot ist voll oder Wir können nicht allen helfen.
Sprecherin: Denkt an diejenigen, die im Gefängnis sind. Fühlt mit ihnen, als wärt ihr selber dort. Teilt das Leid derer, die misshandelt werden, als würdet ihr ihren Schmerz am eigenen Körper fühlen. (Hebräer 13,3)
Autor: Ich denke dabei an Lager für politische Gefangene, auch in unserer westlichen Welt, und an die dort praktizierten und dokumentierten Foltermethoden, denke zugleich an die Arbeit von Amnesty international und vielen kirchlichen Gruppen, die sich für diese Unterdrückten einsetzen.
Sprecherin: Hängt euer Herz nicht ans Geld und begnügt euch mit dem, was ihr habt. (Hebräer 13,5)
Autor: Ich denke dabei an gierige Aktienspekulationen, an Hedgefonds, an Geldvermehrung und billige Waren um jeden Preis. Und an die Näherinnen in den Billiglohnländern, die bei Bränden in den Fabriken ums Leben kommen, an Kinder, die arbeiten, statt zur Schule zu gehen, an die gerodeten Wälder und Monokulturen, die Artenvielfalt zerstören. .
Sprecherin: Jesus litt und starb außerhalb der Stadttore.
Lasst uns deshalb zu ihm hinausgehen, vor das Lager. (Hebräer 13,12f)
Autor: Wo stehe ich, frage ich mich: Draußen bei Jesus oder im warmen Lager? Irgendeinem Lager gehört jeder Mensch an. Unser Einkommen und unser Besitz oder auch Nicht-Besitz stellt uns in ein bestimmtes Lager. Mit unserer religiösen Überzeugung und unserer Frömmigkeit stehen wir in einem bestimmten Lager; Gleiches gilt auch für die Kirchen mit ihren Dogmen und Abgrenzungen. Und durch unsere politischen Ansichten ordnen wir uns einem bestimmten Lager zu. Lasst uns hinausgehen
vor das Lager. Und unsere Grenzen überwinden.
Sprecherin: Haltet die Ehe in Ehren. Und bleibt einander treu. (Hebräer 13,4)
Autor: Ich denke an all jene Frauen und Männer, die unter Gleichgültigkeit oder Unzuverlässigkeit und Untreue leiden. Die sich nach einer tragfähigen Beziehung sehnen. Mit oder ohne Trauschein gilt: Und bleibt einander treu.
3. Musik Israel IZ KamakawiwoOle: Over the Rainbow / What a Wonderful World,
Autor: Bleibt einander treu. Das wünschen wir oft Brautpaaren bei der Trauung. Der Pastor und Professor aus Jena, Klaus Peter Hertzsch, schrieb seiner Patentochter zur Trauung dieses Lied:
4. Musik kurz freistehend, dann overvoice: Gundlach, Andreas (Interpret): Predigt ohne Worte, Track 11 Vertraut den neuen Wegen II, haenssler CLASSIC, (C) 2007. LC 06047. 1:52-3:47 Klavier
Sprecherin: Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen,
weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.
(Text: Klaus Peter Hertzsch 1989, EG 395,1)
Autor: Die Worte des 1989 eigentlich für eine Trauung geschriebenen Liedes entsprachen so sehr dem Lebensgefühl vieler Menschen in der DDR jenes Jahres, dass es rasch vervielfältigt, von Hand zu Hand weitergereicht und sozusagen im Handumdrehen zur kirchlichen Mutmach-Hymne der Wendezeit wurde. Auch im Westen wurde es bald bekannt und wird bis heute geliebt und oft angestimmt. Vertraut den neuen Wegen, für mich ist das ein dichterischer Kommentar zur Jahreslosung. Vertraut den neuen Wegen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt: Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen ein gutes, ein für Sie und durch Sie Neues bringendes Jahr 2013. Ihr Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche aus Münster.
5. Musik = 2. Musik Scorpions: Wind of Change oder 3. Musik Israel IZ KamakawiwoOle: Over the Rainbow / What a Wonderful World
1 Gedichte aus Erich Kästner: Gedichte; Frankfurt am Main, 5. Auflage 1992, Seite 405 und 501; Atrium Verlag, Zürich.
Bibelzitate: Übersetzung Neues Leben.
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