Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.12.12; Präses Annette Kurschus

Eine Geschichte, die die Welt bewegt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater,der uns tröstet, wie einen seine Mutter tröstet,und von Jesus Christus, unserm Herrn.

Horst Haase / Lektor: Lesung des Predigttextes
Als Predigttext hören wir den zweiten Teil der Weihnachtsgeschichte: Lukas 2,15-20
Als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: „Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Predigerin:
Predigt Teil I

Liebe Gemeinde, der Heilige Abend ist vorbei. In den Familiengottesdiensten gestern Nachmittag haben die Kleinen ihre Krippenspiele aufgeführt; in den Christvespern bei anbrechender Dunkelheit waren die Kirchen bis zum allerletzten Platz gefüllt; und später, in der Nacht, haben sich viele noch einmal zur Christmette aufgemacht.
Etliche haben vor dem Fernseher oder am Radio Gottesdienste mitgefeiert, weihnachtliche Musik gehört.

Vielleicht war es für manche ganz anders als sonst. Zum ersten Mal mit einem eigenen Kind, zum ersten Mal ohne den geliebten Menschen, zum ersten Mal ganz allein, zum ersten Mal an einem neuen Ort, zum ersten Mal im Krankenhaus.

Als Kind war für mich der Weihnachtsmorgen immer seltsam ernüchternd. Das Wohnzimmer, am Abend zuvor vom wärmenden Kerzenschein des Weihnachtsbaums erhellt, wirkte im anbrechenden Tageslicht wie entzaubert. Die Geschenke ausgepackt; die bunten Teller geplündert; die Kerzen heruntergebrannt. Heute ist Weihnachten – und doch scheint der erste Glanz für viele bereits vorbei. Jetzt stehen die Besuche in der Familie an. Hin und her in den Häusern. Für manche mit langen Autofahrten oder Zugreisen verbunden. Für andere mit aufwändigen Vorbereitungen in der Küche. Viele bleiben allein. Und Einsamkeit mag an diesem Weihnachtsmorgen schwerer auf der Seele lasten als sonst.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren..., heißt es in der Weihnachtsgeschichte.

Es ist, als beschreibe dieser Satzbeginn eine Atmosphäre der Ernüchterung: Der Engelsgesang ist verklungen. Die Himmelserscheinung verblasst. Der Glanz auf dem Feld von Bethlehem ist verblichen. Die hellen Boten Gottes haben den Rückzug angetreten.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren...:
Es ist, als beschreibe dieser Satzbeginn den heutigen Weihnachtsmorgen.

Und das Schöne ist: Zwar sind die Engel weg, doch jetzt geht es erst richtig los!

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist...

Als die Ältesten unter uns Kinder waren, wurde diese Geschichte schon erzählt. Und wenn die Jüngsten unter uns alt sein werden, erzählen sie ihren Enkeln diese Geschichte hoffentlich immer noch. Keine andere Geschichte ist so bekannt. Keine andere Geschichte ist mit so vielen Erinnerungen und Sehnsüchten verbunden. Genau vor einem Jahr feierte ich im Gefängnis Weihnachtsgottesdienst. Die Häftlinge unterschiedlichster Herkunft lasen die biblische Weihnachtsgeschichte vor. Erst las sie einer auf russisch, dann ein anderer auf spanisch, einer auf italienisch, einer auf albanisch... – jeder in seiner Sprache.  Und die anderen hörten gebannt zu.  Diese Geschichte klingt in jeder Sprache wunderschön. Sie ist überall zu Hause. Sie bewegt die Welt. Sie öffnet Menschen das Herz und macht ihnen Beine.

Da öffnet sich der Himmel über einem dunklen Feld. Da spricht ein Bote Gottes ganz gewöhnliche Hirten an. Menschen, die sonst immer bei den Letzten sind; Nomaden, Umherziehende ohne feste Heimat,  immer wieder vertrieben von den Sesshaften; die im Dunkel bleiben und nie groß raus kommen. Ausgerechnet die sind die ersten, die es erfahren. Die wichtigste Botschaft für die ganze Welt wird zuallererst ihnen anvertraut: Euch ist heute der Heiland geboren. Die Weihnachtsgeschichte durchbricht alle gesellschaftlichen Regeln und Rangordnungen.

Sie macht die Kleinen groß. Verleiht den Unscheinbaren Glanz. Lässt die Sprachlosen erzählen. Gibt den Außenseitern eine Schlüsselrolle. Vielleicht wären ihre Hauptakteure heute die, die sich vergessen fühlen oder an den Rand gedrängt sind: Hartz-IV-Empfänger, Menschen, die aus ihrer Heimat nach Europa flüchten mussten, oft unter gefährlichen Umständen, Jugendliche ohne Schulabschluss.

Den Hirten beginnt das Herz höher zu schlagen. Solche Achtung, solches Ansehen haben sie noch nie erfahren. Noch nie haben sie ihre Würde so deutlich gespürt.
Noch nie wurde ihnen etwas derart Großes anvertraut.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist...

Sie gehen los, die Hirten. In freudige Bewegung versetzt. Aus Randfiguren sind sie zu wichtigen Botschaftern geworden. Nichts hält sie mehr auf dem dunklen Feld. Die Engel sind wieder in den Himmel entschwunden – ja. Aber ihre Verheißung haben sie auf der Erde gelassen. Die ist seitdem nicht mehr aus der Welt zu bringen. Den Hirten damals hat sie Beine gemacht. Für sie ging es jetzt erst richtig los. Wem eine wichtige Aufgabe zugetraut wird, der spürt plötzlich neue Kraft. Wer sich angesehen und wichtig genommen weiß, gewinnt neuen Lebensmut. Sie laufen. Und es ist, als zögen sie uns mit auf ihren Weg zum Stall.

Ein bekanntes Weihnachtslied setzt unser gemeinsames Laufen eindrucksvoll in Töne: 

Orgelmusik

Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun,
kommet, das liebliche Kindlein zu schaun.
Christus, der Herr, ist heute geboren,
den Gott zum Heiland euch hat erkoren.
Fürchtet euch nicht!

Kommen und schauen. Gehen und sehen.
Gott lässt nicht nur von sich hören – er lässt sich auch sehen in unserer Welt!
Das ist die besondere Botschaft zu Weihnachten.

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, erzählt die alte Geschichte von den Hirten.

Ich frage mich: Was gab es da eigentlich für sie zu sehen, in Bethlehem? Nüchtern betrachtet, nicht viel. Jedenfalls nichts, was imponiert und überzeugt. Nichts, was beim ersten Anblick in Begeisterung versetzen oder gar zum Glauben führen könnte. Zu sehen gab es einen Stall, einen Futtertrog, ein neugeborenes Kind und dessen Eltern.
Wären da nicht zuvor die Engel auf dem Feld gewesen; hätten sie nicht mit ihrem Gesang Gott gelobt und den Frieden auf der Erde verkündet; gäbe es nicht die Worte: Fürchtet euch nicht, ... denn euch ist heute der Heiland geboren! – dann wäre da für die Hirten wirklich nicht viel zu sehen.

Der Stall, die Krippe, das Kind – darin können sie nur deshalb den Retter der Welt erkennen, weil sie zuvor die Botschaft der Engel gehört haben.

Musik: Carl Rütti, “I wonder as I wander” für Chor und Instrumente

Predigerin:
Predigt Teil II
Hören und sehen – sehen und hören: Ganz eng hängt beides zusammen. Eins ist auf das andere angewiesen.

Oft ist es kaum in Einklang miteinander zu bringen: Das, was wir hören – und das, was wir zu sehen bekommen. Was die Engel auf dem Feld bei Bethlehem singen und sagen vom Frieden auf Erden, scheint weit weg von dem, was wir in der Zeitung lesen und im Fernsehen verfolgen. Gerade zu Weihnachten macht dieser Gegensatz vielen Menschen schwer zu schaffen.

Wie geht es den Hirten in der vertrauten Weihnachtsgeschichte? Erstaunlich: Sie scheinen keinen Moment darüber nachzugrübeln, wie ihr Alltag mit der göttlichen Geschichte zusammenpassen könnte. Kein Zögern, kein Fremdeln, kein kritisches Fragen. Die Hirten waren einfache Leute. Mit Schwielen an den Händen, aber gewiss nicht auf dem Gemüt. Wer wenig Rechte hat und nichts besitzt, ist aus traurigem Grund besonders empfindsam für die Ungerechtigkeiten und Missverhältnisse im Leben. Die Hirten hatten genug Grund zum Grübeln und Zweifeln und Klagen. Aber sie taten etwas anderes. Gott sei Dank! Andernfalls wüssten wir heute nichts von jener wunderbaren Geschichte.
Durch Zaudern und Diskutieren wäre sie nicht bis zu uns gelangt.

Die Hirten tun etwas sehr Schlichtes: Sie bringen das, was sie gehört und gesehen haben, unter die Leute. Erzählen es weiter. So unglaublich es ist. Die Hirten ahnen: Was wir hier erlebt haben, dürfen wir nicht für uns behalten. Das muss in die Welt.

Was vorher die himmlische Sache der Engel war, machen nun die Hirten zu ihrer irdischen Angelegenheit. Die Ehre Gottes in der Höhe kann und will nicht ohne den Frieden für die Menschen auf der Erde bleiben.

Sie kehrten wieder um, heißt es von den Hirten. Sie gingen zurück in ihren Alltag. Dahin, woher sie gekommen waren. Dahin, wo sich die raue Wirklichkeit vermutlich empfindlich rieb mit dem, was sie soeben vom Frieden, von den Menschen des göttlichen Wohlgefallens und dem Retter der Welt gehört hatten. Und genau da: Wo es sich rieb; wo es überhaupt nicht zu passen schien; da, wo sie vielleicht ausgelacht wurden deswegen – genau da erzählten sie, was sie gehört und gesehen hatten.

Die uralte Geschichte. Als die Ältesten unter uns Kinder waren, wurde diese Geschichte schon erzählt. Und wenn die Jüngsten unter uns alt sein werden, erzählen sie ihren Enkeln diese Geschichte hoffentlich immer noch. Keine andere Geschichte ist so bekannt. Sie ist überall zu Hause.

Diese Geschichte birgt ein tiefes Geheimnis. Darin liegt ihre unerschöpfliche Kraft. Sie erzählt von einem unerklärlichen Wunder. Was wir hören und was wir sehen, passt in dieser Geschichte nicht zusammen. Wir werden die Geschichte nie begreifen. Ihr Geheimnis nie lüften. Ihren Schatz nie heben.

Gerade darin ist sie eine Rettungsgeschichte.Eine Geschichte, mit der alles anders geworden ist. Uns weit voraus. Unserem menschlichen Planen und Machen entzogen.
Eine Geschichte der Hoffnung für die ganze Menschheit.

Vor wenigen Tagen erhielt ich mit der Weihnachtspost eine besondere Karte. Die Krippendarstellung eines niederländischen Meisters ist darauf zu sehen. Mit allem, was dazu gehört: Ein Stall, in der Mitte das Kind im Futtertrog, Maria und Josef, die Hirten, der Ochse und der Esel – alle andächtig um das Neugeborene versammelt. Auf die Rückseite der Karte hatte ein alter Freund geschrieben: „Vorne in der Mitte ist noch ein Platz für Dich. Mit welchem Gesicht Du in diesem Jahr das Kind anschaust, sieht nur das Kind allein.“

Diese alte Geschichte – mir buchstäblich auf den Leib geschrieben. Für Sie, die Sie heute Morgen in die Neustädter Marienkirche gekommen sind; für Sie, die Sie von zu Hause aus oder unterwegs im Auto oder an einem ganz anderen Ort mit uns Gottesdienst feiern, ist auch ein Platz an der Krippe. Vorne rechts vielleicht. Oder etwas weiter links. Oder hinten in der Mitte. Neben Maria. Oder zwischen den Hirten. Ja: Diese alte Geschichte erzählt auch von Ihnen und mir. Kein Mensch auf der Erde, der nicht einen Platz in ihr hätte. Um unser Leben geht es in der Weihnachtsgeschichte. Seit sich der Himmel damals über dem dunklen Feld von Bethlehem öffnete, liegt auch auf Ihrem und meinem Leben ein Glanz. Nichts und niemand kann ihn mehr wegnehmen. Auch für uns hat der Engel seine Botschaft auf der Erde gelassen: Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Seit der Bote Gottes den Hirten das sagte, ist im Leben der Menschen nichts ohne Hoffnung.
Nichts muss so bleiben, wie es ist.  Alles kann neu werden, in Bewegung geraten.

Wer diese Geschichte ernst nimmt, kann nicht mehr sagen:
„Krieg wird es immer geben.“
Oder:
„Mein Leben ist verpfuscht.“
Oder:
„Dein Leben ist nichts wert.“
Wer diese Geschichte hört, ist unwillkürlich in sie verwickelt.
So wie wir heute Morgen.

Nehmen Sie den Glanz dieser Geschichte mit dahin, wo Sie heute und morgen Weihnachten feiern. Nehmen Sie auch all das mit, was nicht zusammen passt. Das Erschrecken.
Und das Staunen. Und das Unbegreifliche.

Lasst uns nun gehen ... und die Geschichte sehen, die da geschehen ist. Auch für uns. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort


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