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Und das nicht nur Weihnachtszeit
Autorin: Mit Religion hatte ich bisher nur an Weihnachten zu tun. Das können bei uns immer mehr sagen. Denn Religion gehört bei vielen Menschen nicht mehr zum Alltag.
Aber an Weihnachten da beschleicht manchen der religiös Unerfahrenen der Gedanke: Vielleicht glaube ich doch irgendwie. Was ist das eigentlich, was mich an Weihnachten so bewegt? Einen guten Weihnachtsmorgen wünscht Ihnen Gudrun Mawick, Pfarrerin an der westfälischen Arbeitsstelle für Gottesdienst und Kirchenmusik in Schwerte-Villigst.
1. Musik: Ding dong! Merily on high (trad. 16. Jh.) Nr. 7 aus CD Sternstunde (Ensemble 23.12), genuin Musikproduktion 2002, Eckhardskirche Bielefeld, Tonmeister: Alfredo Lasheras Hakobian. (ohne LC)
Autorin: 46%1der Deutschen gehen Weihnachten in die Kirche, an normalen Sonntagen sind es gerade mal drei. Was ist dran an diesem Fest, dass die Kirchen voll sind? Mit denen, die immer kommen, mit denen, die ihren Glauben sonst ohne den Besuch von Gottesdiensten leben und mit denen, die überhaupt nicht oder nur manchmal oder ein bisschen an Gott glauben. Ist das religiöse Bedürfnis, das ich gerade an Weihnachten spüre, vielleicht ausbaufähig? Also auch sonst alltagstauglich? Diese Fragen stellt sich der Hamburger Journalist Till Raether im Weihnachtsdossier einer Frauenzeitschrift.
Sprecher: Zitat Raether (aus Brigitte 25/14.11.12, S. 95) Merkwürdig, wie selten wir Gott begegnen. Wir hören von ihm, wenn Fanatiker in seinem Namen Unheil stiften, oder jetzt, wenn wir ihn und seinen Sohn zu Weihnachten geistesabwesend besingen, ohne groß auf den Text zu achten, weil alle in Gedanken beim Essen oder beim Familienstreit sind.2
Autorin: Eine schmale Gottesbilanz ist das, ohne jede eigene Entscheidung oder Aktivität. Und sie macht den Journalisten, der weder katholisch noch evangelisch ist - auch nicht zufrieden. Ist da nicht doch mehr Gottesbedürfnis oder zumindest mehr Sehnsucht nach ja was eigentlich? Er spricht mit anderen darüber:
Sprecher: Zitat Raether (aus Brigitte 25/14.11.12, S. 95) Die meisten Menschen, die ich kenne, haben eher eine vage Sehnsucht, an so etwas wie eine überirdische Instanz zu glauben. Vielleicht im Sinne des englischen Schriftstellers Julian Barnes, der gesagt hat: ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn. Viele Freunde und Kolleginnen, mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe, sagen aber auch, sie würden an Gott glauben oder an einen Gott oder irgendwie schon etwas glauben, niemand davon gehört aber aktiv zu einer christlichen oder anderen Religionsgemeinschaft; die meisten Menschen aus meiner Welt leben mit einer Art selbst gemachtem Kinderglauben.
2. Musik: Es wead scho glei dumpa, Track 12 von CD Weihnacht, Quadro Nuevo, Andreas Hinterseher, Diemtar Lowka, Mulo Francel, Robert Wolf. GLM Music GmbH, 2008 Fine Music, LC 11188.
Autorin: Über das Irgendwie, über so ein unbestimmtes Gefühl kommen viele nicht hinaus. Man sucht sich was zusammen im großen Angebot der Religionen: Da trifft Ehrfurcht vor den Wundern der Natur auf Interesse für die Lehren des Buddha, man meditiert oder besucht ein Kloster - und am Ende entsteht die ganz persönliche Patchworkreligion. Die Auswahl ist groß. Nicht nur an Glaubensmöglichkeiten und Religionen, sondern an allem. Als ich Kind war, gab es gerade mal drei Fernsehprogramme. Und heute? Hunderte. Für alle gibt es Publikum. Alles wird immer vielfältiger und mehr. Vieles davon hat mit der Globalisierung zu tun, dass wir einfach immer mehr aus aller Welt mitkriegen und wissen. Wir müssen uns ständig entscheiden, auswählen. Und meist wählen wir ein bisschen von allem. Bei aller Auswahl - als Christin gibt es für mich klare Orientierungspunkte: Zum Beispiel Weihnachten. Das Fest, an dem Gott, der alles geschaffen hat, sich festlegt:
Sprecherin: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. (Johannes 1,1+14 Lutherbibel 1984)
Autorin: Gott wird als kleines Kind in einer notdürftigen Unterkunft in der Provinz geboren. Was für eine Entscheidung. Gott wird Mensch. Und das wird zum Weltereignis. Weil es weitererzählt und geglaubt wird in der damals bekannten Welt. Der unauffällige Stall von Bethlehem ist der Anfang der globalen Religion des Christentums. Denn der göttliche Mensch, der menschliche Gott, der Jude Jesus wird bedeutsam für den Glauben von Menschen rund um das ganze Mittelmeer. Und später weit darüber hinaus. Er ist es, der allen Völkern den Zugang zum Gott des jüdischen Volkes öffnet. Schon gleich nach seiner Geburt wird dies besungen, vom Priester Zacharias, der zu Gott in einem Lied betet:
3. Musik: Maria durch ein Dornwald ging, Track 1 von CD Weihnacht, Quadro Nuevo, Andreas Hinterseher, Diemtar Lowka, Mulo Francel, Robert Wolf. GLM Music GmbH, 2008 Fine Music, LC 11188.
Sprecherin:
meine Augen, Gott, haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volks Israel. (Lukas 2,30f Lutherbibel 1984)
Autorin: Das Christentum wurde zur großen Religion des Abendlandes, weil es viele der erfolgreichsten Elemente anderer antiker Religion in sich vereinte. Und weil es ein Glaube war, der nicht an eine bestimmte Nation gebunden war. Der Gott der Juden faszinierte auch viele Griechen und Römer. Viele Stationen des Lebens Jesu tragen Züge von anderen antiken Helden: dass er als Sohn einer Jungfrau geboren wurde zum Beispiel. Auch Wunder und besondere Heilungen wie sie von Jesus erzählt werden gab es in anderen Kulten. Die theologischen Briefe des Apostels Paulus undenkbar, dass sie ohne die griechische Philosophie entstanden wären. So ist das Christentum selbst eine Patchworkreligion in der globalisierten Welt des damaligen römischen Reiches. Doch diese erfolgreichen Elemente antiken Glaubens, die sich im christlichen Glauben sammeln, sie haben mit Weihnachten einen gemeinsamen Anfang: Gott ist Mensch geworden. Und das Christentum hat im Leben aller, die sich zu Jesus als Sohn Gottes bekennen, einen gemeinsamen Anfang: die Taufe.
Sprecherin: Als wir getauft wurden, sind wir durch den einen Geist alle Teil eines einzigen Leibes geworden egal ob wir Juden oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen waren. Und wir sind alle von dem einen Heiligen Geist durchtränkt worden. (1. Kor. 12, 13, Basisbibel):
4. Musik = 3. Musik Maria durch ein Dornwald ging
Autorin: Einmal klingelte es in der Adventszeit an meiner Haustür. Ich war damals in Hagen Gemeindepfarrerin. Vor der Tür stand eine muslimische Frau. Die Mutter eines Kindes, das in unseren evangelischen Kindergarten ging. Sie trug mehrere große Kerzen im Arm und sagte: Ich möchte diese Kerzen für unsere Kirche spenden. Wir haben doch hier in unserem Ortsteil keine Moschee. Aber es ist mir wichtig, dass Sie immer in der Kirche beten. Sie beten doch für uns alle hier. Mich hat diese Geste tief bewegt. Diese Frau hat dem Glauben unserer Gemeinde etwas zugetraut für den ganzen Stadtteil - auch wenn es nicht ihr eigener Glaube ist. Mit den Kerzen wollte sie das Gebet eines fremden Glaubens unterstützen.
Es ist gut zu wissen und sich daran zu erinnern, dass da welche sind, die glauben, meint Till Raether:
Sprecher: Zitat Raether (aus Brigitte 25/14.11.12, S. 98/99) Weil man dann nicht mehr so allein ist. In Amerika haben vor etwa 100 Jahren die Mitglieder des Gideonbundes angefangen, in Hotels Bibeln auszulegen. Und auch wenn ich nicht daran glaube, was in dieser Bibel steht, dann tröstet mich doch, sie in der Nachtischschublade eines Hotels zu finden, in dem ich niedergeschlagen und voller Heimweh bin. Weil sie mir zeigt, dass unzählige andere genau den gleichen Trost gebraucht haben wie ich, allein dadurch, dass ich für Momente bereit bin, in diesem leicht schmierigen Exemplar zwischen Minibar und fest installierter Fernbedienung nach etwas zu suchen, macht mich für Augenblicke zum Teil einer Gemeinschaft, und das tröstet.
5. Musik: Joy to the world (arr. Dave Brubeck),mit Dave Brubeck, Matt Brubeck, Paquito d´Rivera, Yo Yo Ma Nr. 3 der CD Yo-Yo Ma &Friends, Songs of Joy& Peace, LC 06868
Autorin: Hier zeigen sich die Grenzen der selbstgemachten Patchworkreligion. Denn die Gemeinschaft gehört zum gelebten Glauben dazu. Vielleicht gehen Weihnachten so viele in den Gottsdienst, weil die Kirchen dann voll sind. Da sind viele, die nur manchmal und irgendwie oder gar nicht glauben. Und da sind alle, die sonst auch zur Kirche gehen. Die bunte Schar der Weihnachtschristen, darunter viele Selbstbastler. Und vielleicht geschieht dann etwas, was Till Raether erlebt hat, als er an einem Kommunionsgottesdienst teilnahm:
Sprecher: Zitat Raether (aus Brigitte 25/14.11.12, S. 95) Neben mir in der Kirchenbank saß eine ältere Dame, die nicht zu unserer Festgesellschaft gehörte. Dies erkannte man nicht zuletzt daran, dass sie bei allen Liedern voll Inbrunst und mit zwar brüchiger, aber auch geübter Stimme mitsang. Und daran, wie innig und leidenschaftlich sie die mir fremden Gebete sprach. Ich betrachtete sie aus dem Augenwinkel, während ich so tat, als würde ich mit den Händen, Knien und meiner Kopfhaltung etwas im weitesten Sinne Religiöses tun, und ich wurde bei ihrem Anblick von einer seltsamen Rührung überfallen: Wie schön musste es sein, so glauben zu können, so sehr Teil von etwas zu sein, das größer ist, als man selbst. Und wie schön es schon allein war zu sehen, wie jemand bereit war, mit Ritualen, Gesten und Gesang auszudrücken, dass es etwas gibt, was weit über den vergänglichen Alltagskram hinausgeht. In mir mischten sich Gottes-Neid und Glaubensrespekt, und gegen Abend lösten sie sich auf in einer leichten Sehnsucht
So nah bin ich Gott vielleicht noch nie gewesen.
Autorin: Ich denke, hier hat der Journalist gespürt: Der Glaube ist ein Geschenk. Natürlich gibt es auch etwas zu üben und zu lernen für den Glauben. Doch das ist keine Garantie. Und so bleibtder Glaube ein Geschenk. Und das atmen alle unsere Festrituale: die Weihnachtsgeschenke, die festliche Geselligkeit, das Gedrängel beim Gottesdienst mit Krippenspiel. Ob ich glaube oder nicht, Weihnachten kommt die Sehnsucht, beschenkt zu werden ans Licht. Und der Wunsch, dass mich dies im Leben, mitten in meinem Alltag trägt. Die ersten Christinnen und Christen haben ihre Erfahrungen mit Gottes entschiedenem Weihnachtsgeschenk in einem Brief festgehalten:
Sprecherin: Was wir gehört haben. Was wir mit eigenen Augen gesehen haben. Was wir angeschaut und mit eigenen Händen berührt haben. Darum geht es: Um das Wort, das Leben bringt. Denn das Leben selbst ist sichtbar geworden, und wir haben es gesehen. Wir sind Zeugen dafür und verkünden es euch: Es ist das ewige Leben, das beim Vater war und für uns sichtbar wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch. Dadurch sollt auch ihr mit uns verbunden sein. Und mit uns verbunden zu sein, heißt zugleich: Mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus verbunden zu sein. Dies schreiben wir, um unsere Freude vollkommen zu machen. (1. Johannesbrief, 1,1-4 Basisbibel)
Autorin: Mit Religion hatte ich bisher nur an Weihnachten zu tun
Ich wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, dass Sie viel mit Religion zu tun haben und das nicht nur an Weihnachten. Frohe Weihnachten wünscht Ihnen Pfarrerin Gudrun Mawick aus Schwerte.
6. Musik =5. Musik: Joy to the world
1 Statista 2012 www.statista.com 2 Zitate von Till Raether aus Brigitte 25/14.11.12. Weihnachtsdossier.
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