Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.12.12; Pastor Christoph Neumann

Propheten

Nun sind die Festtage wieder vorbei. Obwohl ich gerne feiere, bekommt mir nicht jedes Fest. Wieder ist danach ein Kilo mehr auf der Waage.

Der Gürtel drückt. Und der Magen meldet Unbehagen. Und aus dem Kopf kommt ein Brummen. Deshalb hat ein kluger Kopf gesagt: „Nichts ist schlechter zu ertragen, als eine Reihe von Feiertagen“ .Und ein anderer hat auch schon die Lösung parat und meint: „Wenn es am besten schmeckt, soll man aufhören“. Doch das ist leichter gesagt als getan. „Genug ist nie genug. Genug kann nie genügen“ hat Konstantin Wecker einmal gesungen. Und damit daran erinnert, dass in uns immer wieder die große Angst steckt, zu kurz zu kommen. Die Angst, dass morgen die Regale leer sind und die Sorte Wein, die wir lieben, morgen nicht mehr da ist. Und die älteren Zeitgenossen, die den 2. Weltkrieg noch erlebt haben, wissen, wie schlimm das sein kann, wenn es nichts mehr zu kaufen gibt. .Es müsste schon einen guten Grund geben, früh genug  aufzuhören, damit man am Schluss nichts bereuen muss. Doch manchmal kann man einen solchen Grund finden.

Wir sind eingeladen. Ein festliches Menü. Das vorher lebhafte Gespräch ist etwas ruhiger geworden. Das ist ein gutes Zeichen. Augenscheinlich schmeckt es allen. Nach einiger Zeit sagt einer der Gäste, während er sich den Mund mit der Serviette abwischt:  So, jetzt muss ich aber aufhören. Es muss ja noch etwas Platz bleiben, wie ich das dem ‚kleinen Propheten’ hier entnehme". Und lächelnd hebt er dabei den Dessertlöffel hoch. "Ja“, sagt die Gastgeberin, das ist keine schlechte Idee. Es gibt noch 'was Gutes zum Nachtisch."Mit dieser Voraussage nahm die Mahlzeit ihren Lauf und endete in der Tat mit einem Leckerbissen von Nachtisch.  Es ist also gar nicht so schlecht, wenn man diese "kleinen Propheten" beachtet und sich darauf einstellt. Dann hat man für den süßen Schluss noch Platz. Den richtigen Propheten, von denen uns in der Bibel erzählt wird, ist es da ja meistens ganz anders ergangen. Oft genug wurden sie übersehen und überhört.  Das lag sicher daran, dass diese Männer und Frauen manchmal sehr unangenehme Dinge ausgesprochen haben. Und was unangenehm ist, möchten wir nicht gerne hören.  Allerdings gaben manche von ihnen auch sehr angenehme Ausblicke. Zum Beispiel der Prophet Jeremia, der eine üppige Zukunft  ansagte.

Sprecherin: „Die Menschen werden sich freuen über Getreide, Wein, Öl und junge Schafe und Rinder, so dass ihr Leben wie ein wasserreicher Garten sein wird und sie nicht mehr bekümmert sein sollen" (Jeremia 31, 12)

Eine Aussicht, die den Zeitgenossen des Propheten helfen sollte, nicht aus Angst vor einem Mangel schnell alles in sich hineinzustopfen, sondern maßvoll zu leben und zu genießen. Sich freiwillig zurück zu nehmen. So, dass man sich selbst etwas Gutes tut und zugleich seinen Mitmenschen im Blick zu haben. Als Christ glaube ich, dass Gott mein Schöpfer und Erhalter ist. Er ist der Gastgeber, und die Natur ist wie ein gedeckter Tisch an dem wir Jahr für Jahr sitzen. Ich jedenfalls möchte von dem "kleinen Propheten" auf dem Mittagstisch lernen, nicht nur in meinem Magen Platz für das Dessert zu lassen, sondern auch einen Freiraum in Kopf und Herz für eine versprochene  Zukunft.

Weil Christen der Überzeugung sind: ‚Es gibt noch was Gutes’, kann diese Vorfreude Raum schaffen für einen fröhlichen Lebensstil nach Maß meint Ihr Pastor Christoph Neumann aus Iserlohn.

Audiobeitrag Propheten


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