Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.12.12; Pastor Christoph Neumann

Engel

Auf dem Klavier im Wohnzimmer stehen sie wieder. Der eine frech und pummelig. Der andere nachdenklich und mit ernster Miene.

Zwei Engel, die wir einmal  geschenkt bekommen haben. Kein Weihnachten ohne Engel. Und nicht nur in unserem Wohnzimmer. In ungezählten Variationen waren sie auch in diesem Jahr wieder auf den Weihnachtsmärkten zu finden. Als Holzfiguren aus dem Erzgebirge. Als Tischdekoration oder Bettvorleger. Und meistens mit Flügeln.

Dass die Engel zu Weihnachten gehören, hat seinen Grund in den biblischen Geschichten rund um die Geburt Jesu. Da tauchen die Engel erstaunlich häufig auf. Zu Maria kommt ein Engel. Zu Josef. Zu den Hirten auf dem Feld und zu dem Priester Zacharias.  Allerdings ist ihre äußere Erscheinung dabei meistens weniger wichtig und von Flügeln ist nicht die Rede. Viel wichtiger ist dort ihre Aufgabe.

In der Bibel sind Engel Boten Gottes, die einen bestimmten Auftrag haben. So etwas wie dienstbare Geister, die anderen Menschen zu Hilfe kommen. Diese Boten können auch ganz normale Menschen sein, die zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Wie das passieren kann, will ich Ihnen aus eigener Erfahrung erzählen:

Es war ein trüber, schneeloser Dezembernachmittag. Die Bäume vor meinem Arbeitszimmer streckten ihre schwarzen Äste zum wolkenverhangenen Himmel. Draußen kehrte die Dämmerung ein. Weil ich bei meiner Arbeit am Schreibtisch nicht so recht weiterkam, beschloss ich, einen Besuch zu machen. Das wird mich auf andere Gedanken bringen, dachte ich. Ich gehe zu einem alten Ehepaar. Sie wohnen allein in ihrem Häuschen mit einem Garten. Vor ein paar Monaten hat der Mann eine neue Hüfte bekommen. Da will ich einfach  mal schauen, wie es ihnen geht.  Nach zwanzig Minuten stehe ich vor der Tür. Draußen ist es schon dunkel geworden. Die Tür öffnet sich, und als die Frau mich da stehen sieht, schlägt sie die Hände vor dem Gesicht zusammen und sagt. “Dass Sie gerade jetzt kommen. Sie hat Gott geschickt. Sie sind ein Engel“. Und als ich sie etwas irritiert ansehe, sagt sie: „Aber kommen Sie doch erst einmal herein“ Dann erzählt sie mir was passiert ist: „Da ist uns doch heute Nachmittag die Birne im Bad kaputtgegangen. Wir haben zwar eine Ersatzbirne da. Aber wir wissen nicht, wie wir die austauschen können. Mein Mann ist doch erst kürzlich an der Hüfte operiert worden und muss noch die Gehhilfe benutzen. Und ich darf auch nicht mehr auf die Leiter steigen. Das ist viel zu gefährlich. Unser Nachbar von nebenan, der uns schon mal hilft, wenn was zu machen ist, der kommt erst spät von der Arbeit. Und da waren wir in großer Not. Denn wir brauchen doch Licht im Bad und wussten schon nicht mehr, wen wir außer Gott noch um Hilfe bitten sollten. Und eine halbe Stunde später, da stehen Sie vor der Tür“ „Wenn das so ist“, sage ich, „will ich jetzt einmal Ihr Engel sein“, und steige die Haushaltsleiter hoch, die inzwischen im Bad steht. „Passen Sie trotzdem auf, dass Sie nicht herunterfallen“, ruft sie mir zu und lacht. Dann habe ich die Glühbirne ausgewechselt und wir haben uns ins Wohnzimmer gesetzt und eine Tasse Tee getrunken. Wie einfach das ist, denke ich auf dem Rückweg. Man muss nur einem  guten Gedanken, der einem kommt, nachgehen und ihn in die Tat umsetzen – und schon ist man ein Engel.

Auf solche plötzlichen Gedanken will ich künftig mehr achten.  Und wenn ich die Engel auf meinem Klavier im Wohnzimmer im neuen Jahr wieder in den Weihnachtskarton gepackt habe und draußen in den Schaufenstern keine weißen Gestalten mit Flügeln auf dem Rücken zu finden sind, machen sich immer wieder Menschen mit einem guten Gedanken auf den Weg.
Dass Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, dabei sind, wünscht Ihnen Ihr Pastor Christoph Neumann aus Iserlohn

Audiobeitrag Engel


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen