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Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, Die Nacht ist vorgedrungen - dieses Adventslied wurde im Dritten Reich geschrieben. Es stammt vom evangelischen Theologen Jochen Klepper, der in den 20er und 30er Jahren in Berlin lebte als evangelischer Journalist und Schriftsteller. Seine Titelzeile die Nacht ist vorgedrungen - lässt sich auch als Anspielung auf die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland lesen. Klepper und seine Familie waren, als dieses Lied 1938 entstand, von der brutalen Entrechtung durch die Nazis hautnah betroffen. Bereits 1933 war Klepper beim Berliner Rundfunk entlassen worden, weil er für die sozialdemokratische Zeitung Vorwärts gearbeitet hatte. Ins Visier der Nazis geriet Klepper zudem durch die Heirat mit der jüdischen Witwe Johanna Stein, die ihre beiden Töchter mit in die Ehe gebracht hatte. Die Familie Klepper, aber auch ihre jüdischen Freunde und Bekannten gerieten mehr und mehr in Bedrängnis. Jüdischer Besitz wurde beschlagnahmt, Juden wurden deportiert. Und doch ist sein Adventslied Die Nacht ist vorgedrungen auf Hoffnung gestimmt: Der Tag ist nicht mehr fern; Klepper bewahrte trotz zunehmender Repressalien gegen ihn selbst und gegen seine Familie lange die Zuversicht, auch wenn Schikanen und mit ihnen die Angst von Woche zu Woche zunahmen. Im Advent 1937 notierte Klepper in seinem Tagebuch: Die ernsten, ernsten Adventslieder: die sind mein Trost., aber ein Jahr später, im November 1938 schrieb er: Kein schwerer Gedanke, kein banges Gefühl, durch die man in diesen Tagen nicht hindurch muß.
Er arbeitete unter diesem öffentlichen und persönlichen Druck weiter als Schriftsteller. 1937 war ihm mit dem Roman Der Vater ein Beststeller gelungen. Klepper hatte mit Bangen und Hoffen intensiv daran gearbeitet, dass dieses Buch erscheinen konnte. Aber noch im selben Jahr erhielt er Berufsverbot.
Jochen Kleppers Stieftochter Brigitte konnte 1938 nach England ausreisen. Aber für ihn selbst und für seine Frau und Tochter Renate wurde die Lage immer auswegloser. Dem Ehepaar Klepper drohte 1942 die Zwangsscheidung; Die Verhaftung von Kleppers Frau Johanna und ihrer Tochter Renate stand unmittelbar bevor. Im Dezember vor 70 Jahren, im Advent 1942 wurde die letzte Hoffnung zunichte, Deutschland zu verlassen und der Deportation zu entgehen. So entschied sich die Familie Klepper, gemeinsam zu sterben. Man fand sie am Morgen des 11. Dezember 1942 tot in ihrer Wohnung.
Heike Börries: In Jochen Kleppers Adventslied ist die tiefe Hoffnung spürbar, dass das Grauen der NS-Zeit ein Ende findet, dass ihm und den Seinen eine Lebenschance bleibt: Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein. Viele, die dieses Lied singen, finden sich und andere in diesem Vers wieder. Der adventliche Trost, den die Erwartung des Weihnachtslichtes wecken will, scheint in dieser Liedzeile mächtig und einfühlsam auf. Dieses Licht soll alles Leid und alle Tränen versiegen lassen. Kleppers Hoffnung war vergeblich er selbst und die Seinen gingen gemeinsam in den Tod. Aber zugleich war seine Zuversicht kein Irrtum: Denn der Trost dieses Liedes überdauert die Spanne Leben, die ihm und den Seinen blieb.
Liedstrophen: EG 16, 2 u. 3: Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.
Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah
Heike Börries: Es ist über sechzehn Jahre her, als ich beim Brand im Düsseldorfer Flughafen meinen Freund verloren habe. Mit ihm starben im April 1996 sechzehn Menschen in Feuer und Rauch, viele weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Ich war in der Nacht seines Todes und in den Wochen danach allein und auf mich gestellt. Trotz der vielen Menschen um mich herum, die mir gerne helfen wollten, aber nicht wussten, wie. Darum weiß ich heute, was mir damals geholfen hätte: ein Mensch, der das Leiden und die Trauer kennt und der neben mir bleibt um zu ertragen, was ich ertragen muss. Der weiß, dass nicht alles wieder gut wird, sondern gut wird auf eine andere Weise. Irgendwann später. Heute bin ich selbst Mitarbeiterin in der Notfallseelsorge. Dass ich diese Aufgabe heute leisten kann, ist auch ein Vermächtnis dieses Menschen, den ich damals verloren habe. Durch ihn und das Durchleben der Trauer um seinen Tod fühle ich mich stark genug für die Begleitung von vermissenden Angehörigen und Hinterbliebenen. Seit dem Tsunami vom Dezember 2004 arbeite ich als Mitglied im Team der Notfallseelsorge mit. Auch nach dem Unglück auf der Duisburger Loveparade im Juli 2010 haben wir Betroffene und die Angehörigen der Opfer begleitet.
Uwe Rieske: Mitarbeitende der Notfallseelsorge wie Heike Börries, die zu unserem Team gehört, arbeiten bundesweit an der Seite von anderen Einsatzkräften aus den Feuerwehren und Rettungsdiensten. Sie gehen dort hinein, wo andere hinauslaufen. In diesen Lagen gilt besonders die Liedstrophe Jochen Kleppers: Nun hat sich Euch verbündet, den Gott selbst ausersah. Dies gilt nicht nur, wenn Menschen in den Tod getrieben werden wie die Familie Klepper. Überall dort, wo Menschen mitten aus ihrem Leben gerissen werden ohne Abschied und Vorbereitung und andere fassungslos zurückbleiben, ist es gut, wenn Angehörigen und Hinterbliebene nicht allein bleiben. Mitarbeitende der Notfallseelsorge gehen dort hin, wo Menschen nach einem Schicksalsschlag Hilfe und Orientierung brauchen. Sie bieten Begleitung an, Gespräche und können auch Schweigen, Zorn und Tränen aushalten. Sie helfen bei der ersten Orientierung und lassen Menschen nicht allein, wenn der Boden unter ihren Füßen sich auftut.
Und damit folgen sie wie die Hirten von Bethlehem Gottes Stern mitten im Advent. Denn dieser Stern weist auf Gottes Menschwerdung, die uns menschlich werden lässt und zueinander führt. Gott selbst, so zeigt es die Weihnachtsbotschaft, geht auch mitten hinein in unsere Welt. Genau dort, wo man ihn, wo man Gott am meisten braucht und am wenigsten erwartet, dort wird das Kind in die Krippe gelegt; nicht in einem Tempel erscheint Gott, nicht in einem Palast, sondern in einem armseligen Stall. Hier erfüllt sich die Hoffnung, dass Gott die Welt nicht im Dunkel lässt: Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.
Vor den Toren Bethlehems setzt Gott selbst ein Zeichen: Die Krippe dort im Stall wird zum göttlichen Zeichen seiner Nähe, des Vertrauens und der zerbrechlichen Schutzbedürftigkeit; ein Kind in der Krippe - dieses Zeichen macht die Welt nicht besser, aber es macht die Herzen menschlicher.
Heike Börries: Mein Herz wurde 1996 erreicht als ich es ganz besonders brauchte. Ein Pfarrer der Notfallseelsorge hat mir in der ersten, schweren Zeit geholfen. Ich war überrascht, dass die Kirche diesen Dienst und diese Zuwendung anbietet, ohne viel zu fragen. Ich hatte dies nicht erwartet. Es hat gut getan, dass ich mit meinem Leid und mit den tausend Fragen und mit den starken Gefühlen nicht alleine blieb. Ich habe Nähe gespürt und tiefes Mitgefühl und eine Kraft, die mir gut getan hat.
Liedstrophen: EG 16,4 u. 5: Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.
Uwe Rieske: Nähe anbieten, das Unannehmbare aushalten helfen das ist der Auftrag der Notfallseelsorge nach plötzlichen Todesfällen. Nicht selten fallen nach plötzlichen Unglücksfällen Sätze wie diese: Der ist Schuld oder die ist Schuld an diesem Unfall oder dafür soll er oder sie büßen. Solche Äußerungen sind verständlich, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Aber als Notfallseelsorger hören wir dies und verstehen den Schmerz, der darunter liegt; aber wir halten uns selbst bei Wünschen nach Sühne und bei Schuldzuweisungen zurück. Wir versuchen, nicht selbst Richter zu spielen. Diese Haltung empfiehlt auch der Predigttext für den Dritten Advent . Er steht im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus. Paulus warnt darin, sich nicht zu rasch ein Urteil anzumaßen über Mitmenschen. Es sei Gottes Sache und ihm vorbehalten, über Menschen zu urteilen, schreibt Paulus. Er empfiehlt: der Herr ist es, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und er wird die Absichten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.
So weit Paulus. Richtet nicht vor der Zeit Gott selbst behält sich das Urteil über unser menschliches Leben und über die Absichten, dies uns leiten, vor. Diese Empfehlung des Paulus gilt auch für die Arbeit der Notfallseelsorge und ganz besonders dann, wenn sie nach einem Suizid gerufen wird. Im Fall der Familie Klepper, die 1942 in den Tod getrieben wurde, liegt dies auf der Hand. Richtet nicht aber dieses Motto gilt auch dann, wenn Schuld offensichtlich scheint oder wenn nach einem Suizid nicht sofort deutlich ist, warum ein Mensch nicht mehr weiter leben wollte. Es ist normal, wenn Menschen bei einem solchen Ereignis nach dem Sinn fragen und nach dem Warum. Aber das heißt nicht, dass die Fragen sofort eine Antwort finden müssen. Manchmal gilt es, den Zorn und die Liebe, die hinter diesen Fragen stehen, zu respektieren. Man kann dieses Fragen nur aushalten oft findet es erst nach Jahren eine Antwort.
Aus der Perspektive der Seelsorge behält jeder Mensch seine Würde auch über den Tod hinaus, ganz gleich, was mit ihm geschieht und was er tut. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt dies ist der letzte Tagebucheintrag Jochen Kleppers am 10. Dezember 1942. Es bleibt eine Hoffnung, dass Gottes Macht auch dort nicht zuende ist, wo menschliche Verzweiflung keinen Ausweg mehr findet.
Heike Börries: Das Licht des Morgensterns, dem Kleppers Lied gewidmet ist und die Hoffnung, die von diesem Licht ausgeht, prägen auch den Auftrag der Notfallseelsorge. In ihrem Symbol, auf ihrem Logo leuchtet ein gelber Stern auf rotem Grund. Ein heller Stern, der mitten hineingestellt ist in das Leid, aber gerade in ihm seine leuchtende Macht entfaltet. Er soll strahlen, wenn ratlose Trauer aufbricht und die zermürbende Frage nach dem Warum. Er soll leuchten, wenn Angehörige wütend und fragend hadern. Er soll hell werden, wenn alles finster scheint. Manchmal braucht es mehr als eine Nacht, bis man das Licht dieses Morgensterns wieder wahrnehmen kann. Manchmal braucht es lange, bis man seine Zuversicht wieder findet. Das Leben ist ein Gottesgeschenk. Nirgendwo wird dies so deutlich wie mitten im Leid. Dies hat auch Jochen Klepper deutlich empfunden.
Uwe Rieske: Dieses Gottesgeschenk dankbar zu erkennen und die kostbare Leihgabe Leben menschlich zu gestalten, das ist gut nach Gottes Willen. Die Spur der Hirten verweist auf den Stern, der die Dunkelheit vertreibt und dem Licht Raum gibt. Welch eine menschenverachtende Logik lag darin, dass die Nazis gerade den gelben Stern nutzten, um ihn als Davidstern zur Kennzeichnung und Ausgrenzung von Juden im öffentlichen Leben zu brauchen. Dennoch oder gerade darum gilt es, die Bedeutung und die Strahlkraft des Morgensterns aus der biblischen Geschichte wieder zur Geltung zu bringen. Er steht für das göttliche Licht, das im Dunkel aufscheint und die Richtung weist zur Menschwerdung: Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr heißt es im Adventslied Kleppers. Dieses göttliche Licht tritt an gegen die Dunkelheit und scheint hell in der Finsternis: Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Wie viel lebensnaher Trost liegt in diesen Worten.
Nicht nur auf den Feldern von Bethlehem kann man diesem Stern folgen. Überall dort, wo Menschen Licht und Orientierung brauchen im Dunkel von Leid und Verzweiflung, da soll er leuchten, dieser Stern. Damit wir ihn finden, den Weg zur Menschlichkeit.
Amen.
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 25.12.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Marienkirche in Bielefeld gesendet. Die Predigt hält Präses Annette Kurschus.
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