Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.12.12; Pfarrer Titus Reinmuth

Warten

Sprecherin: „Stell dich bei Dämmerung vor ein großes Wohnhaus und warte, bis elf Fenster erleuchtet sind.“

Autor: Das schlägt mein Adventskalender vor. Jeden Tag gibt er mir eine Aufgabe, eine seltsamer als die andere, aber alle drehen sich ums Warten. Im normalen Leben kann ich gar nicht gut warten. Dann bin ich ungeduldig, werde schnell unruhig. Aber das hier, das reizt mich. Es klingt so absurd. Aber ich versuche es. Stelle mich an Straße und warte.

Ich rieche den Regen. Nichts geschieht. Was tue ich hier? Obwohl es wirklich absurd ist, harre ich aus. Ich denke nach: Warum stört es mich so, wenn ich nichts Sinnvolles tun kann? Wenn ein Loch sich auftut, ein leerer Moment? Vielleicht müsste ich beim Warten, beim Nichtstun tatsächlich innehalten – und käme auf ganz andere Gedanken, vielleicht sogar ins Träumen. Von einem ande-ren Leben, einer anderen Welt. Und die Vernunft wischte die Gedanken nicht gleich weg. Und während ich da in der Kälte stehe und noch lange keine elf Lichter brennen, weiß ich: Ich warte auf ganz Anderes, Größeres.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Titus Reinmuth, ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirche und lebe in Wassenberg.

Musik: Van Morrison, Waiting game, CD: The Healing Game, Polydor (Universal) 1997, Track 4

Worauf warten Menschen im Advent? Blöde Frage, auf Weihnachten natürlich, werden manche sagen. Andere zögern vielleicht und merken dann: Ich weiß es gar nicht.

Ich lebe mein Leben, stelle mich auf Weihnachten ein, aber worauf ich warte? Keine Ahnung. Lange nicht mehr darüber nachgedacht. Wieder andere könnten schon etwas sagen: Ich warte darauf, dass meine Freundin gesund wird. Ich warte auf die Kinder und Enkel, die ich bald wieder sehe. Ich erwarte ein wenig mehr Wertschätzung für das, was ich tue.

Ein Psalm, der in unseren Kirchen im Advent gelesen wird, ist da ganz unbescheiden.

Worauf warten?

Sprecherin: „Dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“

Autor: Die ganz große Wende zum Guten wird hier erwartet. Der umfassende Friede, ein Leben, das heil wird in jeder Beziehung. Auch Johannes der Täufer muss solche Erwartungen gehabt haben. Er hat gepredigt: ein Leben, wie Gott es will und verspricht, ist zum Greifen nah. Er richtete seine Hoffnung auf Jesus von Nazareth. Er hatte viel von ihm gehört.

Aber Johannes fing an zu zweifeln, was Jesus betrifft. Er saß im Gefängnis und hatte viel Zeit zum Warten. Und zum Nachdenken. Er fragte sich: Hält dieser Jesus, was ich mir von ihm verspreche? Er stellte diese Frage drängend und mit großem Ernst.

Sprecherin: Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? (Mt 11,2f)

Autor: Hat er mit Jesus auf den Richtigen gesetzt oder ist der gar nicht der erwartete Retter, der neue König, der endlich für Gerechtigkeit und Frieden sorgt? Und das könnte ja auch für uns heute heißen: Setzen wir vielleicht auf den Falschen? Haben wir in Wahrheit gar keinen Grund, in gut 14 Tagen Weihnachten, Christi Geburt, zu feiern? So kann man ja fragen. Was hat sich denn geändert? Ist die Welt nicht dieselbe geblieben seit fast 2000 Jahren? Wir warten schon ganz schön lange!

Musik: Jack Johnson: Sitting, Waiting, Wishing, CD: In between dreams, Universal 2005, Track 6.

Sprecherin: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?

Autor: Der Blick auf die Welt lässt Menschen immer wieder zweifeln: Bürgerkrieg in Syrien, Krieg in Afghanistan, eine neue Eskalation der Gewalt in Israel und Palästina. Immer wieder bren-nende Häuser, flüchtende Menschen, klagende Frauen. Oder die Bilder aus den Ländern des Sü-dens. Menschen, die hungern, die krank sind, oder kein Obdach haben. Diese Welt schreit nach Befreiung!

Auch wir könnten heute mit Recht fragen: Bist du es wirklich? Oder sollen wir auf einen anderen warten? Erlöser haben häufig schlechte Karten. Denn von der Antwort auf diese Frage hängt viel ab. Es geht immerhin um den Glauben und um die Hoffnung auf einen Wandel, dem wir trauen können.

Wie reagiert Jesus? Er antwortet Johannes nicht mit einem klaren: „Ja, ich bin's. Ihr habt auf den Richtigen gewartet.“ Aber was dann?

Sprecherin: Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt. (Mt 11,4f)

Hört und seht! Es gibt offenbar etwas zu entdecken, worauf unsere Augen und Ohren noch gar nicht eingestellt sind.

Jesu Hinweise sprechen eine eher leise Sprache – aber mächtig sind sie schon. Und Jesus besteht darauf: Hört und seht! Es gibt Zeichen, die weisen schon auf Gottes Zukunft hin. Schaut genau hin! Es geschehen Dinge, in denen Gottes kommende Welt schon zu erkennen ist. Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.

Musik: Tracy Chapman: Talkin’ bout a Revolution, CD: Tracy Chapman, Elektra (Warner) 1988, Track 1

Autor: Blinde sehen. Wie viele Menschen gibt es, die das Leben und die Welt einfach nicht mehr verstehen: Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Renten, wer hat schon den Durchblick? Und was kann ich schon tun? Maibrit Illner und Günter Jauch, Frank Plasberg und Anne Will – alle reden, aber was sollen wir eigentlich verstehen? Haben wir hinterher alles klar vor Augen oder werden wir nur blind gemacht? In der Botschaft Jesu muss eine Kraft stecken, die Menschen das Leben durchschauen lässt, so erzählen es die Evangelien. Menschen, die ihm nachfolgen, sehen die Welt und ihr eigenes Leben auf einmal mit anderen Augen. Sie trauen sich wieder, ihren Blick nach vorn zu richten. Sie gewinnen Selbstvertrauen, machen sich kundig, fangen an, Dinge zu durchschauen, lassen sich nichts mehr vormachen.

Lahme gehen. Manche Menschen fühlen sich oft wie gelähmt. Eine bleierne Müdigkeit und Schwere befällt sie. Sie haben kaum Kraft, irgendetwas anzupacken. Doch in der Botschaft Jesu ist etwas, das Menschen wieder aufrichtet. Sie merken: Mein Leben ist nicht einfach gelaufen. Ich habe eine Chance. Und auf einmal nehmen sie ihr Leben wieder in die Hand.

Aussätzige werden rein. Das gibt es damals wie heute, dass Menschen wie Aussätzige behandelt werden, sie fühlen sich bald wie „der letzte Dreck“, mit dem die andern nichts zu tun haben wollen. Aber in der Botschaft Jesu wirkt eine Gegenkraft. Menschen, die außen vor sind, erfahren: Gott sieht mich mit anderen Augen an. Ich gelte etwas. Sie gewinnen neues Zutrauen zu sich selbst und treten aus dem Abseits hervor.

Taube hören. Oft möchten wir vor dem Lärm der Zeit die Ohren verschließen. Nachrichten, Texte, Gespräche, eine Flut von Informationen jeden Tag. Was ist wichtig? Was erreicht uns wirklich? Jesu Botschaft kann sich offenbar immer wieder Gehör verschaffen. Und es passiert tatsächlich: Menschen werden wieder hellhörig, sie lassen sich auf Gottes Wort ein, und sie beginnen, auch neu aufeinander zu hören.

Tote stehen auf. Manche leben, als lebten sie nicht. Jeder Mut hat sie verlassen, mit etwas Neuem rechnen sie nicht mehr, auf Beziehungen zu andern lassen sie sich gar nicht mehr ein. Jesu Bot-schaft scheint die Kraft zu haben, Menschen wieder zum Leben zu führen. Sie versöhnen sich, trauen sich, Beziehungen aufzunehmen, finden zurück ins Leben.

Und schließlich: Den Armen wird die frohe Botschaft verkündigt. Wie viele haben sich damit abgefunden, dass sie ganz unten sind, ohne Arbeit, ohne Arzt, ohne Schule. Aber wo Menschen Jesus nachfolgen, bleibt nichts wie es ist. Die Armen dürfen sich freuen, weil Menschen sich zusammenschließen, sich organisieren, Solidarität üben. Vom fairen Handel über Brot für die Welt bis hin zum Handel in der regionalen Wirtschaft, wo man die Ware kennt und die Menschen kennt: Immer wieder entstehen Inseln im Meer des freien Marktes; Inseln, auf denen Menschen leben können.

Musik: Tracy Chapman: Talkin’ bout a Revolution, CD: Tracy Chapman, Elektra (Warner) 1988, Track 1

Bist du, Jesus, der erwartete Retter – oder sollen wir auf einen anderen warten? Jesus gibt keine eindeutige Antwort darauf. Er schickt uns stattdessen auf eine Entdeckungsreise und sagt: Hört und seht! Wenn wir also herausfinden wollen, ob wir mit Recht warten, ob wir mit guten Gründen Weihnachten feiern, dann müssen wir uns auf die Suche machen nach den Hoffnungszeichen in dieser Welt. Mag sein, wir müssen dazu stehenbleiben, innehalten, die Welt mal mit ganz anderen Augen betrachten.

Aber dann könnten wir hören und sehen. Wo überall das Leben schon von Gottes Nähe berührt wird, wo seine Zukunft schon anfängt, wo sich das Leben von Menschen schon verändert.

Menschen lassen sich von ihrem Elend nicht länger niederdrücken, sondern richten sich auf, fassen Mut, entdecken ihr Leben als von Gott gewollt und auch von Gott gewürdigt. Für sich und mit an-deren suchen sie nach neuen Wegen. Natürlich steht noch vieles aus. Aber diese Welt ist von Gottes Nähe berührt,

und sie hat Jesu Botschaft gehört. Sein Reich kommt, schon jetzt, mitten unter uns.

Wir brauchen auf keinen anderen zu warten.

Einen gesegneten 2. Advent und eine gute Woche wünscht Ihnen Titus Reinmuth, Pfarrer aus Was-senberg.

Musik: Chris Botti: A thousand kisses deep, CD: A thousand kisses deep, Sony Music 2003, Track 4.

 


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