Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.12.12; Vizepräses Petra Bosse-Huber

Josef

Was ist eigentlich mit Josef? Diese Frage stellen sich Jugendliche und Erwachsene in einem Kunstprojekt in Wuppertal.

Sie bereiten gemeinsam eine Krippenszene mit lebensgroßen Figuren vor. Ihre Aufgabe ist es, die Weihnachtsgeschichte in unsere Zeit und unseren Alltag zu übersetzen. Für den Fernsehgottesdienst am Heiligen Abend in der ARD.

Wie sieht sie aus, die „Heilige Familie“, wenn sie plötzlich im Jahr 2012 in Wuppertal-Oberbarmen auftaucht? Was die Jugendlichen wirklich nervt, sind die klassischen Darstellungen der Geburt des Jesuskindes: Maria, die huldvoll lächelt, als wenn die Geburt sie überhaupt nicht angestrengt hätte, das Baby, das immer schön sauber ist – ohne Blut und Käseschmiere - in Windeln gewickelt und Josef, der völlig unbeteiligt dabei steht und ernst in die Gegend guckt. Viel zu unrealistisch ist ihnen dieses Bild.

Was macht Josef denn, als sie endlich eine Bleibe im Stall gefunden haben und als die Wehen richtig losgehen? Steht er da auch so seltsam unverbunden herum und weiß nicht, was er tun soll? Hofft er, dass jemand kommt, ein Arzt, eine Hebamme?

„Da ist kein Krankenhaus. Die beiden sind fremd in der Stadt und sie kennen keine Hebamme. Was würdest du denn machen?“ fragt eine ältere Frau in der Gruppe einen der Jugendlichen. „Ich würde helfen!“ - „Du wüsstest überhaupt nicht, wie!“ entgegnet sein Kumpel. „Egal - ich würde da sein und tun, was ich kann!“

Es wird klar, dass die Jugendlichen genau diese Vorstellung von Josef haben: Er ist da und tut, was er kann. Deswegen formen und stellen sie seine Figur so, dass er neben Maria kniet und ihr seine Arme entgegen streckt, bereit etwas zu tun, bereit, sie zu halten oder auch, das Kind in Empfang zu nehmen.

Mich berührt dieses Bild sehr. Die Jugendlichen beschreiben Josef in einer Weise, die ich nicht erwartet hätte. Für sie ist er aktiv, nicht passiv. Er ist mitten im Geschehen, kein Statist. Er ist der Mann, dessen Verlobte plötzlich schwanger war und die ihm sagte: Es ist von Gott. Die Jugendlichen kennen solche Geschichten aus ihrem Umfeld. Nur wird dann nicht gesagt, dass das Kind von Gott sei. Vater unbekannt, das gibt es öfter. Oder: Vater vor der Geburt abgehauen. Oder auch: Vater in der Kneipe abgetaucht.

Aber gerade deswegen sehen die Jugendlichen in Josef einen anderen Mann: Er ist der Mann, der zwar nicht begeistert ist über diese Geschichte und der auch am liebsten abgehauen wäre. Aber er ist geblieben und hat Verantwortung übernommen. „Ja, aber nicht nur auf dem Papier!“ sagt ein Mädchen. „Der zahlt nicht nur Unterhalt und kümmert sich sonst nicht. Sondern der liebt Maria und das Kind, auch wenn es nicht seins ist. Das ist der Unterschied!“

Verbindung, Beziehung, Verlässlichkeit - das ist der Unterschied. Das ist es, wonach die Jugendlichen suchen und was sie selber gerne verkörpern würden. So wie sie Josef verstehen, ist er ein Vorbild. Nicht nur an Weihnachten.

 

Audiobeitrag Josef


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