Die Musikverschmäherin
Manchmal hört Svenja wochenlang keine Musik. Das Radio schaltet sie nur zu den Nachrichten ein. Im Auto lässt sie sich Hörbücher vorlesen.
Ihre Stereo-Anlage bleibt meistens ausgestöpselt, um den Strom für das Standby zu sparen. Selber singen will sie schon gar nicht, denn als sie es einmal versuchte, spürte sie: Irgendetwas stimmt dabei nicht! Der Musikverschmäherin fällt der Verzicht leicht, weil sie ihn nicht einmal bemerkt.
Von ihrer Umwelt wird sie aufrichtig bemitleidet. Der große Chor der Rhythmusklopfer, Vinylsammler, Depressionswegsinger und Bachpartiturenkenner bedauert das arme Mängelwesen. Und manchmal schaffen sie es sogar, Svenja das Gefühl zu geben, mit ihr stimme etwas nicht.
Doch was fehlt ihr? Vielleicht der Überschwang der Gefühle. Aber den erlebt sie, wenn sie mit ihren Kindern spielt oder im Hochgebirge wandert. Vielleicht das Erlebnis der Gemeinschaft. Aber sie liebt das Gespräch und den Sport. Doch irgendwie beunruhigt sie das Gefühl, dass es da einen Kontinent gibt, der ihr völlig unbekannt ist. Die Welt der Musik. Von der alle schwärmen und mit großen Augen erzählen. Wie vom Gelobten Land der Bibel.
Manchmal versucht sie deshalb, sich diesem unbekannten Land anzunähern. Sie liest heimlich über Komponisten und ihre Werke. Setzt sich in ihr halbdunkles Wohnzimmer und hört Franz Schubert oder Arvo Pärt. Dann bekommt sie eine Ahnung von der Magie dieser unbekannten Welt. Sie rafft sich sogar manchal auf, kauft Karten für die Konzerthalle. Doch bei der Aufführung schwankt sie zwischen guten Vorsätzen und zäher Langeweile. Im Radio stellt sie einen Sender mit Sommerhits ein, die sie an einen unbeschwerten Urlaub erinnern sollen. Abends vor dem Zubettgehen singt sie ein Lied. Doch dann merkt sie schnell, dass sie mit den Gedanken eigentlich nur bei seinem poetischen Text ist.
Wie ist dieser Musikverschmäherin zu helfen? Viele Menschen sind im Blick auf die Religion unmusikalisch. Bei ihr ist es ganz ähnlich, nur ist sie unreligiös hinsichtlich der Musik. Die Unreligiösen und die Unmusikalischen empfinden oft überhaupt keinen Mangel. Warum sollten sie dann überhaupt etwas ändern?
Immer wieder spürt die Musikverschmäherin eine leichte Unruhe. Durch die Reaktionen der Anderen hat sie die Ahnung, dass in ihrem Leben etwas fehlt. Deshalb macht sie sich immer wieder auf die Suche. Mit der Zeit ist in ihr eine Ahnung gewachsen: Es gibt mehr auf der Welt, als ich dachte. Und so versucht sie immer mal wieder, sich einzulassen auf die Musik.
Ich freue mich über jeden Religionsverschmäher, bei dem das genau so ist. Der zwar meint, mit dem Glauben nichts anfangen zu können. Der aber trotzdem eine Ahnung spürt: Es gibt mehr, als ich denke. Und der sich dann immer mal wieder neugierig auf das Unbekannte einlässt. Auf Menschen hört, die von ihrem Glauben erzählen. Und in den Texten der alten Überlieferungen liest.
Ich bin überzeugt, dass Jesus genau diese Menschen am Herzen lagen. Nicht die, die immer schon alles zu wissen glaubten. Sondern diejenigen, die ihren Mangel spürten und sich gerade deshalb auf die Suche machten. Darum geht es im Advent: Sich auf die Suche nach Gott zu begeben. Er ist noch nicht da. Aber er hat sich schon angekündigt.
Die Musikverschmäherin
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