Ganz in Weiß
Wenn ich heirate, dann möchte ich das volle Programm. Mit Kirche und Brautführern und ganz in weiß. Und mit Schleier. Und mein Vater soll mich zum Altar führen.
Die Braut ist 40 Jahre alt. Sie hat drei Kinder, davon eines aus einer früheren Beziehung. Mit ihrem Verlobten ist sie seit acht Jahren zusammen. Jetzt haben sie sich zum Heiraten entschlossen.
Ihrer Mutter stehen bei diesen Wünschen die Haare zu Berge. In weiß, und dann auch noch mit Schleier das ist doch ein Symbol. Und besonders unschuldig bist Du mit Deinen 40 Jahren nun wirklich nicht mehr. Wer mit den alten Bräuchen und Symbolen aufgewachsen ist, kann da nur den Kopf schütteln. Eine dreifache Mutter ganz in weiß! Das ist doch alles nur äußerlich und sinnentleert. Alles nur Show!
Selbst unsere Ministerpräsidentin konnte dem Spott nicht entgehen. Sie hat im Oktober in weiß geheiratet und sich mit wehendem Schleier in der namibischen Wüste fotografieren lassen. Vielen hat das gefallen. Aber es gab auch hämische Kommentare: Cool. Mit Windmaschine. Oder auch: Man hat sie endlich in die Wüste geschickt.
Die vierzigjährige Braut mit ihren drei Kindern sieht die Sache ganz anders. Selbstverständlich kennt sie den Sinn der Symbole. Und natürlich weiß sie, dass sie nicht mehr unberührt ist. Ihr eigenes Leben sieht sie sogar sehr kritisch: Früher hätte sie nur an sich selbst gedacht. Hätte immer nur Spaß haben wollen und keine Verantwortung übernehmen können. Das erste Kind sei ein Unfall gewesen. Die Beziehung schon zu Ende, bevor der Junge überhaupt auf der Welt war.
Auch mit ihrem jetzigen Partner sei es nicht immer leicht gewesen. Sie hätten ganz schön lange gebraucht, bis sie wirklich Ja zueinander sagen konnten. Einmal hatten sie sich sogar schon getrennt. Damals seien sie nur wegen der Kinder zusammengeblieben .
Jetzt hat sie die große Sehnsucht, dass ihre Partnerschaft hält. Endlich soll alles heil werden. Mittlerweile fühlt sie sich reif genug, um Verantwortung für andere zu übernehmen. Dazu hat die Erfahrung beigetragen, dass sie es immer wieder geschafft hat. Ihr Ältester geht mittlerweile auf die Gesamtschule. Und mit ihrem Partner hat sie Formen gefunden, wie sie trotz unterschiedlicher Ansichten gut miteinander auskommen können.
Die Heirat in weiß ist in ihren Augen ein Symbol dafür, dass die Dinge nun in Ordnung kommen. Dass ihr Leben nun in einem Maße intakt ist, wie es das früher nie war. Die Unschuld hat sie sich sozusagen erst erarbeitet. Keine Show, kein Heile-Welt-Kitsch. Sondern eine Mischung aus Sehnsucht und nüchterner Selbsterkenntnis.
So gesehen wird der weiße Schleier zu einem gut evangelischen Symbol. Denn unsere Symbole stehen nie für eine heile Welt. Am besten sieht man das am Kreuz. Es erinnert mich daran, dass Vieles in meinem Leben gestört ist. Dass ich immer wieder schuldig werde und auf Gottes Geduld angewiesen bin. Es steht für meine Sehnsucht, dass mein Leben trotzdem gelingen kann. Dass ich fröhlich und dankbar sein darf, weil Gott trotz allem zu mir steht. Dafür stehen die christlichen Symbole. Warum nicht auch ein weißer Schleier?
Ganz in Weiß
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