Vaterfreuden
Eine Woche noch, dann brechen wir auf. Ein Wahnsinn, diese Reise. Jetzt, in dieser kalten, regnerischen Zeit. Und nichts ist vorbereitet. Ich komme zu nichts.
Den ganzen Tag in der Werkstatt. Und wenn ich in die Wohnung komme, sieht alles noch genau so aus, wie am Morgen.
Ich darf ihr das nicht übel nehmen. Sie hat ja keine Erfahrung mit dem Haushalt. Und im Moment fällt ihr alles schwer, na klar. Was musste ich mich auch mit so einer jungen Frau einlassen! Ja, Ihr habt ja alle recht gehabt. Willst es wohl noch mal wissen auf deine alten Tage. Wenn Ihr wüsstet! Nichts hab ich wissen wollen. Ihre Eltern haben mich überredet. Haben mich gefragt, ob ich sie zu mir nehmen würde. Auf sie Acht geben. Aber das ist ja gründlich schief gegangen. Und jetzt ist sie schwanger.
Wenn sie mich wenigstens alleine reisen lassen würde. Aber sie will ja unbedingt mitkommen. Ein Wahnsinn! Mit ihrem schwangeren Bauch. Nach Bethlehem. Mindestens fünf Tage werden wir unterwegs sein. Verfluchen könnte ich diese Reise. Aber sie ist ja von höchster Stelle so gewollt. Eine Volkszählung! Sollen sie doch kommen und zählen. Aber nein, jeder soll in die Stadt seiner Vorfahren und sich dort zählen lassen. Eine Schwachsinnsidee! Möchte nicht wissen, welcher Beamte sich das an seinem feinen Marmorschreibtisch in Rom ausgedacht hat.
Was muss sich meine Familie auch so viel auf ihre Vorfahren einbilden. Zimmerleute sind wir, das weiß jeder in Nazareth. Aber wir dürfen nie vergessen, dass wir von König David abstammen
Dem König aus der Stadt Bethlehem. Das haben wir jetzt davon. Die stolze Familie, die immer auf sich hält. Und ich hab eine schwangere Verlobte im Haus. Und bin nicht einmal der Vater.
Aber verlassen konnte ich sie auch nicht. Natürlich war das mein erster Gedanke. Ich wollte keinen Skandal. Wollte es nicht an die große Glocke hängen. Ich hätte ja sowieso nicht beweisen können, dass das Kind nicht von mir war. Und das auch noch, nachdem sie mir von ihren Eltern anvertraut worden war. Das junge Ding. Aber das Kind ist nicht von mir! Deshalb wollte ich weg.
Wenn nicht dieser seltsame Traum gewesen wäre. Noch nie hatte ich von einem Engel geträumt. Ich habe es immer noch im Ohr, wie er sagte: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Deshalb will Maria auch unbedingt nach Bethlehem. Sie ist erfüllt davon, dass ihr Kind etwas Besonderes ist. Dass Gott viel mit ihm vor hat. Deshalb soll er in Bethlehem geboren werden. Wie König David. Das muss ich ihr lassen, meiner kleinen Maria: Wenn sie an etwas glaubt, dann zieht sie das auch durch. Dann kann sie nichts davon abbringen.
Eine Woche noch, dann brechen wir auf. Und nichts ist vorbereitet. Hoffentlich schaffen wir es vor der Geburt überhaupt nach Bethlehem. Und hoffentlich finden wir eine Herberge, in der das Kind zur Welt kommen kann. Jesus. So werden wir ihn dann wohl nennen. Jesus, der uns retten wird von unseren Sünden! Wie es der Engel gesagt hat. Was das genau heißen soll, weiß ich aber nicht. Wir werden sehen.
Vaterfreuden
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