Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.12.12; Vizepräses Petra Bosse-Huber

Maria

„Hast Du sie gesehen?“ fragt mich meine Freundin. „Wen?“ „Maria!“ ruft sie und deutet in Richtung der großen Kirche.

Ich schaue mich um, und da sehe ich sie: Sie sitzt am Portal, unter sich eine Wolldecke, neben sich einen Hund und vor sich einen dicken Bauch, denn sie ist schwanger.
Eine junge Frau ist sie, vielleicht Anfang Zwanzig. Sie sieht erschöpft aus, aber ihre Augen sind wach. Sie beobachtet das Treiben auf dem Platz vor der Kirche, wo Weihnachtsmarkt und Fußgängerzone sich treffen. Menschen hetzen an ihr vorbei, bepackt mit Taschen voller Weihnachtsgeschenken und meine Freundin hat recht. Irgendetwas geht von diesem Bild aus, das auch mich an die Jungfrau Maria erinnert.

Sie sollte nicht hier sein, nicht in der Kälte sitzen und betteln müssen. Warum ist sie hier, hoch schwanger wie sie ist?

Wir gehen zu ihr. Wir fragen sie, ob wir ihr helfen können und ob sie eine Bleibe hat. Ja, sie hat eine Wohnung. Ihr Freund ist abgehauen und hat das Geld mitgenommen. Nein danke, sie braucht wirklich keine Hilfe von uns, nur ein bisschen Geld, um Essen für sich und den Hund zu kaufen. Nach Weihnachten wird alles ganz anders.
„Wie - nach Weihnachten wird alles anders? Was soll das denn heißen“. „Ja, dann kommt mein Baby“, antwortet sie und lächelt wie eine klassische Madonna . Sie sagt es voller Zuversicht und Freude.

Meine Freundin und ich sprechen noch lange über diese junge Frau. Unsere Maria. Wo ist sie sonst noch überall zu finden in dieser Adventszeit - Maria? Wir gucken genauer hin und entdecken sie in den folgenden Tagen ziemlich häufig.

Ich merke, dass mir besonders schwangere Frauen auffallen. In ihnen sehe ich oft einen Schimmer von Maria , denn jede Schwangere kennt Zeiten voller Angst und Ungewissheit.

Doch die „Maria unter uns“ kennt auch die absolute Hingabe: die Einwilligung in Gottes Weg, selbst wenn sie ihn nicht versteht. Maria kannte Gottes Weg auch nicht für sich und ihr ungeborenes Kind. Und das, was der Engel ihr verkündigt hatte, machte ihr eher Angst als Mut. Dennoch nahm sie Gottes Weisung an und ging ihren Weg. Zu der Angst: Was werden die Leute sagen? Und wie soll es weiter gehen? traten irgendwann die Freude und die Kraft.

Ich sehe Maria in diesem Advent plötzlich auch in ganz anderen Frauen: In einer Kollegin, die sich um ihre an Demenz erkrankte Mutter kümmert. In der Tochter einer Nachbarin, die wider alle Erwartungen ihren Schulabschluss geschafft und eine Lehrstelle bekommen hat. In einer alten Frau, die das Grab ihres Ehemannes mit einer Christrose schmückt.

Hingabe heißt nicht, dass diese Frauen sich selbst aufgeben. Für mich ist Hingabe eine kraftvolle Bewegung von Geist und Seele: Ich höre auf Gottes Weisung. Ich gehe den Weg Gottes, auch wenn ich ihn noch nicht verstehe und nicht weiß, wo ich landen werde. Wenn ich Dinge mit Hingabe tue, dann geschehen sie mit besonderer Aufmerksamkeit, mit Leidenschaft und Liebe.

Das ist es, was ich sehe, wenn mir in dieser Adventszeit Maria in vielen Frauen und Mädchen begegnet: Sie sind zuversichtlich, auch wenn es Angst und Ungewissheit gibt. Sie gehen mit Menschen liebevoll und leidenschaftlich um. Auch wenn sie es selbst vielleicht gar nicht so nennen würden: Sie gehen Gottes Weg.

 

Audiobeitrag Maria


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