Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.12.12; Pfarrer Frank Küchler

Die Nacht ist vorgedrungen (eg 16)

Choral (1. Strophe): Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.

Autor: Haben Sie ihn heute Morgen gesehen, liebe Hörerinnen und Hörer? Den Morgenstern, der den heraufziehenden Tag ankündigt? Schade - jetzt ist es zu spät! Inzwischen ist es ja längst Tag geworden.

Und Ihre Nacht? Wie war die? Haben Sie gut geschlafen? Oder war die Nacht für sie endlos, weil schlaflos? Haben Sie sich Sorgen gemacht und wach gelegen, gegrübelt, vielleicht auch geweint? Immer wieder auf den Wecker geschaut – um dann enttäuscht festzustellen: Mein Gott, es ist ja erst halb zwei?! Schier endlos kommen einem solche Nächte dann vor.

Doch irgendwann, vielleicht schon beim nächsten Blick auf die Uhr, kann es sein, dass sich das Blatt gewendet hat: Viertel vor fünf, aah, Gott sei Dank…endlich! Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Bald ist die Nacht zu Ende und ich stehe auf. Und dann kann es sein, dass sich im selben Augenblick eine kleine Vorfreude einstellt - auf den duftenden Morgenkaffee und ein leckeres Brötchen.

Choral (1. Strophe): Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein! Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Autor: Der Morgenstern - das ist kein Stern, wie jeder andere! Er ist besonders hell und wenn der Morgenstern scheint, dann kündet er nicht nur das Ende der Nacht an. Der Morgenstern ist ein Troststern. Denn der Morgenstern kann ein anderes Licht auf mein Leben werfen. Auch auf meine Sorgen, meine Unruhe, meine Angst und das, womit ich mich selber quäle. Klar: Sie sind nicht einfach weg, die Ängste und Sorgen. Doch wenn der Morgenstern sie bescheint, können sie mir in einem, anderen Licht erscheinen. Da kann ich mir selbst vielleicht sagen: Meine Angst, ja gut, die habe ich, aber es ist ja nur Angst! Sorgen und Grübeln - ja, die sind quälend. Doch manchmal ist das Grübeln ein Hinweis darauf, dass ich eine Entscheidung in meinem Leben treffen muss. Also, ich muss rauskommen aus dem ewigen Gedankenkreisen, hinein in eine andere Bewegung!

Sprecherin: Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf. Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf, von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Autor: Macht euch auf! Wie die Weisen, die aus dem Morgenland zu Jesus an die Krippe kamen. Sie haben sich auf die Socken gemacht. Sie sind dem Stern gefolgt. Über dem Stall blieb er dann stehen, der Stern. Und schien hell. Deshalb hat er auf Bildern immer einen Schweif! Da ist er wieder, der Morgenstern. Der Stern ist mindestens so wichtig wie der Stall, über dem er steht und scheint. Denn es ist der Morgenstern, der Trost-Stern. Er bescheint ja auch die Angst und Pein derer, die im Stall sind. Maria und Joseph, sie kannten Zukunftssorgen, sie hatten Angst, dass auch ihr Sohn von König Herodes umgebracht wird.

Sorgen, Angst, Not und Pein, die kannte auch der, der uns dieses wunderbare Adventlied „Die Nacht ist vorgedrungen“ geschenkt hat: der Schriftsteller und Journalist Jochen Klepper. 1931 heiratete der studierte Theologe die Jüdin Johanna Stein. Die brachte ihre beiden Töchter mit in die Ehe. Die Nazi-Diktatur reagierte prompt: Schon bald wurde ein Berufsverbot gegen Jochen Klepper verhängt, der als Journalist im Rundfunk tätig war. Erfolglos kämpft er darum, seine Lieben ins Ausland bringen zu können. Er erwägt auch die Flucht, aber kann sich dazu nicht durchringen. Nur seine ältere Stieftochter Brigitte, kann kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges über Schweden nach England ausreisen.

Durch die Nürnberger Rassegesetze verschärfte sich die Situation für die in Deutschland lebenden Juden noch einmal deutlich. Die Familie musste mit der Deportation der jüngeren Tochter Renate rechnen. Außerdem galten Ehen mit jüdischen Partnern als sogenannte Mischehen und so ging Klepper davon aus, dass seine Ehe geschieden werden würde, und seine jüdische Frau ebenfalls deportiert werden würde.

Ich stelle mir vor, wie Jochen Klepper in einer seiner schlaflosen Nächte am Fenster in seiner Berliner Wohnung gestanden hat. Wie er über einen Ausweg nachgedacht hat und keinen finden konnte. Wie er nach draußen geschaut hat, geweint hat - und wie er dann den hellen Stern gesehen hat … und sich ein wenig getröstet fühlte. Ihm war, als sei Gott durch den Morgenstern in ein Zwiegespräch mit ihm eingetreten. Als ob Gott ihm sagen wollte: Auch Deine Nacht hat ein Ende! Vielleicht war es diese Erfahrung, die ihn dazu inspirierte, das Lied 1938 zu schreiben.

Choral (Strophe 3): Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf. Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf, von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Autor: „Gott – unser Verbündeter!“ Das ist Jochen Kleppers Glaubensüberzeugung. Gott ist nicht einer, der gegen uns arbeitet. Kein Gegner. Kein Feind. Sondern einer, der auf unserer Seite ist. Daran glaubt Jochen Klepper bis zum letzten Augenblick. Dieser Glaube trägt ihn offenbar auch in der schwersten Entscheidung seines Lebens. Trägt ihn im Ringen, im Kampf um einen gangbaren Weg. In höchster Verzweiflung entscheidet sich die Familie im Dezember 1942 gemeinsam aus dem Leben zu gehen.
Als ich noch ein Junge war, sagte mein Vater mir oft: Junge, das Leben ist ein Kampf. Heute weiß ich: das stimmt! Manchmal. Aber nicht immer. Manchmal ist das Leben ein Kampf. Aber dann ist es gut, einen Verbündeten an seiner Seite zu haben. Anstatt alleine in den Kampf zu ziehen.

Es ist noch nicht raus, liebe Hörerinnen und Hörer, wie Sie und wie ich selbst, heute Abend diesen Tag beurteilen werde. War es ein gelungener Tag? Oder habe ich manches versäumt oder vermasselt? Werden Sie am Abend sagen: Ach, das Leben ist ein Kampf, oder war der Tag leicht? Das ist noch offen! Genau wie der Schluss der Melodie des Adventsliedes. Melodie summen, auf Tonika enden!

Oh – pardon! So hat Johannes Petzold, der Komponist des Liedes, die Melodie nicht zu Ende geführt! Aber so! So klingt sie vertraut! Melodie summen, auf Dominante enden!

Das klingt wie: Ein neuer Tag beginnt. Ein neuer Anfang! Diese Nacht, die ist erst einmal durchlebt! Jetzt können Sie sich auf den neuen Tag einstellen. Jetzt geht es darum, den Tag zu meistern, so gut es eben geht. Und es ist noch offen, was das für ein Tag wird. Der Tag liegt noch vor uns, und was daraus wird, das liegt an uns selbst. Aber: nicht nur!

Ach Gott, unser Verbündeter, Du hast auch an diesem Tag den Morgenstern für uns aufgehen lassen, damit wir getröstet sind. Sei weiterhin bei uns an diesem Tag! Sei bei all denen, die heute in Angst, Not und Pein sind. Lass auch sie deinen Trost erfahren.

Choral (Strophe 4): Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid - und Schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Musikinformation:

CD: Die Nacht ist vorgedrungen
Track und Titel: 08 - Die Nacht ist vorgedrungen
Text: Jochen Klepper (1938)
Melodie: Johannes Petzold (1939)
Satz: Ralf Popken (2003)
Ensemble: Wilhelmshavener Vokalensemble
Leitung: Ralf Popken
Verlag: Edition Chrismon, Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH


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