Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.11.12; Oliver Metz

Das Auge Gottes - Big Brother oder liebender Blick?

Autor: In unserer Evangelischen Hauptkirche in Mönchengladbach-Rheydt gibt es ein schönes Mosaik über dem Kanzelaltar.

Auf rotem Grund ist das Auge Gottes mit goldenen Steinchen angedeutet. Aus einem Dreieck blickt es hinab auf die Gemeinde, die hier zum Gottesdienst versammelt ist.

Manch einer ist da irritiert, fühlt sich möglicherweise sogar beobachtet. Dieses Auge schwebt über allem, es schaut gerade heraus ohne zu blinzeln. ‚Der liebe Gott sieht alles‘, dieses Drohwort mag einem in den Sinn kommen, wenn man das Auge dort oben sieht. ‚Der liebe Gott sieht alles‘, das wird Kindern gesagt, wenn sie etwas Unrechtes getan haben. Zwar ist Gott hier ‚der liebe Gott‘, aber etwas Bedrohliches liegt dennoch in der Formulierung. Denn letztlich bedeutet das: Was auch immer du tust, Gott schaut dir zu. Warum hat dieser Satz ‚Der Liebe Gott sieht alles‘ für viele Menschen einen solch beunruhigenden Beiklang? Wie fühle ich mich selbst, wenn ich in der Kirche sitze und das Auge Gottes blickt auf mich herab? Fühle ich mich tatsächlich überwacht, wie von einem Big Brother, der alles nur kontrollieren will, um der Kontrolle willen? Oder verwechsle ich hier Gottes Blick mit dem eines Menschen, der nach moralischen, irdischen, ja eben menschlichen Maßstäben prüft, kontrolliert und urteilt? Die Blicke, die auf mir ruhen, wenn ich durch die Straßen gehe, in einem Café oder auch in der Kirche sitze, beurteilen mich nach meinem Äußeren, wie ich aussehe, was ich anhabe, wie ich mich bewege. Was aber sehen sie wirklich von mir? Was sehe ich selbst von mir, wenn ich in den Spiegel blicke?

Ein Gedicht von Rose Ausländer bringt dieses fragende Gefühl anschaulich zum Ausdruck:

Sprecherin:
Schaut mich an
mit vielen Augen
der Spiegel

Ich geh von
Gesicht zu Gesicht
sie kennen mich nicht

Ich frag jedes
wer du bist

Sie sagen
lösch unsren Schatten

Ich schöpfe den Spiegel leer
bis kein Bild bleibt
aber die Schatten sind da

schaun mich an
mit vielen Augen

MUSIK 1 – David Darling: Darkwood 1

Autor: Ich versuche immer, einen sachlichen Blick zu behalten, wertfrei zu urteilen. Doch die menschliche Perspektive kann ich dennoch nicht verlassen. Alles, was meine Augen sehen, bewerte und beurteile ich nach meinen persönlichen Maßstäben und Erfahrungen. Und das erwarte ich, mehr oder weniger bewusst, auch von anderen. Sie betrachten mich, mein Äußeres, mein Verhalten, meine Worte und beurteilen all dies nach ihren eigenen Maßstäben. Aber Menschen lassen sich leicht von Äußerlichkeiten täuschen, da schließe ich mich selbst gar nicht aus.

Sprecherin: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an,

Autor: So heißt es im Alten Testament. Der Prophet Samuel wird da von Gott nach Betlehem gesandt. Er soll den neuen König des Volkes Israel salben. Doch Gottes Wahl fällt nicht auf die stattlichen, augenscheinlich königswürdigen Söhne Isais, sondern auf den hübschen, aber unscheinbaren jüngsten Sohn David, der es bis dahin nur zum Schafhirten gebracht hat. Welche Wahl hätte ich getroffen, nach welchen Kriterien fälle ich meine Entscheidungen, heute und jetzt? Wenn ich mich auf den äußeren Schein verlasse, bin ich schnell verloren. Meine Urteilsfähigkeit reicht dann nicht sehr weit. Gottes Auge aber blickt hinter die Kulissen. Nur er hat die Möglichkeit, dem Menschen ohne Vorurteile ins Herz zu schauen. Der 139. Psalm benennt dies ganz deutlich. Er ist versehen mit der Überschrift: Gott der Allwissende und Allgegenwärtige. Da gibt sich jemand ganz in die Hände Gottes und nimmt die Führung durch Gottes Barmherzigkeit ganz als sein Los an:

Sprecherin: Herr, du erforschest mich und kennest mich. (…) du verstehest meine Gedanken von ferne. (…) Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. (…) Nähme ich die Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. (…) Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Autor: Diesen Gedanken nimmt Paul Gerhardt auf, wenn er dichtet:

Sprecherin: Wie ein Adler sein Gefieder über seine Jungen streckt,
also hat auch hin und wieder mich des Höchsten Arm bedeckt,
alsobald im Mutterleibe, da er mir mein Wesen gab,
und das Leben, das ich hab und noch diese Stunde treibe.
Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

Autor: Schon bevor mein irdisches Dasein beginnt, ist Gott bei mir und sorgt für mich. Er kennt mich, denn er hat mir mein Wesen verliehen, die Kraft, aus der ich im Leben schöpfen kann. In Rainer Maria Rilkes Gedicht sind es die Worte des Herrn, die mich zu dem machen, was ich bin. Sein Zuspruch führt mich ins Leben:

Sprecherin: Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinaus gesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand

MUSIK 2 – Yann Tiersen: La Corde

Autor: Wenn Gottes Auge auf mich herab schaut, geht er mit mir hinaus aus der Nacht. Sein Blick begleitet mich auf meinen Wegen, achtsam und fürsorglich. Seinen Blick zu spüren und anzunehmen gibt mir die Chance, auf ihn zu vertrauen, dem Plan zu folgen, den er für mich hat. Er geht neben mir und weiß den Weg besser als ich, auch wenn ich das nicht immer wahrhaben möchte. Auf ihn zu vertrauen heißt manchmal eben auch die eigenen Vorstellungen, Wünsche und Bilder loslassen zu können und der Gewissheit folgen: sein Auge sieht mich besser, als ich mich selbst erkennen kann.

Sprecherin:
Ich geh mit meinem Schatten,
nur von dem Schatten begleitet,
alleine mit ihm,
über graslose Wiesen.

Ich immer blässer,
er immer länger.
Er führt mich,
ich lasse mich führen.

Die kahlen Birken am Weg,
glatte weiße Finger,
kennen das Ziel
besser als ich.

MUSIK 3 – Yann Tiersen: La longue route

Autor: Er kennt das Ziel besser als ich, denn er kennt mich besser als ich mich selbst kenne. Er sieht mich mit meinen Stärken und Schwächen, meine Schönheit und meinen Schrecken, jeden Tag aufs Neue, auch wenn ich mich selbst manchmal gar nicht gerne im Spiegel anschaue.

„Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag“, heißt es im Refrain von Dietrich Bonhoeffers wunderbarem Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ Gott ist mit mir, mit jedem von uns, nicht nur an den guten Tagen, wenn wir uns stark und erfolgreich wissen, wenn wir im Licht sind. Sondern auch in den weniger guten Zeiten, wenn wir schwach und verletzlich sind, ungerecht sind oder Schuld auf uns geladen haben. Doch er sieht uns, ohne nach menschlichen Maßstäben zu beurteilen, zu verurteilen. In Gott sind alle meine Fehler aufgehoben. Er ist meine andere Hälfte, der Zuspruch, dass ich angenommen bin mit allen meinen Fehltritten, jenseits von menschlichen Richtlinien und Beurteilungen. Vor ihm muss ich keine Maske tragen oder eine Rolle spielen, dieser Gedanke ist für mich unendlich erleichternd. Dass Gott mir ins Herz sieht, verliert seinen beunruhigenden Charakter, wenn mir klar wird, nicht ich fälle das letzte Urteil über mich oder andere, sondern Gott hat das letzte Wort .

MUSIK – David Darling: Darkwood 1

Autor: Wenn ich das schöne Mosaik mit dem Auge Gottes in unserer Kirche sehe, fühle ich mich nicht beobachtet oder geprüft, sondern im letzten Grund aufgehoben und geborgen. Er kennt mich so, wie ich bin. Mit alldem, was zu mir gehört, auf das ich stolz bin aber auch wofür ich mich schäme. In ihm ist all dies, bin ich angenommen und zuhause. Erst sein Blick hebt mich ins hier und jetzt und ins Leben, mit allem, was dazugehört, Schönheit und Schrecken, jeden Tag aufs Neue.

Sprecherin:
Dein Ort ist
wo Augen dich ansehn.
Wo sich die Augen treffen
entstehst du.

Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.

Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.

Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
dass es dich gibt.

MUSIK 4 – Yann Tiersen: Atlantique nord

Autor: Es gibt dich, es gibt uns, weil Gottes Auge uns sehen will. Sein fürsorglicher Blick ist unser Zuspruch, nicht wankelmütig wie menschliche Zuneigung und Sympathie, sondern jeden Tag gewiss.

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Texte:
Psalm 139;
Paul Gerhardt: Sollt ich meinem Gott nicht singen – Ev. Gesangbuch Nr. 325;
Hilde Domin: Mit meinem Schatten – Ausgewählte Gedichte, Fischer Taschenbuch Verlag;
Hilde Domin: Es gibt dich – Ausgewählte Gedichte, Fischer Verlag;
Rainer Maria Rilke: aus ‚Vom mönchischen Leben‘ – Rilke Werke, Band 1, Insel Taschenbuch;
Rose Ausländer: Schatten im Spiegel – Im Atemhaus wohnen, Fischer Taschenbuch Verlag;

Musik:
1) David Darling: Darkwood 1 – CD: Cello, Track 1
2) Yann Tiersen: La longue route – CD: Tabarly, Track 6
3) Yann Tiesren: La Corde – CD: Tabarly, Track 10
4) Yann Tiersen: Atlantique nord – CD: Tabarly, Track 14



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