Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.11.12; Pfarrer Frank Küchler

Wohnen bei Gott

Autor: Liebe Hörerinnen und Hörer, in der Woche zwischen dem Ewigkeitssonntag und dem ersten Advent sind viele mit ihren Gedanken besonders bei ihren Verstorbenen.

Sie haben schon jetzt eine Heimat in der Ewigkeit Gottes. Nur die, die zurückbleiben, sind durch ihren Tod ein wenig heimatloser geworden.

Heimatlos, ratlos und rätselnd, so lässt uns der Tod zurück. Sometimes I feel like a motherless child – manchmal, da fühle ich mich wie ein Kind ohne Mutter… Das bekannte Spiritual drückt sehr schön aus, was ich eben mit Heimatlosigkeit versucht habe zu umschreiben. Weit weg von zuhause, so geht der Text weiter, a long way from home.

Ich habe es nicht selten erlebt: Ältere demenzkranke Menschen erleben es intensiv und schmerzlich, dieses Gefühl von Heimatlosigkeit, von Sehnsucht nach Verbundenheit mit den eigenen Eltern Manchmal rufen sie nach Mama und Papa und sind sehr traurig. Und ich habe es auch schon erlebt, dass mir jemand mit leuchtenden, frohen Augen erzählt: heute kommt die Mama zu Besuch!

Ich weiß, dass das für viele Angehörige nicht leicht ist, wenn sie so etwas hören. Solche Worte weisen unzweideutig darauf hin, dass ein demenzerkrankter Mensch teilweise in einer anderen, uns unsichtbaren Wirklichkeit lebt.

Aber: Warum sehen wir in der Vorstellungskraft und Phantasie nicht einfach eine Kompetenz, so etwas wie eine Überlebensstrategie gegen Einsamkeit und Heimatlosigkeit? Vor allem, wenn es gut tut und tröstend ist?! Es ist doch etwas wert, wenn jemand sich im Moment von Herzen freuen kann, weil er sich vorstellt: Heute kommt die Mutter zu Besuch. Da wäre es nicht hilfreich, einem demenzkranken Menschen zu sagen: Wie kann das denn sein, dass Mama heute kommt? Du weißt doch, dass Mama schon mehr als zwanzig Jahren tot ist. Denk mal, dran, Du wirst nächstes Jahr neunzig, da wäre Mama ja älter als 115 Jahre.

Wir können von dieser Vorstellungskraft der Demenzkranken lernen. Schon die Bibel bietet uns Bilder an, mit denen wir die Angst vor dem Tod, das Gefühl der Heimatlosigkeit auf der Erde lindern können. Eines der schönsten findet sich im Johannesevangelium. Im Originalton klingt das so:

Sprecherin: Euer Herz erschrecke nicht“ Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“ (Johannes 14,1f)

In den Gottesdiensten, die ich mit Demenzkranken gefeiert habe, habe ich manchmal ein großes Plakat aufgehängt. Es zeigt ein Haus. Ich sagte: in diesem Haus ist es schön warm und gemütlich, besonders wenn es draußen kalt ist, wenn Schnee oder Regen fällt. Denn ich wusste ja: viele der Gottesdienstbesucher haben mindestens einen Weltkrieg erlebt und wissen sehr genau, was es heißt, wenn man heimatlos wird und kein Dach über dem Kopf hat.

Die Vorstellung von dem warmen, lichten Haus löst ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit aus. Das ist ein heilsames Bild für das, was nach dem Tod kommt. Diese Vorstellung kann uns allen helfen, nicht nur den Demenzkranken.

Ich stelle mir also vor, dass ich einmal bei Gott wohnen werde, wenn ich tot bin. Es ist ein Haus, das viele Wohnungen hat. Das bedeutet: ich habe ein Dach über dem Kopf, ich kann mich geborgen fühlen und muss nicht frieren und ich bin auch nicht allein. So wohne ich bei Gott. Natürlich muss ich die zurücklassen, die ich lieb habe, und das ist sehr traurig. Aber ich weiß, dass ich ihnen vorangehe und ich stelle mir vor, dass auch meine Lieben einmal bei Gott wohnen werden – nur eine Tür weiter.

Gott sei mit Ihnen an diesem Tag – das wünscht Pfarrer Frank Küchler aus Krefeld.

Audiobeitrag Wohnen bei Gott


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen