Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.11.12; Pfarrer Frank Küchler

Mitten wir im Leben...

Autor: Liebe Hörerinnen und Hörer, wer oder was ist eigentlich der Tod? Namen hat er viele: Gevatter, Gleichmacher, „Sensemann“.

Er kann Zuflucht, Erlöser, Freund oder Feind sein – je nach dem.

Paulus, der Heidenmissionar und Apostel, spricht in seinen Briefen, die im Neuen Testament
gesammelt sind, vom Tod als einer feindlichen Macht. Allerdings ist hier nicht nur der physische Tod gemeint. Paulus hatte eher eine ganzheitliche Sicht –wie wir heute sagen würden.

Der Tod ist für ihn eine feindliche Macht, die Besitz vom ganzen Menschen ergreifen kann. Aber nicht erst dann, wenn das Leben zu Ende ist, sondern mitten im Leben. Diesen Gedanken hat auch Martin Luther in einem seiner Lieder aufgegriffen.

Sprecherin: Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Wer ist, der uns Hilfe bringt, dass wir Gnad erlangen? Das bist du, Herr, alleine. Uns reuet unsre Missetat, die dich, Herr, erzürnet hat. Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott: lass uns nicht versinken in des bitter‘n Todes Not.

Autor: Diese Sichtweise vom Tod kann mit Fug und Recht „ganzheitlich“ genannt werden Luthers eigene Begegnungen mit der Macht des Todes schwingen hier zwischen den Zeilen mit. Mitten in unserem Alltag begegnet er uns. Ob uns das bewusst ist oder nicht.

„Der ist für mich gestorben“, sagt jemand und meint: die Beziehung zu einem anderen Menschen ist unwiderruflich zerrüttet. Zu viele Verletzungen, zu viele Kränkungen, zu viele Bosheiten, zu viel enttäuschtes Vertrauen – einmal muss Schluss sein! Da ist nichts mehr zu reparieren.

„Bis dass der Tod Euch scheidet“, lautet das Eheversprechen im Hochzeitsgottesdienst. Aber wie viele Ehen bestehen nur noch auf dem Papier? Schon längst hat sich der Tod eingeschlichen in das alltägliche Miteinander, das eigentlich nur noch ein „Nebeneinander her“ zu nennen ist.

„Ich fühle mich wie abgestorben, wie tot“, sagt ein Patient in der Psychiatrie und schildert mit diesen Worten sein Leid in der Phase einer schweren Depression. Er kann weder Freude, noch Glück, weder Trauer noch Wut, weder Dankbarkeit noch Interesse an irgendeiner Sache spüren. Alles ist grau in grau. Bedrückend eben.

Der Tod, das ist der Feind der Lebendigkeit. Man kann nämlich auch lebendig tot sein. Tod und Leben – das sind biblisch-ganzheitlich betrachtet-zwei unterschiedliche Qualitäten des Lebens. Lebendigkeit: das ist Wachheit, Bewusstheit, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit für sich selbst und die eigenen Gefühle und die anderer Menschen, Fülle des Lebens. Tod – das ist: Trennung, Bedrückung, Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Beziehungslosigkeit, Kreisen um sich selbst, Schuld.

Es ist wunderbar, wenn wir im Alltag lebendigen Menschen begegnen! Sie können beglückend ansteckend sein. Von ihnen geht etwas aus, sie können die Atmosphäre, den Alltag beleben. Gott hat sich uns als lebendige Menschen gedacht. Doch wer ist schon immer lebendig? Wer ist schon immer wach, aufmerksam und empathisch? Ich erlebe mich mal so, mal so. Darum lautet mein Gebet für Sie und mich an diesem Tag:

Gnädiger Gott, mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Der Tod lauert überall. Schenke uns deinen Geist, der uns zu lebendigen Menschen macht.

Gott sei mit Ihnen an diesem Tag – das wünscht Ihnen Pfarrer Frank Küchler aus Krefeld.

 

Audiobeitrag Mitten wir im Leben...


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen