Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.11.12; Pfarrer Jönk Schnitzius

Es für möglich halten

Es kann wahr werden. Was unmöglich scheint. Sowie bei Domenico Lucano. Der hatte erst ein Problem und dann eine Vision. Die dazu führte, dass das Problem zur Lösung wurde.

Als im Juli 1998 ein Boot mit 218 Flüchtlingen an der italienischen Küste strandete, dort wo sie am südlichsten ist, in der Nähe des Dorfes Riace, war es erst einmal wie immer.

Fast. Die Flüchtlinge waren am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte. Am Rande ihrer Hoffnung diese Flucht noch irgendwie zu überleben. So weit so dramatisch erwartbar. Unerwartet blieb, dass Domenico Lucano, der Bürgermeister des Dorfes Riace, die Flüchtlinge versorgen ließ und dafür sorgte, dass die Einheimischen sie aufnahmen. Damit war seine Vision geboren.

Während sich das südliche Europa bemüht für Flüchtlinge unerreichbar zu bleiben, wollte Lucano sein Dorf zum Heimatdorf der Flüchtlinge erklären. Das Problem war die Lösung. Davon war er überzeugt. Die Flüchtlinge konnten helfen die Existenz seines Dorfes zu sichern, - wenn, ja wenn es gelingen würde sie so zu integrieren, dass es für alle ein Gewinn werden würde.

Seine Vision wurde Wirklichkeit: Heute ist fast jeder dritte Bewohner in den letzten Jahren zugewandert. Männer, Frauen, Kinder. Niemand hatte Papiere. Sein Modell: Hilfe ist eine Straße, die man auf beiden Seiten befährt. Bürgermeister Lucano sagt: „Wir versuchen den Flüchtlingen ein Zuhause zu bieten und im Gegenzug helfen sie uns diese Zuhause am Leben zu erhalten.“

Und das funktioniert. Das Dorf war vom Aussterben bedroht, in einer der ärmsten Gegenden Italiens gelegen, Betätigungsfeld der Mafia. Ziemlich genau das, was man sich unter „strukturschwach“ vorstellt. Und dann die Flüchtlinge. Da, wo wenig ist, das Wenige mit noch Bedürftigeren zu teilen? Beides zu einem Mehr für alle zu machen? Eine beseelte Vision. Lucano hielt es für möglich. Er lieh sich Geld um verfallene Häuser zu renovieren und den Flüchtlingen Löhne zahlen zu können.

Flüchtlinge die nun arbeiteten, kauften auch dort: die dörflichen Kleinbetriebe kamen wieder in Schwung: Bäckereien, kleine Betriebe. Und die Schule. Sehr konkret bedeutet das: Das Dorf Riace bietet der jungen Frau, die vor Gewalt und Verfolgung aus ihrer Heimat floh, eine handwerkliche Arbeit für wenige hundert Euro im Monat, hilft ihr eines der leer stehenden Häuser für sich bewohnbar zu machen und sie pflegt im Gegenzug bedürftige Alte und betreut Kinder . Hilfe ist eben keine Einbahnstraße. Zu schön um wahr zu sein? Hier ist Wahrheit schön. Alles, weil einer und dann viele etwas für möglich hielten, was unmöglich erschien. Alles, weil einer tief glaubt, dass ein Problem zur Lösung oder Teil der Lösung werden kann. Alles, weil einer glaubt, dass man Menschen etwas zutrauen und anvertrauen kann, darf und muss. Der Geist Gottes weht, wo er will. In Riace bestimmt. Es geht darum, es für möglich zu halten. Überall.

 

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