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Seinen eigenen Weg finden Antje Borchers im Gespräch mit der Buchautorin Claudia Schreiber
Buß- und Bettag, ein merkwürdiges Wort: ein bisschen altertümlich. Für manche sogar abschreckend, zum Beispiel für Claudia Schreiber.
Sie denkt dabei an frühere Zeiten in ihrem Leben:
O-Ton 1 Claudia Schreiber: Spontan kommt das alte Leben erst mal: Wenn ich Buß- und Bettag höre, denke ich an büßen. Und wir mussten jeden Tag büßen. Egal, was wir getan haben, wir mussten um Verzeihung bitten. Egal, ob überhaupt irgendwas war, wir mussten bereuen. Ob wir nun wussten, was das ist oder nicht. Und diese
, das, das
Da krieg ich n Hals (lacht), also, wenn ich das wieder höre, ich krieg einen Hals, ja.
Autorin: Wenn Claudia Schreiber an ihr altes Leben zurückdenkt, dann fühlt sie sich noch im Nachhinein wie gelähmt, eingeengt. Und sie muss tief durchatmen, um diesen Hals, dieses einengende Gefühl wieder loszuwerden, das sie zum Beispiel beim Stichwort Buß- und Bettag befällt. Claudia Schreiber ist eigentlich eine lebhafte Frau, sie ist 54 Jahre alt und schreibt in ihrem jetzigen Leben Bücher.
Den Durchbruch als Bücherschreiberin brachte ihr der Roman Emmas Glück. Er wurde auch verfilmt, mit Jürgen Vogel und Jördis Triebel in den Hauptrollen. Bevor Claudia Schreiber Buchautorin wurde, war sie Journalistin, sie lebte in Deutschland und im Ausland. Und dort im Ausland, in Moskau, hat sie viele Bücherschreiber kennengelernt und das Bücherschreiben auch für sich entdeckt.
O-Ton 2 Claudia Schreiber: Mit meinen Büchern bin ich ausgesprochen glücklich. Das ist das, was ich am liebsten tu. Die Themen, die ich wähle, haben sehr viel mit dem Leben zu tun. Vor allen Dingen, glaube ich, das Hauptmotiv aller Bücher sind Figuren, die sich ins Leben wagen, die viel riskieren, um ihren eigenen Weg zu finden.
Autorin: Das Hauptmotiv ihrer Bücher ist ihr eigenes Lebensmotiv: viel riskieren und den eigenen Weg finden. Auch Claudia Schreiber hat viel riskiert, hat ihr altes Leben hinter sich gelassen. Ihr altes Leben, das war noch vor ihrer Zeit als Journalistin. Es begann in ihrer Kindheit in einem nordhessischen Dorf.
O-Ton 3 Claudia Schreiber: Ich bin sozialisiert in einem sehr strengen, gläubigen Elternhaus und dort wurde ich von Anfang an vorbereitet, nicht meinen Willen zu leben immer, sondern seinen: zu hören, was Gott sagt und ich es soll es tun. Mein Wille war nichts, sein Wille war alles. Wenn man so groß wird über die Jahre, kriegt man irgendwann eine Klatsche (lacht) und wird fast verrückt.
Autorin: Erst recht, wenn auch die christliche Gemeinde dasselbe enge Weltbild hat, dieselben strengen Gottesvorstellungen. Schon als Jugendliche hatte Claudia Schreiber das Gefühl, dass da irgendwas nicht richtig ist. Diese Fremdbestimmung hat sie mehr und mehr irritiert. Die Mitchristen in ihrer baptistischen Gemeinde wussten immer ganz genau Bescheid, was Gott will und was er verabscheut. Und weswegen sich jemand schlecht und schuldig zu fühlen hatte. Woher wollten sie das so genau wissen? Claudia Schreiber hat sich damals nicht getraut, das anzusprechen und zu diskutieren. Hat auch ihren eigenen Zweifeln nicht vertraut. Denn ihr Wille galt ja nichts, so hatte sie es jahrelang gelernt. Und vieles in ihrer Gemeinde fand sie eigentlich ja gut. Sie war sehr engagiert als Christin, hat die Glaubenssätze und Regeln der Gemeinschaft sehr ernst genommen. Aber dann im Studium Publizistik, Pädagogik und Soziologie öffnete sich ihr enges Weltbild. Und endlich konnte sie diskutieren mit anderen, und das, was sie bisher kannte, das passte nicht mehr zu dem, was sie nun wirklich wollte und für richtig hielt.
Musik: Die Fantastischen Vier, CD Fornika, Titel 3: Einfach sein, (7. April 2007)
Label: Columbia (Sony BMG) LC 12735,
Es könnt alles so einfach sein, isses aber nicht. Es könnt alles so einfach sein, isses
Autorin: Mit neuen Erkenntnissen neue Entscheidungen treffen, das könnte einfach sein. War es aber nicht für Claudia Schreiber.
O-Ton 4 Claudia Schreiber: Wenn man fundamental erzogen wird, kann man nicht die Dinge betrachten und so im Lauf der Entwicklung eine Entscheidung treffen, sondern man agiert ebenso fundamental: entweder dafür oder dagegen. Das heißt, dieses Gefühl, das sich aufbaute: Ich kann so nicht leben!brauchte Jahre, und dann gab es am Ende nur einen Knall und ich bin gegangen. Aus allem.
Autorin: Da war Claudia Schreiber 27 Jahre alt. Und weil sie diese Entscheidung nicht in kleinen Schritten leben konnte, sondern sich wirklich hart befreien musste, wie sie sagt, ist sie weg von allem: von ihrer Familie, von ihrem Mann, aus der Stadt, in der sie inzwischen lebte, aus ihrer Gemeinde. Und stand dann da, allein.
O-Ton 5 Claudia Schreiber: Am Anfang wars eine unglaubliche Verwirrung, weil man tatsächlich überhaupt nicht wusste, was man denken oder tun soll. Ich hab richtig noch in Erinnerung, wie ich dachte: Ich möchte und muss regelrecht eigene Regeln erfinden, neu definieren. Auch diese Übung, in sich hinein zu hören und zu sagen: Was willst denn du? war nicht da. Das ist etwas, das man übt zwischen zehn und fünfzehn und bei mir war es kaum vorhanden.
Autorin: Geholfen in dieser verwirrenden Zeit hat Claudia Schreiber ihre Lust aufs Leben, ihre Neugier. Auch ihr neuer Beruf als Journalistin, die neue Herausforderung, die neue Stadt. Im ersten halben Jahr war ihre Neugier allerdings noch gedämpft, sie erlebte sich in dieser Zeit als sehr labil, doch dann
O-Ton 6 Claudia Schreiber:
dann war es ein großes Abenteuer, seinen eigenen Willen zu finden, aber das hat bestimmt
20 Jahre gedauert, bis der wirklich etabliert war. Immer wieder zu überlegen: Ist das das wirklich, was ich möchte? Ich hab auch öfter dann noch mal zum Beispiel den Beruf gewechselt oder den Ort gewechselt, wo ich gelebt hab, und, und, und, ja. Aber das ist eines der kostbarsten Dinge, muss ich sagen heute, seinen eigenen Willen zu kennen und zu dirigieren. Auch: vorsichtig zu dirigieren.
Autorin: Im Nachhinein stellt Claudia Schreiber nämlich fest, dass sie ihren Willen häufig viel zu massiv dirigiert hat. Sie hat zum Beispiel in Beziehungen viel zu schnell wieder Trennungen initiiert, viel zu schnell beschlossen: Nee, das will ich wieder nicht. So hat sie oft harte Übergänge verursacht, schmerzliche.
O-Ton 7 Claudia Schreiber: Das zu üben, dass es ein weicher Übergang ist, ein Prozess, der vorher durchdacht wird, das ist das Privileg eines Menschen, eines freien Menschen.
Autorin: Auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen sagt die Autorin Claudia Schreiber:
O-Ton 8 Claudia Schreiber: Ich schreibe gerne über Menschen, die ihre Freiheit finden. Das ist für mich das höchste Gut, das es überhaupt gibt. Wer einmal dessen beraubt wurde, weiß es, glaub ich, umso mehr.
Musik: Söhne Mannheims, CD Barrikaden von Eden, Titel 5: Freiheit, (3. Mai 2011);
Label: Söhne Mannheims GmbH (1) (Tonpool), LC 10957
Man kann es nicht beschreiben und dementsprechend kann man schlecht darüber singen, dieses Gefühl von Freiheit, wie soll der Funke überspringen!? Wenn ich nicht weiß und du nicht weißt, was Freiheit heißt wofür ham wir dann gelebt?
Autorin: Freiheit heißt Liebe, Freiheit heißt Rücksicht was die Söhne Mannheims hier singen, das hat Claudia Schreiber in ihrer gewonnenen Freiheit erst nach und nach gelernt. Aus diesem Grund hat für sie das Wort Buße inzwischen auch einen anderen Klang.
O-Ton 9 Claudia Schreiber: Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was ist ganz persönlich für mich eine Buße, dann merke ich: Es gibt so zwei, drei, vier Themen, die tun mir von Herzen leid. Da hab ich einfach völlig falsch gehandelt, völlig falsch reagiert. Oder Leute gekränkt. Da kommt für mich eine Buße.
Autorin: Büßen im Sinne von bereuen, von Herzen bereuen. Und um Verzeihung bitten. Und versuchen, es wieder gut zu machen; sofern das noch geht. Als Autorin sagt Claudia Schreiber über Buße und den Buß- und Bettag:
O-Ton 10 Claudia Schreiber: Wenn man als Geschichtenerzählerin über Buße redet, ist es ja eine Entwicklung. Geschichtenerzähler brauchen immer eine Entwicklung: von etwas Schrecklichem hin, dass man es verarbeitet, hin zu etwas Gutem. Buße ist, glaube ich, nicht ein Ereignis, sondern eine ganz lange Entwicklung. An die man vielleicht an so einem Tag erinnert wird, aber man kann das nie an einem Tag machen. Sondern eine wirkliche Buße ist: eine richtige Geschichte, selbst durchlebt, etwas begreifen und eine Änderung herbeiführen.
Autorin: Solch eine Buße macht glücklich, weiß Claudia Schreiber, weil man an einem Wendepunkt im Leben ein anderes Ziel gefunden hat. Und heilend in eine neue Richtung geht. In Claudia Schreibers damaliger Gemeinde allerdings war Büßen etwas ganz anderes: ein schreckliches Druckmittel, um Leute klein zu halten, um Macht auszuüben, um Angst zu machen.
O-Ton 11 Claudia Schreiber: Wir mussten jeden Tag büßen. Egal, was wir getan haben, wir mussten um Verzeihung bitten. Egal, ob überhaupt irgendwas war, wir mussten bereuen.
Autorin: Böse Absicht? Oder wussten es die Menschen selbst nicht besser?!? Claudia Schreiber hat im Laufe ihres neuen Lebens viele getroffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie, in freikirchlichen Gemeinden, aber auch in Gemeinden der evangelischen Landeskirchen. Menschen, die aus der Enge ihrer christlichen Gemeinde geflohen sind, weil sie nicht mehr aufrecht leben konnten unter den gnadenlosen Augen der Mitchristen. Und unter deren Gott, ein Gott, der jeden Gedanken, jede Tat streng beurteilt. Verurteilt.
Vielleicht ist der heutige Erinnerungstag fürs Büßen und Beten aus diesem Grund nicht richtig angekommen in unserem modernen Leben: weil Menschen die Worte zu oft missbraucht haben, sie benutzt haben, um andere einzuengen. Dabei steckt hinter den Worten Büßen und Beten eigentlich eine gute Idee der Freiheit. Martin Luther hat formuliert: Buße ist ein fröhliches Geschäft. Und wenn Jesus über Buße redet, dann klingt das ähnlich. In der Bibel, im Neuen Testament steht für Buße das griechische Wort metanoia, das heißt: seinen Sinn wandeln, umdenken. Jesus macht es wie Claudia Schreiber: Er spricht nicht in grauer Theorie über Buße, er erzählt eine Geschichte. Die Geschichte von einem jungen Mann:
SPRECHER (Jesus im Lukasevangelium, Kapitel 15):
Denkt euch einen Familienvater. Einen Bauern. Der hatte zwei Söhne. Der jüngere von den beiden kam eines Tages zu ihm und forderte: 'Vater, gib mir den Teil deines Geldes, der mir zusteht.' Der Bauer gab schließlich nach und teilte das Vermögen unter die beiden. Danach packte der Jüngere seine Sachen und reiste in ein fremdes Land. In der Fremde fing er an, in Saus und Braus zu leben, mit Freunden und Liebhaberinnen sein Vermögen zu verprassen. Als er alles verbraucht hatte, kam eine schwere Hungersnot über jenes Land, und er wusste nicht mehr, wovon er leben sollte. Schließlich fragte er einen Bürger von dort, ob er nicht Arbeit für ihn habe, zum Beispiel als Schweinehirt. Und so ging er auf dessen Felder und hütete die Schweine.
Endlich ging er in sich und überlegte: Das kann doch nicht alles sein! Zu Hause gibt es Brot, während ich hier am Hunger sterbe. Ich will nach Hause gehen und zu meinem Vater sagen: 'Ich habe Unrecht getan gegen Gott und gegen dich. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mach mich zu einem deiner Knechte!' Und er ließ den Schweinestall hinter sich und begab sich auf die Heimreise. Als er sein Elternhaus von weitem sah, erblickte ihn auch schon sein Vater. Dem tat es weh, ihn so zu sehen, so abgerissen und elend, und er tat ihm leid. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Der Junge wehrte sich, aber der Vater ließ ihn kaum ausreden und rief: 'Schnell, bringt das beste Kleid und legt es ihm an! Gebt ihm einen Ring an seinen Finger und Schuhe an seine Füße zum Zeichen, dass er noch mein Sohn ist, und lasst uns essen und fröhlich sein. Denn dieser hier, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig. Wir hatten ihn verloren und haben ihn wiedergefunden.' Und sie feierten ein großes, ein rauschendes Fest!
Autorin: Buße, also Umdenken ist in dieser Geschichte, die Jesus erzählt hat, tatsächlich ein fröhliches Geschäft. Und dabei interessierte Jesus nicht die Moral in der Geschichte, Jesus interessierten die Menschen: der Sohn, der Vater und ihre Beziehung. Diese war eine Zeit lang abgebrochen. Doch an einem Wendepunkt seines Lebens begreift der Sohn etwas, er schlägt eine neue Richtung ein, darum kann die Beziehung zum Vater neu aufleben. Das Leben kann wieder anders weiter gehen, gut weiter gehen. Und Jesus sagt: So wie in der Geschichte mit dem jungen Mann und seinem Vater, so ist es im echten Leben mit den Menschen und mit Gott: Gott kommt uns wie der Vater entgegen und nimmt uns in die Arme. Und für Buße, also für ein Umdenken ist es nie zu spät. Das ist die gute Nachricht, die Jesus von Gott erzählt, griechisch: eu-angelion. Kein Wunder, dass Jesus schon in seiner ersten öffentlichen Rede zu diesem fröhlichen Geschäft ermutigt:
SPRECHER (Jesus im Markusevangelium, Kapitel 1):
Tut Buße! Und glaubt an das Evangelium!
Musik 3: Rod Stewart, CD rodstewartunplugged, Titel 8: People get ready, LC 0392
People get ready, theres a train acoming, you dont need a ticket, just get on board
Autorin: Für den Theologen Jörg Zink ist die Szene von dem Sohn, der umkehrt, und dem Vater, der mit offenen Armen entgegenläuft, das Herzstück des Evangeliums. Jörg Zink hört in dieser Geschichte Jesus, der ihm sagt, der uns allen sagt:
SPRECHER (Jörg Zink):
Lass, was dich belastet, vor der Tür liegen und komm! Lege ab, was du getan hast, Gutes und Böses. Es spielt keine Rolle. Nichts, was du getan hast, interessiert mich. Was mich interessiert, bist du selbst. Komm, ich will mit dir feiern! Wenn dich dein Gewissen belastet oder deine Vergangenheit, dann höre auf die Einladung. Die Einladung zum Mahl, die ich ausspreche, ist die Vergebung der Sünden. So einfach ist das.
Zu sagen: Komm, es ist alles gut, ist der Anfang, von dem aus alles gut wird. Zu sagen: Es ist alles gut, es wird alles gut sein, das und nichts anderes ist das Evangelium.
(aus: Evangelisches Sonntagsblatt für Bayern, 31/2010 vom 1.8.2010, München)
Autorin: Das ist eine große Einladung in die Freiheit. Für uns Menschen ist Freiheit allerdings schwer auszuhalten. Wir sind erpicht auf Regeln, was man tun darf und was nicht. Mit einer Regel weiß ich immer, ob ich auf der richtigen Seite bin oder nicht. Meine ich zumindest. Und noch wichtiger ich weiß, ob die andere auf der richtigen Seite ist. Oder eben nicht. Und ob das Gott gefällt, was sie macht. Oder ob sie besser umdenken sollte, umkehren von ihrem falschen Weg.
Die Ermutigung von Jesus: Tut Buße!, die zu einem fröhlichen Leben einlädt, die hat Claudia Schreiber in ihrem alten Leben als Drohung zu hören bekommen: Wenn du nicht umkehrst, dann
!!!
O-Ton 12 Claudia Schreiber: Ich bin damals aus dieser Gemeinde gegangen und ich bin auch aus einer Ehe gegangen. Und der Pastor dieser Gemeinde hat mir einen Brief geschrieben und hat gesagt: Ich soll umkehren, ich soll zurückkommen. Wenn nicht und dann hat er eine richtige Drohung ausgesprochen, es kann sich auch um einen Fluch handeln , wirst du nie wieder glücklich mit einem anderen Mann. Das war dessen Form von Umkehr. Die ist gemein! Das ist Gewalt.
Autorin: 20 Jahre hat Claudia Schreiber benötigt, um ihre Schreckenserlebnisse mit einem fundamental gelebten Christsein zu verarbeiten. Und weil diese fundamentale Enge im christlichen Glauben keine Einzelerscheinung ist, hat sie ein Buch darüber geschrieben, einen Roman. Sie wollte Worte dafür finden. Geschichten. Das Buch heißt Ihr ständiger Begleiter. Es erzählt von Johanna, die von Kindesbeinen an eine sehr enge Beziehung zu Gott hat.
O-Ton 13 Claudia Schreiber: Das, was die Johanna, die Hauptfigur dort erlebt, hab ich nicht erlebt. Es geht nicht um die autobiografischen Strukturen, sondern es geht darum, dass ich ein Buch schreiben wollte, in dem wahrhaftig die Vorstellung von Gott, also die jeweiligen Bilder, die man von ihm hat in den verschiedenen Altersstufen in solch einer fundamentalen Struktur, dass die Wirklichkeit werden, richtig reale Person, nämlich: ihr ständiger Begleiter.
Autorin: Menschen haben unterschiedliche Bilder von Gott. Solche Bilder sammelte Claudia Schreiber und formte aus ihnen für ihren Roman eine echte Gestalt. Dieser Quasi-Gott beschützt die Hauptfigur des Romans, Johanna. Als sie Kind ist, ist er lebensnotwendig für sie, ist immer bei ihr.
O-Ton 14 Claudia Schreiber: Einzig, wenn sie auf dem Klo saß, hat sie gesagt: Du, bitte, dreh dich mal um! Ja (lacht), ich möchte nicht, dass du das siehst. Damit deute ich schon an, dass die Intimität nicht stimmt, dass ein ständiger Begleiter zu nah an einen heran kommen kann.
Autorin: Genau das tut der ständige Begleiter, der Quasi-Gott, dann auch: bei der erwachsen werdenden Johanna. Er kommt ihr extrem nah, geht über jede Grenze, guckt zum Beispiel ungeniert, ja, schamlos bei sehr intimen Szenen mit ihrem Freund zu, mischt sich sogar ein, sie solle das lassen. Damit erzählt Claudia Schreiber das, was sie selbst jahrelang zu hören bekam, als eine abstruse Szene: Nicht ihr Wille geschieht, sondern Gott will, dass sie tut, was er sagt.
O-Ton 15 Claudia Schreiber: Da ist diese Fremdbestimmung wieder. Und dieser absolute Drang dieser Hauptfigur, sich von ihm zu lösen. Bis dahin, dass sie ihn umbringt. Was allerdings auch wieder nix nützt (lacht), weil er gleich wieder lebendig wird.
Autorin: Claudia Schreiber schreibt gern über Menschen, die sich ins Leben wagen, die viel riskieren, um ihren eigenen Weg zu finden. Die sogar riskieren, Gott umzubringen. Besser gesagt, den von Menschen gemachten Götzen, den falschen Gott: diesen bedrängenden, einengenden, missmutigen Gott aus ihrem alten Leben. Nicht ohne Hintergedanken wird in Claudia Schreibers Roman Gott wieder lebendig. Denn sie will sich mit Gott auseinandersetzen.
O-Ton 16 Claudia Schreiber: Wer ist er eigentlich wirklich? Ich habe in diesem Buch so einige Szenen, wo Johanna als erwachsene Frau sich mit ihm auf n paar Campingstühle setzt und mal Tacheles redet. Das hat mir besonders gut gefallen, ja. Ich habe die geschrieben, als könnt ich das selbst mit ihm auch. Und habe mir quasi vielleicht einen neuen Gott geschrieben. Der manches zurechtrückt und sagt: So und so wollt ich das gar nicht. Das hat mir Spaß gemacht.
Autorin: Buß- und Bettag, ein Tag, um nachzudenken über individuelle Irrtümer und über gemeinschaftliche Irrtümer. Und um sich neu zu orientieren im Leben. Machen Sie was draus! Damit verabschiede ich mich von Ihnen aus Lemgo. Ich bin Antje Borchers.
Musik 4: Udo Lindenberg, CD Stark wie zwei, Titel 1: Ich zieh meinen Hut, (28. März 2008), Label: Starwatch (Warner), LC 14216.
Ich bin gerast durch dieses Leben, bin geflogen aus den Kurven, hab' mich selber ausgeknockt und immer weiter gezockt. Wo was los war - ich war da, war der Hexer in jeder Bar. Ich war hinter jeder Grenze - und so viel weiter. Mann, ich hab' mich selber fast verlor'n, doch so'n Hero stürzt ab, steht auf und startet von vorn.
Refrain: Doch du warst immer bei mir, irgendwie, wie 'ne superstarke Melodie, die mich packte und nach Hause trug
Musikinformationen:
1. Musik
CD-Name: Fornika
Titel: Einfach sein
Text: Die Fantastischen Vier
Interpreten: Die Fantastischen Vier
LC-Nr. 12735
2. Musik
CD-Name: Barrikaden von Eden
Titel: Freiheit
Interpreten: Söhne Mannheims
LC-Nr. 10957
3. Musik
CD-Name: RodStewartunplugged
Titel: People get ready
Interpreten: Rod Stewart
LC-Nr. 0392
4. Musik
CD-Name: Stark wie zwei
Titel: Ich zieh meinen Hut
Interpreten: Udo LindenbergLC-Nr. 14216
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