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Arsch huh - guck weiter als bis zur Fußspitze
Ich tu doch keinem was, dann tun die mir auch nichts. Das passiert ja auch nicht hier, sondern in der Nordstadt. sagt eine alte Dame dem Reporter.
Der befragt die Bevölkerung in verschiedenen Dortmunder Stadtteilen dazu, wie sie mit den Neonazis umgehen. Abwiegeln statt Hysterie, so fasst der Reporter seine Erfahrungen zusammen. Ganz gleich in welchem Stadtteil er fragt: Unbehagen ist bei allen Befragten spürbar. Aber solange es mich selbst nicht trifft
Alles, was weiter weg ist, das hat ´ne andere Dimension, als wenn es bei Ihnen am Fuß passiert. Das ist leider so.1, sagt eine Frau. Mitten in Dortmund-Dorstfeld, einem Schwerpunkt der Dortmunder-Neonazi-Szene.
Am Fuß das ist offenbar sehr wörtlich zu nehmen. Der Blick geht nicht mal bis in die Nachbarschaft, wo die Neonazis wohnen. Zahlenmäßig sind es nicht so viele, vielleicht 20 Personen, die die Führungsspitzen bilden und ihre Anhänger.2 Doch die verbreiten Angst: pöbeln Migranten an und verprügeln sie. Schwarz übersprühte Klingelschilder zeigen ihren Gegnern: Irgendwann bist du dran. Der Blick geht nicht weiter als bis zu den eigenen Füßen.
Schotten dicht, das ist ein Schutz und eine Sünde. Wie weit das gehen kann, zeigt eine Szene aus dem Jahr 1938: Mit ihren Laternen in der Hand zogen Kinder an Sankt Martin singend durch die Düsseldorfer Straßen.3 Auf den Bürgersteigen türmten sich Glasscherben und verkohlte Bücher. In der Nacht hatten SS-Leute gemeinsam mit Zivilisten die Wohnungen der jüdischen Bevölkerung zerstört. Einen Tag nachdem in ganz Deutschland Synagogen brannten und jüdische Wohnungen geplündert worden waren, nun ein Martinszug vor gespenstischer Kulisse. Als wäre nichts geschehen. Ein Aufschrei hätte doch durch die Straßen hallen müssen. Aber die meisten guckten weg oder halfen den Juden heimlich aus Angst.
Ausgrenzung und Gewalt sie kommen nicht plötzlich, sondern beginnen mit ganz kleinen Schritten. Vor zwanzig Jahren sang Wolfgang Niedecken:
Du gehst deine Brötchen holen, / so wie jeden Morgen wartest du an der Theke.
Da lässt ein Typ im Blaumann Sprüche ab, / bei denen es dir nur kotzschlecht wird.
Du denkst: "Nur raus hier. Was ist bloß passiert, / dass keine Sau reagiert?
Wie wäre es, wenn du dem "Blaumann" jetzt sagst, /dass du Rassistensprüche gar nicht verträgst?.
/ Wenn wir den Arsch nicht hochkriegen, /ist es eines Tages zu spät.4
Demonstrieren, sich zusammentun, damit es nicht zu spät ist. Wie vor zwei Wochen in Köln. Arsch huh, Zäng Ussenander Arsch hoch, Zähne auseinander wiederholten da die Kölnerinnen und Kölner.5 Es gibt noch viel zu tun. Vor 20 Jahren hatten sie das erste Mal dieses Lied gesungen als Protest gegen Neonazis und Rassismus. Wegen der Welle ausländerfeindlicher Gewalttaten Anfang der 90er Jahre. Wenn ich meine Angst überwinden will, brauche ich Gemeinschaft. Die stärkt mich.
Am Buß- und Bettag versammeln sich heute viele Menschen in den evangelischen Kirchen. Sie denken an ihre persönliche Schuld und daran, was wir als Gemeinde, Kirche und Gesellschaft Menschen schuldig bleiben und antun. Ein Tag, der mir zeigt: Wir sind viele, die sich gegen Rassismus und Neonazis einsetzen und der mich aufrüttelt, der mich daran erinnert, hinzugucken. Mein Gebet heute: Gott, vergib mir, wenn ich andere ausgrenze. Lass mich den Arsch hoch kriegen, wenn Menschen anderer Hautfarbe, Herkunft oder Sprache benachteiligt, beschimpft oder angegriffen werden. Lass mich aufmerksam bleiben auf die kleinen Schritte der Gewalt, mit denen das große Inferno beginnt.
1 http://www.wdr5.de/sendungen/neugier-genuegt/s/d/02.11.2012-10.05/b/kalkuel-der-angst-neonazis-in-dortmund.html
2 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-04/nazi-dortmund-ruhrpott
3 http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.1742.html
4 http://www.bap.de/start/musik/songtexte/titel/arsch-huh-z%C3%A4ng-ussenander
5 www.arschhuh.de
Arsch huh - guck weiter als bis zur Fußspitze
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