Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.11.12; Militärpfarrerin Susanne Schart

Volkstrauertag

Sprecher 1: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

1. Musik / Männerchor a capella: Da pacem, Domine in diebus nostris quia non est alius, qui pugnet pro nobis nisi tu, Deus noster

Predigerin: Da pacem, Domine. Gib Frieden, Herr. Der lateinische Gesang der Mönche klingt durch die Hallen des Klosters. Damals im 6. Jahrhundert. Wieder und wieder ertönt das Singen der geistlichen Brüder, als wollten sie den Frieden erzwingen. Ja, als könnte ihr Gesang den Krieg in der ganzen Welt vertreiben. Ein für alle mal.
Singend gegen den Krieg! Wie hilflos, wie einfältig muss das klingen für Menschen, die Krieg am eigenen Leib erleben mussten.
Eine Überlebende des Zweiten Weltkrieges erzählt von ihren Erlebnissen:

O-Ton 1: Krieg ist das Schlimmste, was es überhaupt gibt. Was ich jemals erlebt habe. Krieg ist Vernichtung aller Werte. Zerstörung allen Lebens überhaupt. Mit einer ganz ungewissen Zukunft. Sterben und töten. Wie die sich gegenseitig umgebracht haben damals, nur um der Macht willen. Wenn ich nicht schieße, schießt der andere.

2. Musik instrumental / Trompete solo: Verleih uns Frieden gnädiglich (eg 421)

Predigerin: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Dieser Choral von Martin Luther ist eng verbunden mit der deutschen Kriegsgeschichte. Es ist immer dieselbe Sehnsucht nach Frieden, die über die Jahrhunderte zu anderen Melodien erklingt. Als Martin Luther 1529 den lateinischen Friedensruf Da pacem, Domine ins Deutsche übersetzt, steht Deutschland Krieg bevor. Der türkische Sultan belagert mit einem gewaltigen Heer die Tore Wiens. Ein Sieg der muslimischen Truppen scheint unausweichlich. Die Menschen damals befürchteten nicht nur den politischen und wirtschaftlichen Untergang des ganzen Abendlandes. Sondern auch das Ende des Christentums. Martin Luther tut in dieser Not das, was er als Gottesmann eben tun kann: mehr als allen militärischen Streitkräften vertraut er der Macht des betenden und singenden Wortes:

3. Musik / Chor + Bläser: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine. Johann Sebastian Bach-Version

Sprecher 2: Gott, gib Frieden deinem Lande, Glück und Heil zu allem Stande. Herr Gott, himmlischer Vater, der du heiligen Mut, guten Rat und rechte Werke schaffest, gib deinen Dienern Frieden, welchen die Welt nicht geben kann, auf daß unsere Herzen an deinen Geboten hangen und wir unsre Zeit unter deinem Schutz still und sicher vor Feinden leben. Durch Jesum Christum, deinen Sohn, unsern Herrn. Amen (in: Johannes Kulp, Die Lieder unserer Kirche, Göttingen 1958, Handbuch zum EKG, Sonderband, S. 228)

O-Ton 2: Der Krieg ist etwas Furchtbares; von dem man hofft, das es nie wieder kommt. Ich war damals 1944 in Hannover, als Schwesternschülerin. Und das war natürlich ganz hart, denn die Angriffe auf Hannover waren tagtäglich. Wir hatten den ganzen Keller voller Frauen; darunter viele Schwangere. Und auch viele Kinder. Wir haben schreckliche Angst gehabt, weil das immer von oben knallte. Wir haben immer nur gewartet auf die Bomben.

4. Musik / Orgel solo: „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (Michael Prätorius)

Predigerin: Krieg auf deutschem Boden. Als diese Orgelmelodie zu Luthers Choral erklingt, ist es noch nicht der Zweite Weltkrieg. Der 30jährige Krieg herrscht in Deutschland und in ganz Europa. 30 lange Jahre regieren Gewalt, Mord und Elend. Seuchen und Hungersnöte haben verheerende Folgen. Ganze Landstriche werden entvölkert. Menschen werden geboren und sterben in dieser Zeit, ohne auch nur einen einzigen Tag des Friedens gesehen zu haben. Unvorstellbar für uns hier und heute. Frieden. Welch liebliches Wort. Frieden. Welch wunderbarer Traum. Frieden. So fern und unerreichbar.

5. Musik / Frauenchor + Orgel: „Herr Gott, Herr Gott, verleih uns Frieden gnädiglich“ / (A. Hammerschmidt)

Predigerin: Im Jahre 1646, zwei Jahre vor Ende dieses unerbittlichen 30jährigen Krieges, komponiert Andreas Hammerschmidt eine neue Melodie zu Luthers Friedensworten. Herrgott, verleih uns Frieden gnädiglich. Wieder und wieder erklingt der verzweifelte Ruf, Gott als Mitstreiter zu gewinnen. Denn wer könnte sonst helfen? Wer könnte das Kriegsleid endlich beenden? Etwa Armeen von Soldaten? Vielleicht neue Waffen? Oder die Obrigkeit? Nein! Herrgott, wer, wenn nicht Du alleine?

6. Musik / Frauenchor + Orgel: „… denn Du unser Herr Gott alleine“ / (A. Hammerschmidt)

Predigerin: Ob der 30jährige Krieg, der Erste oder der Zweite Weltkrieg. Ob Angreifer oder Verteidiger. Sieger oder Verlierer. Freund oder Feind. Die Kriegserlebnisse bleiben immer gegenwärtig. Auch nach all der Zeit. Denn sie brennen sich in die Seele. Wer dem Krieg ins Gesicht sah. Ihn am eigenen Leib erfahren hat, weiß: man wird ihn nie mehr los. Die Seele vergisst niemals. Selbst in Friedenszeiten ist der Krieg ein ständiger Begleiter. So berichtet es eine Zeitzeugin des Zweiten Weltkriegs:

O-Ton 3: Ich habe heute noch Alpträume von den Angriffen, die dann am Kriegsende kamen. Wo man dann immer wieder in den Keller musste. Ich habe Alpträume, dass ich eingesperrt bin. Ich sehe, ich bin mit vielen Menschen zusammen, und auf einmal sind alle Türen zu, alle Fenster zu. Ich bin da eingemauert und komme da nicht mehr raus. Und wache davon schweißgebadet auf.

7. Musik / Orgel, Trompete, Posaune: „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (F. Mendelsohn Bartholdy)

Predigerin: Engelsgleich erklingt eine Melodie. Lieblich und zart, wie man sie nur in Zeiten des Friedens anstimmen kann. Felix Mendelssohn Bartholdy komponiert 1831 seine Melodie zu Luthers Friedensruf. Es sind ganz andere, leise Töne, die den Frieden schon vorweg nehmen. Er scheint zum Greifen nah. Komponiert von einem Christen mit jüdischen Wurzeln, der noch nichts ahnt vom Dritten Reich. So singt man nur mit Frieden im Herzen. Die Fäuste geöffnet zum Segen. So muss es sein, wenn endlich himmlischer Friede herrscht. Mitten auf Erden.

8. Musik / Orgel und Chor: „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (F. Mendelssohn Bartholdy )

Predigerin: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen!“ So sagt es ein viel zitierter Satz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Und er gilt noch heute. Aber seit mehr als 20 Jahren sind deutsche Soldaten wieder in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Ob im Golfkrieg 1 (1991). In Kambodscha (1991). Somalia (1993). Auf dem Balkan (seit 1995) oder (seit 2001 bis heute) in Afghanistan. Und der letzte Einsatz ist noch nicht beendet, da erscheint schon ein neuer am Horizont: Mali. Die Bundeswehr ist im Einsatz. Und mit ihr auch Deutschland. Nur die deutsche Bevölkerung will davon oft nichts wissen.

Krieg ist schon lange nicht mehr nur ein Teil deutscher Geschichte. Krieg oder sagen wir korrekter „kriegsähnliche Zustände“ – denn diese Formulierung beruhigt die politischen Gemüter – gehören schon längst wieder zu unserer Gegenwart. Wenn auch nicht auf deutschem Boden. Und es sind gerade die Soldaten und deren Familien, die darunter leiden. Ein Offizier der Bundeswehr erzählt von seinem letzten Einsatz in Afghanistan:

O-Ton 4: Am meisten habe ich darunter gelitten, dass ich fünf Monate lang getrennt war von meiner Familie, meiner Lebensgefährtin. Fünf Monate allein mit meinen Soldaten, für die ich verantwortlich war. Weit weg am Hindukusch. Und während meines Einsatzes ist ein deutscher Kamerad gefallen. Als Kompaniechef hatte ich die Aufgabe, den Sarg des toten Kameraden zuzulöten. Ich habe mich mit dem Gedanken über den Tag gerettet, dass dies die letzte Ehre ist, die ich dem Kameraden noch erweisen kann. Und ich bin mir ganz sicher, er ist jetzt da, wo wir noch alle hinwollen. Er darf nur nicht mehr bei uns sein. Aber in Gedanken ist er immer bei uns.

9. Musik: Orgel solo / Vorspiel „Dona nobis pacem und Verleih und Frieden gnädiglich“ (Gerd-Peter Münden)

Predigerin: 53 Angehörige der Bundeswehr sind bislang in Afghanistan gestorben. Wie gedenken wir ihrer angemessen? Zum 60. Mal begeht die Bundesrepublik Deutschland den Volkstrauertag. (Als staatlichen Gedenktag an diesem Sonntag zum Jahresende.) Das ist eine Möglichkeit. Nur: das Volk vergisst zu trauern: um seine Opfer von Krieg und Gewalt. Um die Kinder, Frauen, Männer, die ihr Leben ließen und lassen. Und auch um seine Soldaten. Dabei geht es nicht um Heldenverehrung. Sondern um ein Zeichen gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit! 60 Jahre Volkstrauertag. Mir scheint, es trauern vor allem die Soldaten. Nicht um sich, sondern um ein Volk, in dessen politischem Auftrag sie handeln. Um ein Volk, das sie fernab von der Heimat vergessen zu haben scheint.

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Eine der jüngsten Versionen zu Martin Luthers Choral stammt von Gerd-Peter Münden aus dem Jahre 2000. Ein Jahr vor Beginn des Afghanistaneinsatzes. Mit ihr schließt sich der Kreis zu den Anfängen unseres Chorals. Sie verbindet Luthers Friedensruf mit einem lateinischen Text: Dona nobis pacem – Gib uns Frieden.

Diese zeitgenössische Komposition erinnert uns daran: der Friedensruf darf noch lange nicht verstummen, denn es sterben immer noch Menschen im Krieg. Ich denke an meinen Großvater, dem im Ersten Weltkrieg die Kniescheibe zerschossen wurde. Ich denke an meinen Vater, der im Zweiten Weltkrieg als 15jähriger in russische Gefangenschaft geriet. Ich denke an einen 23jährigen Soldaten, der in Afghanistan fiel und an dessen Sarg ich stand. Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf? Denn jedes Kriegsopfer, egal, ob Freund oder Feind, ist eins zu viel. Jeder einzelne Tote mahnt uns dazu, entschieden einzustehen: für den Frieden in unserer Welt.

10. Musik / Chor und Orgel: (Dona nobis pacem und Verleih und Frieden gnädiglich) (Gerd-Peter Münden)

Predigerin: Die Sehnsucht nach Frieden war und ist unermesslich. Sie zieht sich nicht nur durch die deutsche Geschichte, sondern durch die Geschichte der Menschheit. Von Kain und Abel bis zum heutigen Tag. Kein Jahrhundert, kein Jahrzehnt, kein Tag ohne Gewalt und Krieg. Kein Tag ohne Angst und Schrecken. Kein Tag ohne Sehnsucht. Frieden hat die Welt nie gesehen. Frieden ist, was ihr fehlt. Das dürfen wir nie vergessen. Wer Krieg selbst erlebte und überlebte – egal ob als Soldat oder als Zivilperson, trägt diese Sehnsucht tief im Herzen:

O-Ton 5: Frieden ist für mich das höchste Gut. Dafür bin ich auch bereit, mein Leben zu geben.

O-Ton 6: Frieden ist für mich leben dürfen, Zukunft haben. Völkerverständigung vor allen Dingen. Anderen zu helfen. Und dafür zu sorgen, dass nicht wieder so ein Inferno passiert.

11. Musik / Trompete solo: „Verleih uns Frieden gnädiglich“ ( eg 421)

Sprecher 3: Und Gott wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen (müssen), Krieg zu führen. (Jesaja 2,4)


Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 16.12.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Thomaskirche in Bonn gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Uwe Rieske.


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