Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.11.12; Pfarrer Dr. Gerd Höft

Wachet auf ruft uns die Stimme (eg 147)

Autor: Es gibt Choräle, die machen es einem nicht leicht. Der hier gehört für mich dazu:

1. Musik: Choral: Wachet auf, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
wach auf, du Stadt Jerusalem.
Mitternacht heißt diese Stunde; sie rufen uns mit hellem Munde:
wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wacht auf, der Bräut’gam kommt, steht auf, die Lampen nehmt!
Halleluja!
Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müsset ihm entgegengehn!

Autor: Gesungen hab ich ihn immer gern. Er kommt so kräftig daher mit seiner fanfarenartigen Melodie. Es geht rauf und runter; nie langweilig. Und irgendwie für sich genommen, leuchtet auch der Text ein, bilderreich und prachtvoll, irgendwie großes Kino. So gesehen ist auch die zweite Strophe nicht von schlechten Eltern:

1. Musik: Choral: Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen,
sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig,
ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Kron, Herr Jesu, Gottes Sohn!
Hosianna!
Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.

Autor: Da sehe ich alles so klar vor mir, ich sehe...ja was eigentlich? Und da fängt es dann an. Nichts passt so richtig zusammen.
Da gibt es zunächst eine Stadt mit Stadtwächtern. Es ist Mitternacht. Da gibt es eine Handvoll Mädchen, die haben geschlafen und werden jetzt von den Wächtern geweckt. sie sollen ihre Fackeln nehmen und einem Bräutigam entgegengehen Soweit so gut. Bibelkenner wissen: Hier wird aus dem neuen Testament das Gleichnis von den vernünftigen und unvernünftigen jungen Frauen aufgegriffen:

Sprecherin: Der Bräutigam wird zur Hochzeit erwartet. Das Empfangskomitee steht bereit. Zehn junge Frauen ausgestattet mit brennenden Fackeln. Aber der Erwartete kommt und kommt nicht. Dann mitten in der Nacht großes Geschrei: der Bräutigam kommt. Die Mädchen tauchen ihre Fackeln in frisches Öl; dh. nicht alle. Fünf haben nicht mit der langen Wartezeit gerechnet; sie haben kein Ersatzöl dabei. Sie betteln bei den anderen; die weisen sie ab: Besorgt euch welches von anderswo.
Während die also zum Händler hasten, holen die anderen den Bräutigam ein. Es geht zum Festsaal, die Tür wird verschlossen und das Fest beginnt.
Und die fünf an deren? Als die schließlich eintrudeln, stehen sie vor verschlossener Tür. Bitten um Einlass. Und werden vom Bräutigam abgefertigt: „Ich kenne euch nicht!“ Was so viel heißt wie: verschwindet gefälligst!

2. Musik: Edward H. Tarr (Orgel und Trompete)

Autor: Aber jetzt die zweite Strophe: Die Stadt wird plötzlich zur Person. Die frau gewordene Stadt freut sich über die nächtliche Ruhestörung; denn ihr Freund kommt. In einem Halbsatz hören wir: Jesus ist der Freund. Und alle gehen zum Festsaal zu einem reichlich späten Abendessen.

Klar: auch hier gibt es Bezüge zu biblischen Bildern. Aus dem Alten Testament. Und die passen nicht so recht zu denen der ersten Strophe. Da ich heute Morgen hier nicht so viel Zeit habe, schiebe ich einmal alle gesammelten Ungereimtheiten beiseite und konzentriere mich auf die erste Strophe. Was will uns das Gleichnis und damit auch der Choral im Wesentlichen sagen? Er will uns etwas über das Reich Gottes sagen. Der Bräutigam steht für Jesus, der bringt irgendwann dieses Reich zu den Menschen. Wann? Das weiß keiner. Aber wer die Ankunft verschläft oder durch Nachlässigkeiten verpasst, hat keine Chance mehr.

2. Musik 

Autor: Das Gleichnis spiegelt die Situation der ersten christlichen Gemeinden einige Jahrzehnte nach Christi Auferstehung. Alle rechneten wohl mit der baldigen Wiederkunft Jesu und dem nahen Anbruch des Gottesreiches. Aber nichts passiert. Die Jahre gehen ins Land; die Leidenschaft bröckelt, die Anspannung lässt nach. Das ist enttäuschend für viele. Nicht wenige werden frustriert die Gemeinde verlassen und sich wieder den alten Göttern und den ganz diesseitigen Verhältnissen zugewendet haben. Diesen verunsicherten Gemeinden gibt das Gleichnis Zuckerbrot und Peitsche. Es schmeichelt und droht. Das Reich Gottes kommt bestimmt, ganz sicher, keine Frage. Das ist das Zuckerbrot. Aber wann? Es kommt, wenn es Gott gefällt. Und das kann dauern. Aber das ist kein Grund für Nachlässigkeiten und Schlampereien im Glauben und im Glaubensleben. Das ist die Peitsche. Also für uns gesprochen, die wir seit 2000 Jahren warten:

Du kannst dein Leben nicht führen, wie es dir gefällt; aus dem christlichen Glauben nur das herauspicken, was dir in den Kram passt; so tun als gäbe es Gott, Jesus und seine Lebensregeln nicht und vielleicht kurz vorm Ende sagen: Ist ja immer noch Zeit zu bereuen oder sich christlich gemäß zu verhalten. Nein, so wird das nicht funktionieren, sagt das Gleichnis: Entweder du bist Christ, dann erwartest du Gottes Reich in jedem Augenblick und lebst dann auch danach, auch wenn es dein ganzes Leben dauert. Oder du bist so ein Dann-und-wann-Christ, dann wirst du sehr überrascht sein, wenn Jesus zu gegebener Zeit zu dir sagt: Verschwinde. Ich kenne dich nicht. Damit dir das nicht widerfährt, gilt: Du darfst nicht nachlassen, an das zu glauben, was dir wichtig ist und das zu erwarten, wofür es sich zu warten lohnt. Dann haben wir es gut, mischen uns unter die Engel und dürfen singen:

3. Musik: Choral: (Weinheimer Singkreis)
Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelszungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt; wir stehn im Chore
Der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.

 Musikinformationen

Musik 1
CD: Christmas Carols and Motets –The Tallis Scholaris
Track: 15
Komponist: Michael Praetorius
Chor: Tallis Scholars
Dirigent: Peter Philipps
LC-Nr.: 08591
Label: Gimell

Musik 2
CD-Titel: Advent Music (Choral and Instrumental Pieces)
(Festliche Adventsmusik)
Track-Nr. und Titel: Track 20 Wachet auf, ruft uns die Stimme
Komponist: Helmut Bornefeld (1906-1990)
Interpret: Edward H. Tarr
LC-Nr.: 00612
CD-Verlag und Ort: Christophorus, Wiesbaden/Freiburg i.Br. 1987

Musik 3
CD-Titel: Traditionelle Advents- und Weihnachtslieder
Track-Nr. und Titel: Track 1 Wachet auf, ruft uns die Stimme
Komponist: Helmut Bornefeld (1906-1990)
Interpret: Weinheimer Singkreis
LC-Nr.: 13802
CD-Verlag und Ort: Bob-Media, Elsdorf (Jahr nicht bekannt)




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