Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.11.12; Pfarrerin Annette Krüger

Geburtstag in Afghanistan

Jens hat Geburtstag. Es ist sein 34ster. Er hat Kerzen angezündet. Sie stehen neben ihm. Hinter ihm liegen Rucksack und Schlafsack.

Man könnte meinen, er hat sich zu seinem Geburtstag eine besondere Tour in die Natur gegönnt. Aber: Er sitzt auf einem Feldbett. Den Kopf ein wenig gesenkt, richten sich seine Augen auf das karge geschundene Land vor ihm. Jens – so habe ich ihn genannt – ist Soldat in Afghanistan. Sein Foto war vor einiger Zeit in unserer Zeitung. Es gehört zu einer Ausstellung von Bildern, die in Bochum zu sehen waren. Wahre Bilder vom Krieg. Eindrückliche Aufnahmen. Von kämpfenden Truppen, von Angst und Trauer - und mittendrin ein stilles Bild des Lebens.

Zeitzeugin nennt sich die Fotografin selbst. Sie will, dass wir hinsehen, aber auch innehalten für einen Moment. Denn in ihren Bildern stecken Geschichten von Menschen, von Schrecken und Leid, von dem Bemühen um Würde und Normalität, aber auch von Hoffnung, Mut und Überlebenswillen. Heute am Volkstrauertag werden wir wieder daran erinnert, wie viele Wunden die unzähligen Kriege und Auseinandersetzungen, hier bei uns und auf der ganzen Welt hinterlassen und hinterlassen haben. Aus manchen Köpfen sind sie nicht mehr weg zu bekommen, die Bombenangriffe, der Krieg an der Front, Flucht und Vertreibung, das unendliche Leid der Menschen jeden Tag.

Aber da sind auch die anderen Bilder in der Erinnerung von dem, was in dieser Zeit getragen, ermutigt oder aufgerichtet hat. Der Brief von Zuhause, unerwarteter Trost, das geschenkte Stück Brot, die stille Umarmung. Vielleicht ist es bei Jens das Foto seiner Freundin, tausende von Kilometern weit weg und doch in der Brusttasche seiner Jacke seinem Herzen so nahe. Vielleicht hat sie ihm auch etwas Besonderes für seinen Geburtstag in den Rucksack gesteckt, bevor er das letzte Mal wieder zurückflog nach Afghanistan. Ich stelle mir das einfach mal vor: Ein kleines Päckchen findet Jens da zwischen seinen Klamotten eingewickelt. „Erst am Geburtstag öffnen!“ steht darauf. Das löst manches in ihm aus.

Geburtstag hieß für ihn immer: Marmorkuchen. Von Kindheit an nicht weg zu denken. Und tatsächlich ist in dem Päckchen eine kleine Dose mit Marmorkuchen!

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die unerwartet unsere Seele streicheln. Manchmal ist es ein Wort, das uns wieder einfällt oder geschenkt wird – wie der Marmorkuchen.
Für mich ist das wie Brot des Lebens, in unsere Gedanken hineingelegt, wir können es schmecken, damit es uns stärkt und trägt in trostloser Zeit. Die Bibel ist übrigens voll von solchen Worten, die Brot des Lebens sind. Eins finde ich besonders schön:

Fürchte dich nicht, sagt Gott.
Ich bin bei dir.
Ich stärke dich,
ich helfe dir auch
und halte dich mit meiner rechten Hand. (Jesaja 41,10)

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrerin Annette Krüger aus Witten.

 

Audiobeitrag Geburtstag in Afghanistan


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