Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.11.12; Pfarrerin Johanna Krumbach

Die Wahrheit

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Kindheitserinnerungen: Ich habe einen Fleck in die neue weiße Sonntagstischdecke gemacht, mit meinen Malstiften;

obwohl mir meine Eltern verboten hatten, auf der neuen Decke zu malen. Mein Vater fragt: „Warst du das, Johanna?“. Meine Scham und meine Angst vor der Strafe sind zu groß: „Nein“, sage ich, „Ich weiß nicht, wie der Fleck dahin gekommen ist.“ Er wiederholt die Frage mehrfach und erhält die immer gleiche Antwort von mir. Ich fühle mich schrecklich! Die Schuldgefühle wiegen immer schwerer; ich kann an nichts anderes mehr denken und mich über nichts mehr freuen. Mein Vater stellt zum letzten Mal die Frage: „Warst du das, Johanna?“ – Endlich sage ich: „Ja“. Und….nichts passiert. Kein Donnerwetter, keine Strafpredigt . Mein Vater wollte nur, dass ich die Wahrheit sage, und mich zu meiner Tat bekenne. Danach kann ich wieder frei aufatmen. Die Last ist von meinen Schultern genommen.

Jesus sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. (Johannes 8,32)
Ich glaube, das ist richtig. Es gibt keinen anderen Weg als die nackte Wahrheit, so schmerzlich sie auch sein mag. Für einen selbst und für den, der sie hört manchmal auch.

Jesus weiß etwas davon, wie sehr Schuld einen Menschen belasten und bedrücken kann. Als Kind sind es die kleinen Verfehlungen, an denen man wächst, als Erwachsener wiegen die Fehler meist schwerer – manchmal unendlich schwer. Doch die Erfahrung zeigt, wo Menschen ihre Schuld zugeben und laut aussprechen, da werden sie frei. Da fällt die Last von den Schultern, der Stein vom Herzen. Die Wahrheit zu sagen ist nicht immer leicht – es erfordert in mancher Situation großen Mut. Denn die Wahrheit hat Folgen. Die Schuld ist nicht einfach weggenommen, wenn ich die Wahrheit sage. Wenn ich bekenne, dass ich Unrecht getan habe. Für mein Tun muss ich auch die Konsequenzen tragen. Und das kann hart sein. Aber die Wahrheit macht den Weg frei für Vergebung und damit für einen Neuanfang. Jesus wollte nicht, dass wir lebenslang in dem Netz unserer Schuld verstrickt sind. Er selbst hat den Teufelskreis von Schuld, Angst und Lüge durchbrochen. Denn Jesus weiß etwas davon, dass Schuld einen Menschen so sehr belasten kann, dass er krank wird. Schuld lähmt. Wie bei jenem Gelähmten, den seine Freunde durch das Dach eines Hauses lassen, damit Jesus ihn heilen kann. Jesus sieht, dass es hier nicht nur um eine körperliche Krankheit geht – sondern um sehr viel mehr. Er sagt zu ihm: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Vergebung macht frei, die Lähmung lässt nach. Und so kann der Mann schließlich aufstehen und zurück ins Leben gehen.

Ich wünsche uns, liebe Hörerin und lieber Hörer, dass wir den Mut zur Wahrheit finden. Und dass wir dann frei werden und erfahren, wie uns eine Last von den Schultern genommen wird. Gott befohlen! Aus Augustdorf grüßt Sie Pfarrerin Johanna Krumbach.

 

Audiobeitrag Die Wahrheit


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